14. November 2019

Gabe der Entscheidung und Mut aufeinander zuzugehen

„Und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!“ ist im Innenteil der Einladung zum ökumenischen Gottesdienst zu lesen. Anlass sind die Einführungen des evangelischen Gefängnisseelsorger Lothar Schulte und des katholischen Gefängnisseelsorger Hubertus Schmidt für ihren Dienst in der Justizvollzugsanstalt Attendorn. Es scheint wichtig zu sein, sich des Friedens zu vergewissern, auch wenn er da ist, gar nicht gefährdet scheint, wenn hier zwei Seelsorger sagen, wir möchten unseren Weg in der JVA Attendorn ausdrücklich zusammen gehen, wir schätzen uns, wir sind ökumenisch miteinander unterwegs, […]
9. Oktober 2019

Mose als Straftäter in der Begegnung mit Gott

Aus dem ersten Testament und dem Buch der Thora lesen wir über den Propheten Mose. Als junger Mann ging Mose vom ägyptischen Königshof hinaus zu den Sklaven. Er kam in Kontakt mit seiner Herkunft. Wir erfahren nicht, ob er von seiner israelischen Abstammung wusste. Hier wurde Mose Zeuge von Gewalt an einem Hebräer. Offenbar – das könnte ein Teil seiner Persönlichkeit gewesen sein – erregte ihn die deutliche Ungerechtigkeit. Er sah sich um, ob keiner ihn sehe, schlug ihn in Verbundenheit zu seinem Volk tot und verscharrte ihn […]
4. August 2019

Ein Mensch ist kein „süßes Stückle“

Eine Rede zur Trauung. Schön, dass wir hier alle beisammen sind – Angehörige und Freunde von Natia und Dirk. Die beiden möchten in unserem Beisein sich noch einmal ganz feierlich das JA-Wort geben. Ich freue mich, dass ich hier etwas sagen darf, denn normal rede ich nur bei Beerdigungen. Doch das hier ist keine Trauerfeier, sondern ein Trouwfeest, wie wir in Belgien sagen. Dirk und Natia trauen sich, sie trauen sich die Ehe zu. Im Mai wart ihr auf dem Standesamt. Seitdem seid ihr offiziell verheiratet. Für euch […]
24. Juli 2019

Religion – Opium des Volkes?

Anders als im Staatsbürgerkundeunterricht meiner Schulzeit lese ich diese Äußerung von Karl Marx heute etwas gelassener und differenzierter. Nein, nur ein plumper Betrug ist die Religion für ihn nicht. Derart verächtlich gemacht hat sie erst Wladimir Iljitsch Lenin mit seiner Formulierung „Opium für das Volk“. Damit verbindet sich ja die Vorstellung, Religion sei ein raffiniertes Instrument der herrschenden Klasse, um die Untertanen gefügig zu halten. Marx hingegen sieht noch, dass Religion in einer ungerechten und unbarmherzigen Welt durchaus Halt verleihen kann, kritisiert aber, dass sie Menschen nicht dazu […]
21. Juli 2019

Magdalenische Sehnsucht anstelle veralteter Kirchenregeln

Der Gedenktag der Schutzpatronin der Gefangenen, der Tag der heiligen Maria Magdalena (22. Juli) wurde durch Papst Franziskus in den Rang eines Festes erhoben. Mit dem neuen Sommer-Tonträger „Heartset Vibes“ („Aufs Herz gesetzte Stimmung“), möchten der ehrenamtliche Musiker der JVA Fulda, Addi Haas und der Gefängnisseelsorger Diakon Dr. Meins Coetsier mit ihrem Musikprojekt „Divine Concern“ (Göttliche Betroffenheit) nun die Frau ehren, die als erster Mensch – noch vor den männlichen Aposteln (und zukünftigen Märtyrern und Heiligen) – dem auferstanden Christus begegnete und seine Auferstehung bezeugte. Das Thema des […]
27. Juni 2019

Gehören Tattoos und Religion zusammen?

War der Apostel Paulus tätowiert? Es gibt Bibelstellen, die das nahelegen – und auch andere bedeutende Personen der Kirchengeschichte trugen Tattoos. Heutzutage sind Tätowierungen allgegenwärtig: Sie finden sich nicht mehr ausschließlich auf der Haut von Seeleuten oder Motorradfahrern, sondern werden neben Inhaftierten auch von Bediensteten einer Justizvollzugsanstalt getragen. Auch wenn viele Tattoos keine ausdrücklich religiöse Botschaft haben, gibt es doch eine enge Verbindung zwischen Tätowierungen und Glaubensüberzeugungen. Was antike Kulturen, mittelalterliche Franziskaner und pilgernde Weltenbummler mit Tattoos zu tun haben, erklärt der Theologe und Schriftsteller Paul-Henri Campbell, der […]
28. Mai 2019

Diakonischer Dienst hinter der Mauer

Nach einer über 1000 Jahre langen Unterbrechung führt das Zweite Vatikanische Konzil den Diakonat als eigenständiges Amt wieder ein. Im Zuge dieser Wiedergeburt gründet sich 1965 das Internationale Diakonatszentrum (IDZ). Das IDZ veranstaltet internationale Studienkonferenzen, fördert die Etablierung des Diakonats in verschiedenen Regionen, entwickelt Ausbildungskonzepte und bringt die Zeitschrift “Diaconia Christi” heraus. In der Ausgabe #54/2019.1 rückt das Arbeitsfeld des Gefängnisses in den Mittelpunkt. Das IDZ arbeitet es als kirchlich anerkannter, gemeinnütziger Verein. Engagierte Frauen und Männer tragen das Internationale Diakonatszentrum mit Sitz im baden-württembergischen Rottenburg. Laien, TheologInnen sind […]
26. Mai 2019

Schuldiger Mensch verliert Würde nicht

Die Sorge der Kirche um die Gefangenen gehört zu den Werken der Barmherzigkeit, die das Evangelium lebendig werden lassen. Im Gleichnis vom Weltgericht im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums (Mt 25, 31-46) wird auch der Besuch bei den Menschen im Gefängnis zum Entscheidungskriterium über Heil und Unheil: „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25, 36). Dabei ist anscheinend nicht entscheidend, ob jemand unschuldig im Gefängnis sitzt oder ob er ein schlimmes Verbrechen abbüßen muss. Jesus, der Richter, identifiziert sich mit den Menschen, denen aus […]
12. Mai 2019

Die Welle ist das Meer

Die mystische Erfahrung – die auch in der Geschichte des Christentums eine große, allerdings immer wieder verdrängte Rolle spielt – geht zurück hinter die Kluft zwischen Gott und Welt. Anschaulich beschreibt Willigis Jäger, Benediktinermönch, Zen-Meister und Mystiker, mit dem Bild von der Welle, die das Meer ist. Die ursprüngliche Wirklichkeit – das Meer – ist nicht zuerst da, um dann eine Welle hervorzubringen, die losgelöst vom Meer existiert: Die Welle (das Ich) ist das Meer; und gleichzeitig ist das Meer nur als Welle. Alle Gegensätze und Dualismen sind in […]
19. April 2019

Veränderung und Heilung ist möglich

Wie kannst du mit einem sprechen, der seine Frau erschlagen hat? Auf einer Geburtstagsparty wurde ich von einer Bekannten meines Bruders mit dieser Frage überfallen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie mit dem Opfer gut befreundet war. Meine seelsorgerische Schweigepflicht verbot es, ihr zu sagen, dass ich den Täter tatsächlich kenne, mit ihm in guten Kontakt stehe. Ich konnte ihr nicht sagen, dass er sehr unter seiner Tat, leidet; dass er sich vor dem Tag fürchtet, an dem seine Töchter alt genug sind, ihn zu fragen, warum […]
9. März 2019

Theologie ist kontextuell – auch im Gefängnis

Eigentlich waren und sind es zwei Prinzipien, welche die Theologie (der Befreiung) als „gefährlich“ erscheinen ließen: sie überwindet den frommen „Himmel“ individueller Innerlichkeit, und sie erachtet die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Gestaltung der Welt als eine genuin religiöse Aufgabe. Das erste Prinzip hat Konflikte mit einer traditionellen Theologie und Kirchenauffassung, das zweite mit dem Kapitalismus und dessen Steigbügelhaltern nach sich gezogen. Bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) galten die Kirchen und theologischen Fakultäten des „Südens“ (der so genannten Dritten Welt) als Befehlsempfänger und brave Musterschüler der im […]