2. Dezember 2019

Mensch, Du trägst den göttlichen Funken in Dir

Viele freuen sich auf Weihnachten. Nicht wenigen macht das schönste Fest des Jahres Angst. Angst vor dem Alleinsein. Einige von uns vermissen gerade in der Weihnachtszeit den geliebten Menschen besonders schmerzhaft. Das erste Weihnachten ohne ihn, ohne sie – aber auch das dritte, das achte, das zwölfte ist für viele noch schwer. Was wir an Weihnachten fühlen und empfinden hat viel damit zu tun, wie wir es als Kinder erlebt haben. Erinnerungen werden wach. Weihnachten weckt das Kind in uns. Auch wenn wir  selbst schon Kinder und Enkel […]
23. November 2019

Wüste bestehen und Licht am Ende des Tunnels

Mauern und Zäune und die alltäglichen Engstirnigkeiten hinter Gittern lassen oft keine Lichtblicke erkennen. Viele fühlen sich wie im Tunnel ohne Ausgang. „Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels“, hört man Inhaftierte sagen. Zu hart sind die Geschichten Inhaftierter, zu abgründig deren Vergehen und zu unbarmherzig gehen Gefangene untereinander um. Die Tunnel- oder auch Wüstenerfahrung kennen wir selbst zu genüge, auch außerhalb des Gefängnisses. Selbst wenn wir noch nie da waren: Wir haben Bilder oder Berichte gesehen, haben ganz bestimmte Vorstellungen und Phantasien von dieser beeindruckenden und zugleich […]
20. November 2019

Dominoeffekte im Leben hinnehmen?

Ein großartiges Spiel ist das Domino. Als Kind und noch heute bereitet es mir Spaß die Holzbrettchen in einer langen Reihe hintereinander aufzubauen. Das erste umfallende Brettchen löst die Kettenreaktion aus. Mit dem Auge beobachte ich, wie die Dominosteine der Reihe nach umfallen. Es muss auf jeden Fall eine lange Reihe sein. Wie ärgerlich, wenn ein Abstand zu groß ist und das Umfallen gestoppt wird. Die Enttäuschung ist dann im Spiel groß. Im wirklichen Leben ist der „Dominoeffekt“ kein Spiel. Er ist negativ behaftet. Ein einziger Auslöser kann […]
9. November 2019

Die spirituelle Weisheit der Bäume

Die alten Bäume am baden-württembergischen Bodenseeufer der Insel Reichenau. „Vor lauter Bäume den Wald nicht mehr sehen.“ Diese Redensart verdeutlicht, dass wir den Überblick verloren haben und das Gesamte aus dem Blick verlieren. Bäume sind Symbol und Spiegelbild meines Lebens und des Ökosystems. Jeder einzelne Baum ist wichtig. Im Wald wie auf freier Flur. Der Schwarzwald ist zwar kein Urwald mehr, aber eine der wichtigsten Landschaften. Genauso wie die Karpaten, der Bayerische und Thüringer Wald oder der Teutoburger Wald. Sie sind die „Lungen“ unserer Umwelt. Sie regenerieren die […]
30. Oktober 2019

Vor der eigenen Haustüre kehren

Das Putzen in deutschen Gefängnissen gehört tagtäglich zum Arbeitsgeschäft der Gefangenen. Da gibt es eigens dafür Hausarbeiter, die die Flure kehren und wischen. Jeder Inhaftierte wird angehalten, seinen eignen Haftraum sauber zu halten. Die so genannte Hofkolonne beseitigt den Müll, der sich nach jeder Nacht vor den feinvergitterten Fenstern durch das Weiterreichen von Tabak und Gegenständen mit dem so genannte “Pendeln” ansammelt. Es ist wie in so manchen schwäbischen Mietwohnungen, an der das Kehrwochen-Schild vor der Tür hängt: Die dringende Aufforderung zu putzen. Im Gefängnis gibt es keinen […]
7. Oktober 2019

Tiefgreifend, lebensnah und kritisch: Texte von Ceelen

Petrus Ceelen arbeitete in den Jahren 1975 bis 1991 als Gefängnisseelsorger im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg in Baden-Württemberg. Von 1992 bis 2005 war er in der Betreuung von HIV-Infizierten und an Aids-Erkrankten in Stuttgart tätig. Petrus Ceelen ist ein geistlicher Schriftsteller und Aphoristiker. Ceelen studierte katholische Theologie in Belgien und an der Universität Mainz. Seine Texte sind tiefgreifend, lebensnah und kritisch. Im Gefängniskrankenhaus sprach Ceelen mit RAF-Mitgliedern und kranken Inhaftierten. Er betreute als erster Aids-Seelsorger Erkrankte und Infizierte im Namen einer Kirche, die Homosexualität verteufelt. Seine Stimme rüttelt auf und […]
26. September 2019

Versöhnen heisst, heil machen, was unheil ist

In der gemeinsamen und lebendigen Feier der Liturgie, der missionarischen Verkündigung des Wortes Gottes und in der liebevollen und barmherzigen Zuwendung zu den Armen und Bedrängten aller Art geschieht Pastoral. Gefängnisseelsorge gründet in dem zentralen Auftrag der Kirche, dem Menschen die frohmachende und heilende Botschaft von Gott, wie sie Jesus nahe gebracht hat, durch das Zeugnis des Lebens und Wort (Lumen gentium, 33) zu verkünden und erfahrbar zu machen: die Botschaft vom kommenden Gottesreich, von der Versöhnung mit Gott und den Menschen und von der Vergebung der Sünden. […]
18. September 2019

Fußball: Sport, Show, Event, Ventil… Religion?

Keine andere Sportart vermag die Massen so zu mobilisieren und zu faszinieren wie „König Fußball“. Für viele ist Fußball zum Sinninhalt geworden, füllt das Vakuum aus, das Menschen vielfach in ihrem Leben empfinden. Tatsächlich ist für viele Menschen Fußball mehr als nur Sport. Er ist zum Lebensinhalt geworden. Auch zur Religion? Versuchen wir dieser Frage nachzugehen, dann ist zunächst der Religionsbegriff zu klären. Eine gängige Definition beschreibt Religion als Sammelnamen für die vielen Weisen, wie die Menschen sich mit dem Göttlichen oder dem letzten Grund des Daseins verbunden […]
12. September 2019

Im Fußball ist der Ton rauer geworden

Fairness ist etwas, was ihm sehr am Herzen liegt. Und so freut sich Georg Kaiser, Pastoralreferent in Hof, dass auch die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft weitestgehend diesem Anspruch gerecht wurden. Mit den deutschen Fußballspielern sei eine positive Identifikation möglich gewesen. Dass Sportler eine Vorbildfunktion ausüben, wünscht er sich auch von anderen Spielern beziehungsweise Sportarten. Georg Kaiser ist seit 2007 Sportbeauftragter des Erzbistums Bamberg und trat damit die Nachfolge von Pfarrer Helmut Spindler an, der dieses Amt mehr als 30 Jahre inne hatte. Für Kaiser, der früher selbst aktiv Sport […]
23. August 2019

Türen auf: Spiritualität für freie Geister

Über das Buch “Türen auf!” von Lorenz Marti. Das neue Buch von Lorenz Marti hat den Titel „Türen auf“. Natürlich sind damit auch die massiven Kirchenportale und schweren Eichentüren der Kathedralen gemeint, die, wie z.B. in Deutschland, so oft verschlossen sind. In „heiligen Tempeln“ sollte hingegen immer, bei offenen Türen, frischer Wind wehen. Davor haben aber bestimmte Herren (der Kirchen) Angst. Sie mögen den alten Staub und den leicht muffigen Geruch. Also: „Türen auf“. Und dies ist vor allem eine Forderung an den einzelnen, sich selbst zu öffnen […]
20. August 2019

Die Padres und die Party in der Düsseldorfer Altstadt

Wer ruhige Tage im Kloster verleben möchte, ist bei den Dominikanern in Düsseldorf grundfalsch. Das Kloster der acht Patres liegt auf der Partymeile der Altstadt – der selbsterklärten “längsten Theke der Welt”. Allabendliches Gejohle begleitet die Andachten. Partygänger und Obdachlose sind stets eine Herausforderung. Wie gehen die Ordensleute mit ihrer besonderen Nachbarschaft um? Düsseldorf ist die Stadt, die niemals schläft – jedenfalls die Altstadt, auf alle Fälle am Wochenende. Die Patres aber wollen nachts schlafen: An sechs Tagen in der Woche beten sie schon morgens um halb acht […]
18. August 2019

Woher kommt „Die Kirche im Dorf lassen“?

Dorfkirche in Herzogenweiler bei Villingen im Schwarzwald-Baar Kreis. Ein inhaftierter Jugendlicher wird positiv im Drogenscrenning getestet. Ein geringer Wert nur, aber: “Was mache ich nur, ich will doch mein Job im Knast behalten!“ Jeder sechste Test ist positiv im Gefängnis. Besonders häufig wurden Marihuana und Spice sowie verschreibungspflichtige Tabletten gefunden. 80 bis 90 % der Gefangenen hat Erfahrungen mit illegalen Drogen und Alkohol. „Nun lass mal die Kirche im Dorf”, tröstet ihn der Seelsorger. “Von einem positiven Test geht die Welt nicht unter. Du verhältst Dich doch ganz […]
8. August 2019

Haben Sie mal ´nen Rosenkranz?

„Hiermit stelle ich einen Antrag auf eine Gebetskette.“ So lautet ein schriftlicher Antrag eines jugendlichen Inhaftierten. Welche Gebetskette er wohl meint? Meint er die muslimische Gebetskette? Oder das Tschotki (russisch) oder Komboskini (griechisch)? Dies ist eine Gebetsschnur aus 33 Perlen, mit deren Hilfe man das Jesusgebet betet. Die 33 Perlen stehen für die Lebensjahre Christi. Ein Rosenkranz ist eine andere gefragte „Gebetskette“ im Gefängnis. Warum ist ein Rosenkranz so wichtig im Knast? Werden inhaftierte Menschen im Gefängnis fromm? Die Nachfrage nach dem Rosenkranz ist enorm. Besonders im Jugendbereich. […]
7. Juni 2019

Warten als Orientierung auf Neues

Niemand wartet gern. Doch wer entscheidet, ob und wie wir warten? Angespannt oder resigniert, geduldig oder zuversichtlich? Schätzen wir Dinge mehr, auf die wir lange gewartet haben? Wir alle warten, immer wieder – auf das Gerichtsurteil, im Verkehrsstau, im Krankenhaus, auf Weihnachten, auf den Schlaf, auf das erlösende Fußball 1:0. Warten ist Teil unseres Lebens und oft mit Hoffnung verbunden. Dabei wird das Warten nicht selten als leere oder gestohlene Zeit erlebt, als langweilig und quälend. Im Gefängnis warten Gefangene auf die Entlassung. Sie sitzen “ihre Zeit” ab. […]
31. Mai 2019

Ja, aber Nein doch. Leben in Kurzfassung

Petrus Ceelen ist ein geistlicher Schriftsteller und Aphoristiker. Ceelen studierte katholische Theologie in Belgien und an der Universität Mainz. Er absolvierte eine Zusatzausbildung in Gesprächstherapie. Von 1975 bis 1991 war er als Gefängnisseelsorger in Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg bei Ludwigsburg tätig. Von 1992 bis 2005 arbeitete er als Seelsorger für HIV-Infizierte und an AIDS-Erkrankte im Großraum Stuttgart. Ceelen veröffentlicht sein neues Buch mit dem Titel “Ja, aber NEIN doch – Das Leben in Kurzfassung.“ Hier drei Texte daraus.   Mensch ist Mensch Mancher Mord mag noch so unmenschlich erscheinen; der Täter […]
31. Mai 2019

Strafe, Schuld, Reue, Sühne, Versöhnung

Strafe muss sein. Der Satz sitzt tief in unseren Köpfen und Herzen. Wo kämen wir hin, wenn Diebstahl, Raub, Vergewaltigung, Mord und Totschlag ungestraft blieben? Es ist nur gerecht, dass dem Übeltäter das Übel der Freiheitsstrafe zugefügt wird. Durch die Strafe soll der Täter Sühne leisten und sich somit von seiner Schuld befreien. Sühne ist aber nur möglich, wenn ein entsprechendes Schuldbewusstsein vorhanden ist. Die eigene Schuld erkennen, sie eingestehen, ist die Voraussetzung, um Sühne zu leisten. Bei einem Tötungsdelikt haben die meisten Täter das Bedürfnis, Sühne zu […]
27. Mai 2019

In Fabeln steht der Wolf für Gewalttäter

Der Wolf ist wieder da. Allein sein Name hat unseren Vorfahren den Schrecken in die Glieder fahren lassen. Mancherorts hierzulande tut er das jetzt wieder. Am wenigsten erfreut über die Neuausbreitung der Wölfe sind wohl Schäfer und Landwirte. Naturschützer dagegen sind begeistert. Was tun mit dem Wolf? In Fabeln steht der Wolf oft für Gewalttäter und Gesetzesbrecher. Der bedeutende Dichter der deutschen Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, beobachtet, wie die Leute seiner Zeit mit Straftätern umgehen, die den Willen haben, sich wieder einzugliedern. Ergebnis: Niemand traut ihnen das zu. […]
10. Mai 2019

Mich selbst aushalten lernen

Wenn ich die Schriftstelle in Johannes 19, 1-5 lese, dann habe ich sofort ein Bild, eine Situation bei mir in der JVA Ravensburg vor Augen: Es war vor einigen Jahren; ich komme auf eine Abteilung und wundere mich zunächst, warum hier so viel Beamte versammelt sind. Da geht eine Zellentür auf und heraus tritt ein Gefangener mit nacktem aber blutigem Oberkörper. Er hatte sich Arme und Oberkörper mit einer Rasierklinge aufgeschnitten. Mit gefesselten Händen wurde er so gezeichnet durch ein regelrechtes Spalier von Beamten geführt. Mein erster Gedanke […]
26. April 2019

Mitten in der Stadt – ein anderer Blickwinkel

Ich möchte Sie gewissermaßen an die Hand nehmen und zu den Menschen hinführen, die keine Damen und Herren sind. Zwischen Ihnen und uns liegen Welten – und trotzdem sind sie uns nahe. Männer und Frauen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, an den Rand gedrängt, gedrückt werden. Manche sind richtig draußen, ohne ein Dach über dem Kopf. Aber nicht nur Obdachlose, auch Bettler, Fixer, Gefangene, Aidskranke, Straßenmädchen, Stricher sind Außenseiter. Menschen am Rande – sagen wir in der Mitte. Mitten in der Stadt und im Dorf. Dabei sind […]
14. April 2019

Echte Propheten und Vorbilder sind gefragt

Zu tausenden sind sie auf den Straßen: Schülerinnen und Schüler, die auf die bedrohliche Klimaerwärmung hinweisen und aufbegehren gegen die Verschmutzung der Natur durch Plastik und Abgase. Es ist ihnen ernst und sie sind ernst zu nehmen. Sie folgen einem Idol, einer jungen Frau aus Schweden, die den Protest initiiert hat und nun wie eine Heldin von manchen Politkern und Medien verehrt wird. Mich erinnern die Freitagsdemos ein wenig an die biblische Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem. Auch das war für viele  eine Art Triumphzug für einen […]
12. April 2019

Sie haben ja einen fetten Namen

Mit meinem Namen bürgen, im Namen Gottes und die Dinge beim Namen nennen. Namen haben Geschichte. Den Familiennamen und den Vornamen kann ich mir nicht selbst aussuchen. Petrus Ceelen verbindet Namen mit Gesichter und Geschichten. Der Name ist Programm. Kevin oder Ali, Frau Meier und Franziskus, Gott und Gaby, Horst und Henne, Hanni und Manni. Vielfach verrückt, was ein paar Buchstaben ein Leben lang mit uns machen und andere daraus machen. Vor- und Familiennamen, Spaß- und Spitznamen sagen mehr als man denkt. Die alten Juden wagten es nicht […]
4. April 2019

Wenn mich jemand fragt: “Bist Du fromm?”

Da möchte ich mich nicht einreihen. Ich lasse die Wahrheit bei Gott, weil ich sie nie haben werde. Ich lasse die Vollendung bei Gott, weil ich sie auf Erden nicht erlangen werde. Ich lasse die Antwort auf alle Sinnlosigkeiten bei Gott, weil ich sie nicht erklären kann. Ich bleibe nicht meinungslos, weil ich glaube, dass Gott das Leben will und nicht die Wahrheit um des Lebens Willen. Und ich möchte spirituell bleiben, um Gottes Willen und wegen mir Frieden gestalten, so weit es mir gelingt, mich mit meinen […]
31. März 2019

Tätowierungen gehen unter die Haut

Körperbemalungen mit religiösen Anklängen faszinieren Patrik Dzambo. „Religion ist heute in vielen Bereichen der Gesellschaft wieder präsent. Man findet sie in Rockmusik, Pop, oder Film”, erklärt der Wissenschaftler begeistert. “Warum also nicht auch in Tätowierungen?” Immer öfter ließen sich Menschen christliche Motive wie den Rosenkranz, Dürers betende Hände oder Mariendarstellungen in die Haut ritzen. „Auch wenn natürlich nicht hinter jeder religiösen Tätowierung ein religiös christlicher Glauben steht, muss es eine gewisse Verbindung zwischen dem Individuum und der Botschaft geben, die hinter dem Symbol steckt”, ist Dzambo überzeugt. Im […]
14. März 2019

Eigenes Gefängnis wird überall mitgenommen

Um zu Gefangenen auf dem Hohenasperg ins Justizvollzugskrankenhaus bei Stuttgart zu gehen, musste ich morgens kein Opfer bringen. Ich bin gerne zu den Gefangenen gegangen. Was ist es, was mich zu Menschen hinzieht, die andere abstoßen? Wie kann ich mich wohl fühlen unter Kriminellen? Das mag kein gutes Licht auf mich werfen, aber zu mir gehören auch dunkle Seiten. Wenn ich meine Fantasien, heimlichen Wünsche anschaue, sehe ich, dass ich eine Menge krimineller Energie in mir habe. In meiner Fantasie habe ich auch schon das eine oder andere […]
10. März 2019

Schreibe ich, um mich zu therapieren?

Dass ich in meinem Alter immer noch Kinder in die Welt setze, gefällt meiner Frau ganz und gar nicht. „Du schreibst immer nur und sitzt immer nur vor deinem Ding.“ Dabei habe ich lange Zeit kein Ding gehabt. Mindestens zehn Bücher habe ich geschrieben ohne dieses Teufels-Ding, mit Tipp-Ex, tacktack, tippex, tacktacktack. Bis ich dann meinem Knastbruder Josef über die Schulter schaute und fasziniert war, wie er ohne Tipp-Ex seine Fehler korrigierte. Einfach klick. Und weg ist, was du weghaben willst. Ich war weg von dem Ding, das […]
6. März 2019

Sehnsucht im Gefängnis zu sein?

Sicherlich das größte Thema in einem Gefängnis und doch hassen die Inhaftierten diesen Schriftzug an der Mauer der JVA Geldern. Sie sehen ihn durch das Fensterschlitz des Bustransporters zum ersten Mal, wenn Sie bei uns „einfahren“ – wie es heißt. Sie halten ihn für Ironie. Sie glauben zunächst: Die Justiz verhöhne die Inhaftierten, indem sie ihnen sagt: Ihr habt Sehnsucht nach Geldern. Ich bin froh, wenn die Inhaftierten davon anfangen, schon sind wir im Gespräch. Sehnsucht – wonach eigentlich? Die meisten sagen, das eingesperrt sein ist nicht das Problem. […]
5. März 2019

Den Stein, den die Bauleute verwarfen

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? Wenn man das Wort „Stein“ hört, dann kann das ganz verschiedene Assoziationen wecken: Ein Stein ist hart, kalt, an einem Stein kann man sich sehr wehtun, wenn man sich an ihm stößt, oder man kann andere schwer verletzen. Denken wir nur an die grausame Strafe der Steinigung, die wir aus der Bibel kennen. Oft sind Grenzen, die Menschen zwischen sich ziehen, durch Steine markiert. Ich […]
5. März 2019

Durch Schuld kann niemand unheilig werden

UNHEILIG – das war doch die Band des Grafen. Seine Lieder über Gott, das Leben, den Himmel über mir, und die Freiheit beschreiben nichts Unheiliges. „Alles, was ich bin, und jeder Gedanke ist von dir. Und bei allem was ich tue, bist du immer bei mir. Du bist der Himmel über mir…“ Manchmal sagen wir „der ist kein Heiliger“, wenn es um jemanden geht, der „über die Stränge geschlagen ist“. Der hatte sich getraut, was nicht ganz astrein war – was sich kaum ein anderer getraut hätte. Manchmal […]
4. März 2019

Jakob‘s Traum mit der Leiter

Was haben Sie in der letzten Nacht geträumt? Oder: Wissen Sie noch, was Sie geträumt haben? Manchmal wachen wir auf und sind ganz irritiert von dem was wir geträumt haben. Manchmal vermuten wir sogar, dass das, was wir geträumt haben, wie eine Art Prophezeiung war. Das merken wir aber immer erst im Nachhinein. Wissen Sie noch, was Sie geträumt haben? Das Komische an den Träumen, oder das irritierende unserer Träume ist, dass, so absurd sie vielleicht auch waren, immer irgendwie mit uns zu tun hatten. Immer war etwas […]
27. Februar 2019

Warum lässt du mich hier hängen?

Immer wieder haben Künstler den Auferstanden als Lichtwesen ohne die Wundmale gemalt. Doch die Löcher in seinen Händen und Füßen gehören zu seinem verklärten Leib. Die Erlösung kommt nicht erst durch die Auferstehung, vielmehr geschieht sie durch das Kreuz hindurch. Wir können nicht am Galgen vorbei glauben. Es gibt kein Ostern ohne Karfreitag. Jesus hat furchtbare Qualen durchlitten. Stundenlang hängt er da zwischen Himmel und Erde, total ausgetrocknet, die Lippen geschwollen, fürchterliche Krämpfe in allen Muskeln und Organen. Er blutet aus seinen Wunden am ganzen Körper. Zu oft […]
26. Februar 2019

Trotz vieler Fehler: Getauft hinter Gittern

Er ist ohne Glauben aufgewachsen, hat sich aber schon immer für Religionen interessiert. Im Gefängnis findet Pari S. beim Lesen der Evangelien Halt und Trost. Er lässt sich taufen und firmen. Pari S. (28) ist seit zwei Jahren im Gefängnis. Seine Taten liegen lange zurück, aber er muss noch zwei weitere Jahre seine Strafzeit absitzen. Der junge Mann hat geklaut, illegale Geschäfte betrieben und sich auf unlautere Weise Geld verschafft. Im Interview erzählt er, wie die Bibellektüre im Knast ihn veränderte und zum Christ werden ließ. Wie kam […]
17. Februar 2019

Das Symbol Labyrinth in einem Gefängnis

Labyrinthe sind Symbole für unser Leben. Die Linie von Geburt zum Tod ist nicht gerade, sondern ein Weg, der durchzogen ist von Wendungen, Schlaufen und Bögen und dem Wissen, dass manchmal unser Weg so nicht weitergeht, wie wir ihn bisher gegangen sind. Im Zentrum des Labyrinths ist die Mitte – alles was wir mit unseren Zielen, Erwartungen und Sehnsüchten des Lebens verbinden. In der Mitte ist auch ein Minotaurus, ein Bild für die grundlegende Auseinandersetzung des Menschen mit dem Ungeheuer in seinem Inneren. Für Menschen bedeutet zu leben […]
15. Februar 2019

Ein ver-rückter Ort und doch Spiegelbild

Der Jugendknast, in dem ich als Gefängnisseelsorger arbeite, ist oftmals ein Ort am Ende einer langen Kette von Tränen um begangene „Missetaten“. Bittere Tränen von verkorksten Geschichten und der Reue. Tränen, die unter die Haut gehen und die nicht gezeigt werden wollen. Manche Gefangene tätowieren sich am Daumen drei Punkte: „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“. Es ist ein „ ver-rückter“ Ort, der abgerückt ist vom „normalen“ Leben. Und doch ist das Gefängnis ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Womit Menschen trösten, deren Los trostlos ist? Ich soll Inhaftierten, die […]
2. Februar 2019

David gegen Goliath – Eine Redewendung

David gegen Goliat. Dieses Bild wird immer wieder gern zitiert. Zum Beispiel wenn Inhaftiere gegen Bedienstete und das System Justizvollzug mit Beschwerden angehen. Wie vieles in unserer Sprache stammen auch die beiden Krieger David und Goliat aus der Bibel. Da ist in den ersten Büchern viel von Krieg die Rede. Das Volk Israel muß sich immer wieder gegen Angriffe verteidigen. Jeder Mensch hat das Recht, sich über einen gegen ihn gerichteten Akt zu beschweren: formell oder formlos, vor Gericht oder Behörde, fristgerecht oder ohne Fristen. Das gilt auch […]
1. Februar 2019

Marionette des himmlischen Zauberers?

„Not lehrt beten“, sagt der Volksmund. Manch einer im Gefängnis schickt ein Stoßgebet zum Himmel, auch wenn er sonst mit Glaube und Religion wenig anfangen kann. So groß die Not ist, so groß scheint auch das Vertrauen oder ein Rest davon. Vorausgesetzt wird dabei, dass es eben doch eine göttliche Instanz gibt, die helfen kann und das hoffentlich auch will und tut. Allmächtig soll sie sein und unbedingt hilfreich. So ist es kein Zufall, dass auch in der Kirchensprache die meisten Gebete mit der Anrede beginnen: „Allmächtiger Gott“. […]
18. Januar 2019

Zwischen den Welten auf einem Containerschiff

Nach über 3 Jahren Einsatztätigkeit als Fachperson im Entwicklungsdienst im bolivianischen Tiefland trete ich die Rückkehr nach Deutschland an. Den Wechsel der Welten möchte ich langsam gestalten. Mit dem Flugzeug wäre ich in 15 Stunden wieder in der Heimat. Mit dem Frachtschiff bekomme ich fast 3 Wochen Zeit. Bolivien hat keinen Meerzugang, daher geht es zuerst mit einem kurzen Flug vom bolivianischen Santa Cruz de la Sierra ins brasilianische Sao Paulo. Das Containerschiff mit Namen „Cap Ferrato“ legt im Hafen von Guarujá bei Santos ab, dem größten Frachthafen […]
7. Januar 2019

Heimatliche, kulturelle und religiöse Wurzeln

Vor kurzem besuchte ich meinen Geburtsort im Schwarzwald. Dort sind meine Wurzeln und ich blicke auf eine jahrhundertlange Familiengeschichte zurück. Diese Geschichte hat mit der Postzustellung und dem Postbetrieb in meinem Heimatdorf zu tun. Schon mein Ur-Opa war bei der württembergischen Post. Ich habe diese Tradition mit meinem Beruf durchbrochen. Ein jugendlicher Gefangener an meinem Arbeitsort der JVA Herford meinte, ich würde als Seelsorger jetzt andere Nachrichten „zustellen“. Ist nur die Frage, welche Nachrichten ich angesichts der zerbrochenen (und verkorksten) Geschichten vermittle? Für manche ist der Knast zur […]
4. Dezember 2018

Weihnachten weckt das Kind in uns

Advent, Advent, die erste Kerze brennt. Manche sagen: “Ich bin so froh, dass es wieder so weit ist. Der November ist so grau. Aber der Dezember ist so schön. Im Advent bin ich ein ganz anderer Mensch.” Geht es uns auch so? Bringt die Adventszeit Licht in unsere Seele? Freuen wir uns auf Weihnachten? Oder gehen wir mit gemischten Gefühlen auf das Fest zu? Einige von uns vermissen gerade in der Weihnachtszeit den geliebten Menschen besonders schmerzhaft. Das erste Weihnachten ohne ihn/ohne sie – aber auch das dritte […]