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„Ich will Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Mt 16,19)

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Die Schlüssel verleihen Bediensteten in einer Justizvollzugsanstalt Macht über die Inhaftierten, ob sie es nun wollten oder nicht. Besonders deutlich wird dies, wenn Gefangene in ihre Hafträume zurückgebracht werden müssen. Die Übertragung der Schlüsselgewalt bedeutet Herrschaft und Macht. Zugleich erinnern die Schlüssel an das neutestamentliche „Ich will Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Mt 16,19). Die Schlüsselgewalt wurde nicht einem Einzelnen, sondern allen Jüngern übertragen.

„Die schweren Türen wurden geöffnet und geschlossen, die Riegel der Schlösser knirschten die Schlüsselbunde an den Gürteln der Wärter klirrten“, schrieb Victor Hugo in seinem 1829 erschienenen Roman „Die letzten Tage eines Verurteilten“. Es ist „Das Geräusch der Schlüssel“ – so der Titel eines kleinen Büchleins, einem Mosaik von Erlebnissen, Begegnungen, Gerüchen und Geräuschen, mit denen der Gefängnislehrer Philippe Claudel auf seine Weise ein Bild vom Gefängnis malt: „Manchmal träumte ich vom Gefängnis. Das waren keine ganz genau bestimmten Szenen, sondern eher Geräusche von Schlüsseln und Schlössern, die so eigentümlich sind, daß ich sie nie anderswo gehört habe.“ Bald nach meinem Beginn als Gefängnisseelsorger schenkte mir mein damaliger Vorgesetzter Claudels „Das Geräusch der Schlüssel“. Und nachdem die Gefängnisschlüssel mir vom Sicherheitsdienstleiter ausgehändigt worden waren, wurden sie zu meinen ständigen Begleitern. Ich musste sie abgeben, wenn ich abends raus wollte, bzw. entgegennehmen, wenn ich morgens rein wollte. Ich hatte Schlüsselgewalt wie die Bediensteten. So gesehen war ich einer von ihnen. Sie unterschieden mich von denen, die keine Schlüssel hatten: externe MitarbeiterInnen zum einen, Gefangene zum andern.

Schlüsselfrage neu gestellt

Die Schlüssel verliehen mir Macht über die Inhaftierten, ob ich dies nun wollte oder nicht. Besonders deutlich wurde das immer, wenn ich Gefangene in ihre Hafträume zurückbrachte oder wenn ich sie nach einem Besuch wieder verließ und die Haftraumtür verschließen musste. Oder wenn ich Gefangenen an einer verschlossenen Tür begegnete und diese ihnen auf- und hinter ihnen wieder zuschloss. Jeden Tag wurde mir bewusster, was die Übertragung der Schlüsselgewalt bedeutete: Sie ist eine Form von Gewalt, von Herrschaft und Macht. Zugleich erinnerten mich die Schlüssel immer an das neutestamentliche „Ich will Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Mt 16,19). Mit einem originären Jesuswort haben wir es hier wohl nicht zu tun. Eher ist wahrscheinlich, dass es der Gemeindebildung zuzuschreiben ist. Zudem lässt wenig später Mt 18,18 vermuten, dass die Schlüsselgewalt nicht einem, sondern allen Jüngern übertragen wurde und dass sich damit die Frage nach der Schlüsselgewalt, nach Herrschaft und Macht eben neu stellt.

Pathologie der Macht in der Kirche

Es ist schrecklich, dass es erst des Missbrauchsskandals bedurfte, dass die Fragen nach Herrschaft und Macht in der Kirche erst jetzt diskutiert werden. In seiner Ansprache beim Weihnachtsempfang für die Römische Kurie 2014 zählte Papst Franziskus die „Pathologie der Macht“, den „Komplex der Erwählten“ und den „Narzissmus“ zwar zu den 15 Krankheiten der Römischen Kurie, aber Konsequenzen daraus lassen – abgesehen von ein paar personellen Entscheidungen im Vatikan – auf weltkirchlicher Ebene bis heute auf sich warten. Dagegen hat in der deutschen Kirche inzwischen ein Umdenken begonnen. So ist die Machtfrage nicht nur Thema im Synodalforum I „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“, sondern Gegenstand bischöflicher Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal.

So betonte etwa der Münsteraner Bischof Felix Genn bei der Vorstellung der Münsteraner Missbrauchsstudie am 17. Juni 2022: „Die Studie bestätigt erneut: Sexueller Missbrauch ist immer auch Missbrauch von Macht. In der katholischen Kirche wurde er durch ein gänzlich fehlgeleitetes Verständnis von Autorität und Hierarchie, das sich insbesondere in einem überhöhten Priesterbild zeigte, begünstigt. Damit muss Schluss sein. Jede Form von Klerikalismus muss ein Ende haben.“ Weiter kündigte er an, dass er „Macht abgeben“ wolle: „Als Bischof bin ich Seelsorger und ‚Mitbruder‘, zugleich aber auch Vorgesetzter und Richter. Das empfinde ich als problematisch. […] Weiter möchte ich Macht abgeben, indem ich die Gremienstruktur in unserem Bistum neu ordnen werde.“

Worte als Schlüssel, die klirren…

Macht liegt nicht nur in den Händen der Bischöfe und Pfarrer, wenn auch da in ganz besonderer Weise. Zurecht thematisieren dies die Deutschen Bischöfe in ihrem Schreiben vom 8. März 2022 „In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“. Denn alle Seelsorgenden verfügen gerade als Vertrauenspersonen über Macht den Seelsorge Nachfragenden gegenüber, und diese Macht lässt sich leicht missbrauchen – bewusst oder unbewusst, in Gesprächen, in Worten, die möglicherweise wortgewaltig sind. Denn sehr leicht hat man Gewalt über andere, über Ratsuchende – von dem, was früher in Beichtstühlen geschah, ganz zu schweigen: „Worte als Schlüssel, die auch klirren, aber auf eine musikalische, menschliche Weise – und die zu öffnen imstande sind.“ (Rainer G. Schmidt) Beredte und z. T. erschreckende Beispiele hierfür sind etwa Konrad von Marburg, der Beichtvater der heiligen Elisabeth (1207-1231) oder Abbé Huvelin, der Beichtvater von Charles de Foucauld (1858-1916). Ihnen gerecht zu werden ist schwierig, vielfach sind sie ambivalente Personen. Sie sind oder waren geistliche Begleiter, konnten bzw. können mit ihren Worten dabei sehr manipulativ wirken.

Schlüssel zu inneren Schätzen?

Worte, die das Leben entschlüsseln, Worte, die anderen helfen zu sich selbst zu finden. In Märchen beispielsweise, spielen Schlüssel eine große Rolle: verrostete, verlorene, verborgene. Sie öffnen nicht nur Türen (Schlösser) von Palästen (Schlössern), sondern von verschlossenen Menschen zu ihren inneren Schätzen – aber auch zu ihren inneren Abgründen. Freilich ist das gefährlich und vermag auch Türen zu den Abgründen der Seelsorgenden öffnen. Das Wissen um den oder die andere verleiht Macht und ist eine Versuchung, der man leicht erliegen kann. So mahnte schon Michel Foucault: „Man kann diese Form von Macht nicht ausüben, ohne zu wissen, was in den Köpfen der Leute vor sich geht, ohne ihre Seelen zu erforschen, ohne sie zu veranlassen, ihre innersten Geheimnisse zu offenbaren. Sie impliziert eine Kenntnis des Gewissens und eine Fähigkeit, es zu steuern“. Und im Anschluss an ihn warnt Hermann Steinkamp: „Die Beichtpraxis steht […] als Paradigma für eine einseitige und insofern ‚instrumentelle‘ Verwendung von ‚Wissen‘ um das Subjekt, das dieses entmündigt und schleichend an verfestigte asymmetrische Machtstrukturen gewöhnt.“ Der Gefängnisschlüssel ist gesichert durch eine Kette, eine sie ist gute Metapher für die Gefängnisseelsorge: Möglicherweise muss man sich selbst an die Kette nehmen oder am Zügel reißen – um nicht der Versuchung der Macht zu erliegen.

Dr. Simeon Reininger

Der Beitrag schließt an den Artikel „Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?“ (Mk 8,36) Sorge um die Seele – Was ist (eigentlich) Seelsorge?“ (AndersOrt 2022 I) an.

 

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