Verschiedene Lebensthemen begegnen uns als GefängnisseelsorgerInnen im Justizvollzug. Das Gefängnis ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Darin spiegeln sich Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen, Überzeugungen, abgründigen, aber auch freudigen Geschichten.

 

Als GefängnisseelsorgerIn sind wir diesen Themen und persönlichen Biografien ausgesetzt. Kann der Seelsorger und Pastor, der manches Mal in die Reihe eines “salbungsvollen Gutmenschen” eingeordnet wird ein loyales Gegenüber anbieten? Solche Vermutungen beschäftigen manchen Gefangenen oder umgekehrt auch entsprechend den Vollzugsbediensteten.

Für die inhaftierte Menschen sind mit der Seelsorge viele Hoffnungen verbunden, was ein seelsorgerlicher Dienst für sie alles erreichen kann. Allgemein wird erwartet, dass sie einen Menschen mit Verständnis und Mitgefühl antreffen. Der Vertrauensvorschuss mit unserer seelsorgerlichen Schweigepflicht ist kostbar und schutzbedürftig.

Das Gefängnis ist mit all den harten Geschichten ein Ort der permanenten Krise, wo alle, Inhaftierte, Fachdienste und VollzugsmitarbeiterInnen, oft unter Anspannung arbeiten müssen. "Seelsorge" ist die Sorge um den ganze Menschen, das mehr ist, als gängige Trends aussagen, gesellschaftliche Verhältnisse wieder spiegeln oder das zugängliche Bewusstsein eines Menschen vordergründig zeigen.

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Gespräche


Die Bedürfnisse und Motive zur Seelsorge im Gefängnis Kontakt zu suchen sind sehr unterschiedlich. Da ist zum einen das Bedürfnis nach Verständnis für ihre Lage, der Wunsch, einmal den „Knast“ zu vergessen oder einfach einmal einen anderen Raum zu betreten. Hinter dem Wunsch einen Kaffee oder Cappuccino zu trinken verbirgt sich oft ein tieferes Anliegen, das die Menschen hinter Mauern noch nicht formuliert haben. Die Einzelgespräche machen den größten Teil der seelsorgerlichen Arbeit aus. Hier kann „der Gefangene“ seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleihen, ohne befürchten zu müssen, dass es vollzugliche Nachteile oder Repressionen im Zusammenleben mit Mitgefangenen nach sich zieht.
Kirche (3)

Gottesdienste


Die Gottesdienste im Gefängnis haben einen anderen Charakter als in den Kirchengemeinden. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sich die gottesdienstliche „Gemeinde“ ausschließlich aus Menschen mit kaum einem religiös-kirchlichen Hintergrund sowie mit muslimischen, yezidischen, russisch- und serbisch-orthodoxen oder anderen freikirchlichen Einflüssen zusammensetzt. Man kann sich nicht hinter Glaubenssätzen verstecken. Diesem zu begegnen und auf den Boden der Realität des Lebens sowie des Wortes Gottes und seiner Botschaft zu verkünden ist eine besondere Herausforderung. Es setzt eine kreative und zugleich eine verwurzelte, reflektierende Spiritualität voraus.
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