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Kirche abseits der heilen Welt in der JVA Heidering

27. Februar 2023

Seit gut einem Jahr ist Gemeindereferentin Christina Brath katholische Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Heidering südostlich von Berlin. Sie leistet pastorale Arbeit am Rand der Gesellschaft. Jogginghosen, nur Männer, viele von ihnen tragen Tätowierungen – schon die Zusammensetzung der 15 Teilnehmer lässt erahnen: Etwas an dieser Andacht ist anders.

Auch ein Mörder soll unter ihnen sein. Selbst, wenn man es versuchte: Man würde nicht erraten, um wen es sich handeln soll. Jeder begrüßt den anderen mit einem freundlichen Händedruck. Es geht mit ein paar Minuten Verspätung los, der Gitarrist fehlt noch Nachdem er da ist, kann Gefängnisseelsorgerin Christina Brath mit der Sonntagsandacht in der Justizvollzugsanstalt Heidering bei Berlin beginnen. Am E-Piano haut Irmgard Mann ordentlich in die Tasten. Seit fünf Jahren begleitet die pensionierte Lehrerin aus Kleinmachnow die Gefängnisgottesdienste mit der simulierten Orgel. Zu Gefängnissen hat sie eine spezielle Beziehung. „Mein Vater war lange in russischer Gefangenschaft. Die Opernaufführungen dort haben ihn am Leben erhalten. Musik kann den Menschen helfen.“ Kirche muss auch die Ränder der Gesellschaft in den Blick nehmen, sagt sie. Deshalb möchte sie auch jenen helfen, die wegen ihrer Taten von vielen nur verachtet werden. Während sie spielt, schauen die Insassen aufmerksam, beinahe andächtig zu. Einer hat dazu die Augen geschlossen. Der Andachtsraum hat viele Fenster, trotz der Wolken am Himmel fällt viel Licht hinein.

Veranschaulichung der Texte mit dem Flipchart

„Heute geht es um Jesu Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium“, sagt Christina Brath. Seit Gefängnisseelsorge-Urgestein Axel Wiesbrock im Januar 2022 nach 40 Dienstjahren in den Ruhestand gegangen ist, ist die Gemeindereferentin für die katholische Gefängnisseelsorge in Heidering zuständig. „Als meine vorige Stelle gestrichen wurde, habe ich gesagt: Dann mache ich noch mal etwas ganz anderes. Das ist wohl der Fall“, sagt sie und lacht. „Womöglich werden wir uns an dem einen oder anderen von dem, was wir gleich hören, stark stoßen“, sagt sie. Während Alessandro (27), der als Einziger einen Anzug trägt, aus dem Evangelium vorliest, zeichnet Seelsorgerin Brath kleine Grafiken an das Flipchart. Was meint Jesus damit, wenn er predigt, dass ein Mann im Herzen schon Ehebruch begangen hat, wenn er einer anderen Frau voller Begehren nachschielt? Oder dass nicht erst der Totschlag, sondern schon das Zürnen gegen den Bruder falsch ist? „Wie oft beurteilen wir lieber andere, anstatt bei uns selbst anzufangen?“, fragt sie die Zuhörer.

Die JVA Heidering ist eine Einrichtung des Landes Berlin, die in der Gemeinde Großbeeren im Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg liegt. Über 600 Männer sind in der 2013
fertiggestellten JVA inhaftiert.

Gesungen wird natürlich auch. Man hört vor allem die beiden Frauen mit ihren kräftigen Stimmen, die Männer singen nur vorsichtig mit. Etwa die Hälfte der Anwesenden sind keine Christen und kennen die Lieder nicht. Am Gottesdienst nehmen sie dennoch gern teil. „Man vergisst für einen Moment, wo man gerade ist“, sagt Markus (50), der ohne die Kirche aufwuchs, aber fast jede Woche dabei ist. Gemeinsam mit Heinz (63), der evangelisch ist, bereitet er Kaffee und Kuchen für die knapp einstündige Zusammenkunft danach vor. „Ich schätze die kleine Gemeinschaft hier. Ansonsten macht hier drin meist jeder sein Ding“, sagt Heinz.

Alessandro, der Anzugträger, kommt mit dazu. Er ist einer der wenigen Katholiken unter den Teilnehmern. Seinen Glauben hat er von Oma und Mama mitgegeben bekommen. Um sie zu ehren, wirft er sich zu den Gottesdiensten in Schale. Wenn er demnächst wieder draußen ist, will er gern als Tätowierer arbeiten. Oder im Sicherheitsgewerbe, wo er schon früher tätig war. Dort wieder arbeiten zu dürfen, könnte kompliziert werden. Nachdem die Kaffeekannen und Kuchenteller geleert sind, gehen die Männer wieder auf ihre Zellen. Für Gefängnisseelsorgerin Brath heißt das: Feierabend. So richtig abschalten kann sie danach nicht immer. „Derzeit gibt es zwei, drei Lebensgeschichten, die mich stark beschäftigen. Wenn ich dabei zuhöre, bin ich dankbar, dass es mir besser geht.“

Anteilnahme, aber nur begrenztes Mitleid

Hat die Seelsorgerin Mitleid mit den Inhaftierten? „Ich weiß nicht, ob Mitleid das richtige Wort ist. Manche haben ihren Mitmenschen schweres Leid zugefügt“, sagt Christina Brath. Gerade die „nackte, brutale Gewalt um des Profits willen“, die von der organisierten Kriminalität verübt wird, dürfe die Gesellschaft nicht ausblenden. „Dennoch ist jeder hier auch ganz Mensch und mit Würde ausgestattet.“ Die Seelsorgerin würde sich wünschen, dass die Inhaftierten nach Verbüßung ihrer Strafe die Chance erhalten, einen neuen Weg einzuschlagen. „Allzu viele Illusionen mache ich mir aber nicht. Viele haben keine Ausbildung und können die hier leider auch nicht nachholen. Manche sind schon früh mit Betrug oder Gewalt in Berührung gekommen, haben selbst auf irgendeine Weise Missbrauch erlebt, sind aus ihren Ländern geflohen oder hergekommen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.“

Auch die personelle Situation der Belegschaft der JVA trägt ihrer Meinung nach nicht dazu bei, dass Wiedereingliederung in die Gesellschaft gelingen kann. „Wenn ein Sozialarbeiter oder ein Psychologe 30 bis 40 Männer betreuen muss, fehlt die Zeit für eine effektivere Hilfe.“ Braths Arbeit als Gefängnisseelsorgerin beschränkt sich nicht auf die Gottesdienste alle zwei Wochen (im Wechsel mit Pfarrer Uwe Breithor, ihrem evangelischen Kollegen). Jeden Tag läuft sie durch die Gänge der JVA Heidering, die dank der vielen Fenster sehr hell sind. Innerhalb der Anstalt bewegt sie sich frei und ohne „Bodyguard“ an ihrer Seite. Auch wenn ihr die meisten mit Respekt begegnen: Wachsam ist sie trotzdem. Manchmal gelingt es ihr, über Smalltalk ein tieferes Gespräch mit Insassen zu führen. Sie bietet aber auch Einzelgespräche bei sich im Büro an. Um die 20 Männer nehmen das Angebot zurzeit an. Unter der Woche wird gemeinsam gesungen, in dem Gesprächskreis „ABC des Lebens“ reden die Gefangenen über Gott und die Welt. „Was in der Außenwelt passiert, geht auch an den Inhaftierten nicht vorbei. Zum Beispiel der Krieg in der Ukraine“, sagt Christina Brath. Auch wünschten sich die Gefangenen eine Welt frei von Hunger und Herrschern, die ihre Macht missbrauchen, um Leid über andere zu bringen.

Beim Familienbesuch mitunter sprachlos

Manchmal kommt die Außenwelt auch nach Heidering: Einige Häftlinge haben bereits eine Familie gegründet, die sie von Zeit zu Zeit besuchen kommt. Christina Brath ist dann oft mit dabei, begleitet und moderiert. „Häufig ist das eine sprachlose Situation. Die Kinder trauen sich gar nicht, etwas zu sagen.“ Bewegung kommt in die Sache, wenn der Vater etwas für die Familie backt oder kocht. Zur Not ist da noch das Malzeug, das die Seelsorgerin für die Kinder bereithält. Eine, die bei der heutigen Andacht textsicher mitsingen konnte, ist Dr. Lena Kreck (Linke), amtierende Justizsenatorin von Berlin. Die evangelische Christin, die bis zu ihrem Amtsantritt an der Evangelischen Hochschule Professorin für Soziale Arbeit (Schwerpunkt Recht und Gesellschaft) war, findet Gefängnisseelsorge wichtig: „Ich bin überzeugt: Sie gibt den Gefangenen inneren Halt und Ruhe.“ Vielleicht, sagt sie, findet sogar einer zum Glauben, der ihn in der Zeit nach der Haft trägt und ermutigt. Das würde auch Gefängnisseelsorgerin Christina Brath freuen. Aber sie bleibt nüchtern: „Ich weiß nicht, ob das so oft passiert. Mein Ziel ist es, den Menschen, die hier inhaftiert sind, zu zeigen: Gott ist Leben und im Leben eines jeden Menschen – auch in deinem.“

Stefan Schilde | TAG DES HERRN, Ausgabe 9/2023, St. Benno Verlag

 

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