Um zu Gefangenen auf dem Hohenasperg bei Stuttgart zu gehen, musste ich morgens kein Opfer bringen. Ich bin gerne zu den Gefangenen gegangen. Was ist es, was mich zu Menschen hinzieht, die andere abstoßen? Wie kann ich mich wohl fühlen unter Kriminellen?

 

Das mag kein gutes Licht auf mich werfen, aber zu mir gehören auch dunkle Seiten. Wenn ich meine Fantasien, heimlichen Wünsche anschaue, sehe ich, dass ich eine Menge krimineller Energie in mir habe. In meiner Fantasie habe ich auch schon das eine oder andere Ding gedreht, eine Bank überfallen. Und ich habe auch schon ein paar Leichen im Keller.

Nun gibt es Menschen, die das getan haben, was ich manchmal auch gerne tun möchte. Heimlich sympathisiere ich mit ihnen, bewundere sie vielleicht sogar, weil sie das tun, wozu ich viel zu viel Angst habe. Aufgrund meiner Sozialisation und Erziehung sind bei mir Sicherungen und Bremsen eingebaut, die mich daran hindern, mein kriminelles Ich auszuleben.

In manchem Straftäter begegne ich meinem nicht gelebten Leben. Und das kann durchaus anziehend sein. Manche Tat mag noch so verwerflich sein, sie zeigt aber, wozu wir Menschen fähig sind. Kinderschänder, Mörder oder Betrüger sind keine zugeschrieben Bestien, sondern Menschen. Auch wenn ihnen dies oft aberkannt werden will.

Ein wichtiger Beweggrund, die Inhaftierten in ihren Zellen aufzusuchen, war für mich sicher auch Jesus. So wie der Freund der Sünder wollte auch ich unvoreingenommen auf die Gefangenen zugehen, ohne Berührungsangst, und ohne die Absicht, sie bekehren zu wollen. Ich selbst bin durch die sogenannten Gottlosen Jesus näher gekommen als durch mein Theologiestudium. Bei meinen Zellenbesuchen habe ich Jesus selbst sagen hören: „Ich war im Gefängnis, und du bist zu mir gekommen.“ Frei nach dem Evangelium Matthäus 25,36.

Petrus Ceelen (ehemaliger Gefängnisseelsorger und Autor)

 

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