Neuere Haftanstalten wie z.B. die JVA Heidering bei Berlin stehen für einen Wandel in der Architektur des Strafvollzugs. Ziel ist nicht mehr die Züchtigung und Vereinsamung, sondern die Resozialisierung. Straftäter sollten ihre Missetaten durch alle erdenklichen Strafen büßen, durch Entzug der Bewegungsfreiheit und der Würde, Verweigerung sozialer Kontakte und Psychoterror. Vor der Justizstrafreform im 19. Jahrhundert gar mit der körperlichen Züchtigung.

 

Die Haftbedingungen waren einzig allein der sicheren Verwahrung der Gefangenen dienlich. Nicht selten endete der dem Racheprinzip folgende Strafvollzug in früheren Zeiten mit dem Tod der Häftlinge durch lebensfeindliche Haftbedingungen. Und wer frei kam, sollte als gebrochene, durch den Schrecken des Erlebten  ein fügsames Leben führen. Erst mit den Reformbewegungen im 19. Jahrhundert wurde der Strafvollzug nach rechtlichen Normen geregelt und systematisiert, mit Abstrichen auch humanisiert. In dieser Zeit entstanden neue Typen des Gefängnisbaus. In den USA benötigte man für das solitary system der strengen Isolation und das silent system mit absolutem Kommunikationsverbot eigens entwickelte Architekturen. Das Panoptikum etwa, ein mehrgeschossiger Rundbau mit nach innen nur vergitterten Zellen ringsum. Entworfen hat es der englische Philosoph Jeremy Bentham – wie Michel Foucault in „Überwachen und Strafen“ beschrieben hat.

 

Ähnlich effektiv: der strahlenförmig angeordnete Bau, bei dem man vom Mittelpunkt aus alle Flure der radialen Zellentrakte kontrolliert. In Berlin-Moabit zum Beispiel ist dieses Organisationsprinzip 1848 realisiert worden, nachdem Friedrich Wilhelm IV. es in London Pentonville gesehen hatte. Die Gefängnisarchitektur des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch pragmatische, Personal sparende Bauweisen und das Streben nach maximaler Ausbruchsicherheit. Gitterfenster mit Feinvergitterung, 5 ½  m hohe Mauern mit Stacheldrahtkrone, Flutlicht- und Kameramasten bestimmen das Bild. In „Hochsicherheitsgefängnissen“ wie dem RAF-Gefängnis in Stuttgart-Stammheim kulminierte eine Entwicklung, die Sicherheit auch nach außen gewährleisten musste – und in aller Hässlichkeit demonstrierte. Gefängnisse wurden zu architektonischen Unorten. Dabei wird repressive Architektur immer als Teil der Strafe verstanden.

Neue Bauten wollen das Gefängnisgefühl möglichst vermeiden, aber dies gelingt nur bedingt. In einem Neubau hat man beispielsweise die Gitter innen eingebaut. Von außen sind sie nicht zu sehen.  Dafür mehr Fensterflächen, die die angebliche Transparenz zeigen sollen. Gefängnisse sind oft an den Gerichten im Stadtinnern angesiedelt. Gefängnis-Neubauten dagegen weit außerhalb im Gewerbegebiet oder auf freier Fläche. Beispielsweise sind hier neben der genannten JVA Heidering, die JVA Augsburg-Gablingen, die Jugendanstalt Raßnitz oder die JVA Oldenburg genannt. Im baden-württembergischen Rottweil wird in den nächsten Jahren ein Gefängnis mitten im Naturschutzgebiet am Stadtrand entstehen.

Der Maßregelvollzug ist ebenso ein Gefängnis. Allerdings gibt es andere Voraussetzungen. In Herne ist im Jahr 2011 die moderne Fachklinik mit 90 gesicherten Behandlungsplätzen für psychisch kranke Rechtsbrecher auf einem ehemaligen Zechengelände gebaut worden. Die Gebäude sind ummauert. Nur durch eine Schleuse kommt man ins Innere. Sie ist speziell ausgerichtet auf Therapie und Sicherung von männlichen Patienten mit Psychosen und Persönlichkeitsstörungen, die aufgrund ihrer Erkrankung eine Straftat begangen haben. 

9. Juni 2022
1938 gab es im Herforder Zuchthaus jüdische Seelsorge
Erich Lewin (mitte) mit einigen Schülern. Foto: Herforder Kommunalarchiv, Gedenkstätte Zellentrakt aus Privatbesitz Thekla Schiff. Erich Lewin war Prediger und Kantor der Herforder Gemeinde. Nebenbei arbeitete er aber immer wieder als Volkslehrer für Hebräisch und kümmerte sich um die Betreuung von jüdischen Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt. […]
5. Juni 2022
Paul Petit 1944: Mit dem Herrenleib zur Hinrichtung
Viele Begebenheiten aus den Justizgefängnissen der NS-Zeit wurden nur von den Gefängnispfarrern aufbewahrt und weitererzählt. Hier eine Trierer Geschichte. Es geht um den inhaftierten und hingerichteten Diplomaten Paul Petit aus Frankreich. Aber auch um seinen Seelsorger Nikolaus Jonas. Nikolaus Jonas war in den Kriegsjahren als Pfarrer […]
15. Mai 2022
Charles de Foucauld: Interreligiös unterwegs
„Es gibt keinen Augenblick in unserem Leben, in dem wir nicht einen neuen Weg beginnen könnten und müssten, ein neues Dasein“, sagt Charles de Foucauld. Papst Franziskus hat ihn am Sonntag in Rom heiliggesprochen. Womöglich wäre er damit nicht so glücklich, dieser Einsiedler in der algerischen […]
2. Mai 2022
Bilder der NS-Deportationen suchen und dokumentieren
Auf dem Parkplatz vor dem Rathaus im westfälischen Herford: Autos auf weiter Fläche und ein LKW der 50 Jahre sind dort am Montagmorgen zu sehen. Direkt neben der Markhalle steht der historische Lastwagen mit großen Scheinwerfern. In Neonschrift ist auf der Ladefläche zu lesen: # LastSeen. […]
26. April 2022
Ehemaliger Gefängnisseelsorger Ernst Lauven (JVA Werl) verstorben
Ernst Lauven arbeitete in den Jahren von 1987 bis 1996 in der nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalt Werl. Er war Mitglied im ehemaligen Arbeitskreis kritischer Strafvollzug e.V. Lauven wohnte seit seinem Ruhestand 1996 in Köln. Seit 1961 war er im priesterlich-seelsorglichen Dienst des Erzbistums Paderborn in mehreren Gemeinden sowie […]
11. April 2022
Jurist Martin Gauger lehnt 1934 Treueeid auf Adolf Hitler ab
Martin Gauger (1905-1941) aus Elberfeld bei Wuppertal hat aus christlicher Überzeugung den Kriegsdienst für Adolf Hitler verweigert. Dieser Widerstand brachte dem Juristen, der für den Lutherrat der Bekennenden Kirche arbeitete, letztlich den Tod in der Euthanasieanstalt „Sonnenstein“ bei Pirna. Gauger lehnte die staatsloyale Haltung der lutherischen […]
8. April 2022
Gefängnis in Altstrelitz war ein Ort des Schreckens
Die Nachricht, dass ein Investor für das Areal des ehemaligen Gefängnisses in Altstrelitz in Mecklenburg-Vorpommern gefunden wurde, ist für Horst Vau Anlass, auf ein für ihn und seine Mitstreiter wichtiges Anliegen aufmerksam zu machen. Der Neubrandenburger ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen. Die Arbeitsgemeinschaft hat es […]
3. Januar 2022
Häftling Jean Daligault starb 1945 im KZ Dachau
Der 27. Januar ist der Tag des NS-Opfer-Gedenkens: Vor 80 Jahren kam der französische Priester und Maler, Jean Daligault, ins SS-Sonderlager Hinzert und in die Gefängnisse Wittlich, Köln Klingelpütz und Trier. Er starb 1945 in Dachau. Von vielen Nacht-und Nebel-Inhaftierten sind schriftliche Zeugnisse überliefert, von ganz […]
27. Oktober 2021
Heilige auf meinem Sofa​: Was sie uns sagen würden
„Unter Hitler“ im Bochumer Gefängnis: Links drei Priester, ein Küster und ein junger Belgier, die in Haft verstarben. Rechts Pfarrer Reuland aus dem Bistum Trier. Länger habe ich mich mit NS-Häftlingen in Strafanstalten des Reiches beschäftigt. Darunter waren viele wegen widerständiger Handlungen. An Allerheiligen denke ich […]
21. Oktober 2021
Bis wir tot sind oder frei – Straftäter als Symbolfigur
„Wir werden alles ändern. Alles.“ Die kämpferische Anwältin Barbara Hug (Marie Leuenberger) will das Schweizer Justizsystem der frühen 1980er Jahre von Grund auf umkrempeln. Sie vertritt rebellische Linksautonome wie das Punkmädchen Heike (Jella Haase) und nutzt das Gericht als Bühne, um auf die Missstände eines rückständigen […]
13. Oktober 2021
Große Freiheit ist ein Zeugnis der Geschichte des § 175
Hans (Franz Rogowski) ist schwul. Was im gegenwärtigen Deutschland in den meisten Fällen kaum der Rede wert wäre, ist im Westdeutschland der Nachkriegszeit der Grund für immer wiederkehrende Haftstrafen. Nach dem Paragraphen 175 des Strafgesetzbuchs sind sexuelle Handlungen unter Männern strafbar. Sich zu verstecken oder seine […]
3. Oktober 2021
Recherche zur Vollzugsrealität in den Jahren 1933 – 1945
Zwischen Zuchthäusern und Gefängnissen bestand ein Unterschied. Herrschten in Zuchthäusern harte Arbeit, strenge Isolierung und militärische Disziplin vor, so waren die Bedingungen der Gefängnisse an der Besserung des Straftäters ausgerichtet und damit für die Inhaftierten günstiger. Zur Geschichte des Zuchthauses im nordrhein-westfälischen Münster wird deutlich, dass […]