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Aufbruch in die Freiheit. Ein eintägiger Pilgerweg

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Anfang Oktober folgen 23 Erwachsene der Einladung zu einem eintägigen Pilgertag. Initiiert und vorbereitet hat dieser Wandertag Angelika Lang. Sie ist in der Vernetzung der Gefängnisseelsorge im Bistum Dresden-Meissen tätig. Mit dabei sind Mitglieder der Dresdner Kirchengemeinde St. Martin. Schon am Morgen bei der Vorstellungsrunde wurde offensichtlich, dass die Pilgergruppe von ihren Lebenswirklichkeiten her bunt gemischt ist.

Eine Teilnehmerin aus der evangelischen Nachbargemeinde, Zugezogene und Kirchenferne, deren Interesse durch eine Ankündigung in der Zeitung geweckt wurde sowie Gemeindemitglieder der Dresdner Garnisongemeinde St. Martin. Bereichert wurde der Tag durch ehemalige Gefangene und Ehrenamtliche aus dem Bereich der Straffälligenhilfe. Das Programm ist mit dem Wandern von ca. 16 km Wegstrecke, unterbrochen mit Stationen durch Impulse und persönlichen Berichten, bereichert.

Was heißt gefangen sein? Dabei sind die Symbole des Wassers und der Wegkreuzung wichtig. Ein Teilnehmer erzählt: “An der ersten Station mit Blick über die Stadt und die Mauern der JVA Dresden hören wir Erfahrungen Gefangener. Es ist ganz anders als das, was man aus Büchern und Fernsehen kennt.” Was bedeutet es, gefangen genommen zu werden und inhaftiert zu sein? Als Gefangener verliert man alles, was man hatte. Man bekommt Anstaltskleidung, die nicht die Eigene ist und von der man nicht weiß, wer sie getragen hat. “Ich kann vieles davon nachvollziehen. Es ist wie ein traumatisches Erlebnis. In meinem Kopf dröhnt der Satz ´Jesus wird seiner Kleider beraubt´”, so äußert eine nachdenkliche Teilnehmerin ihre Gedanken.

Auf dem Weg unterwegs wird gemeinsam geschwiegen. Fragen werden den Wandernden mitgegeben: “Wo bin ich selbst gefangen? Woran bin ich gekettet? Freiwillig oder unfreiwillig? Welches Gewand und welche Schutzkleidung sollte ich ablegen? Auch Menschen außerhalb der Mauern, die in Freiheit leben, haben eigene innere Gefängnisse. Ein ehemaliger Gefangener berichtet persönlich: “Die ersten drei Tage habe ich nicht geschlafen. Als ich in den Knast kam, habe ich von einer Stunde auf die andere keinen Sinn mehr gesehen in meinem Leben” erzählte er. Die Zeit im Knast zwingt zur Begegnung mit sich selbst. Ein anderer erzählte: “Ich war eine echte Größe im Rotlichtmilieu, aber ich wollte nicht, dass meine Tochter dort groß wird. Vater zu werden verändert alles. Meine Berufung ist es jetzt Vater zu sein.“

Viele in der Gruppe hatten noch nie Kontakt zu Gefangenen bzw. ehemaligen Häftlingen. “Es ist schon sehr überraschend zu erfahren, dass jemand, den ich schon einige Zeit kenne und schätze, berichtet, dass er im Knast war”, sagt eine Teilnehmerin des eintägigen Pilgerweges. Eindrücklich erzählen ehemalige Inhaftierte von ihren Erfahrungen: “Es ist schwer, offen mit der Vergangenheit umzugehen, insbesondere bei der Arbeitssuche und bei Behördengängen. In dem Moment, wo die lesen, dass du im Knast warst, ändert sich die Atmosphäre des Gespräches und plötzlich wirst du ganz anders behandelt.” Die Aussagen machen die Menschen von “draußen” nachdenklich. “Ich erwische mich zuweilen selbst dabei, jemanden aufgrund einer Information über seine Vergangenheit in eine Schublade zu stecken”, sagt ein Gemeindemitglied.

Leben verändert und Perspektiven ändern sich. Ebenso ändern sich Menschen, wenn sie denn eine Chance dazu bekommen. Das ist auf dem Pilgerweg vielen in beeindruckender Weise bewusst geworden. Solch ein Pilgertag verändert. Im Hören der Geschichten, dem gemeinsamen Schweigen und Sprechen sind gegenseitige Vorurteile abgebaut worden. Es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen…

Jadwiga Nawka, Christoph Kern | Zusammengefasst von Angelika Lang

 

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