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Charles de Foucauld: Interreligiös unterwegs

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„Es gibt keinen Augenblick in unserem Leben, in dem wir nicht einen neuen Weg beginnen könnten und müssten, ein neues Dasein“, sagt Charles de Foucauld. Papst Franziskus hat ihn am Sonntag in Rom heiliggesprochen. Womöglich wäre er damit nicht so glücklich, dieser Einsiedler in der algerischen Wüste.

Vielleicht würde er, den die kleinen Schwestern und Brüder Jesu liebevoll Bruder Karl nennen, sagen: Leute, statt mich zu einem Heiligen zu machen und zur Ehre der Altäre zu erheben geht in den Fußspuren Jesu zu den armen und ausgegrenzten Menschen, bei denen es gar nicht so heilig zugeht – und begegnet dort Gott. Charles de Foucauld (1858-1916) kam aus einer der reichsten Familien Frankreichs und hatte viel Erfahrung darin, andere für sich zu gebrauchen. Er wurde Offizier in den französischen Kolonien in Afrika und erlebte auch dort, was es heißt, anderen, Fremden, die eigenen Regeln und die eigene Religion aufzudrücken, sie zu kolonialisieren.

Gedenkstatue von Charles de Foucauld vor der Kirche Saint-Pierre-le-Jeune in Straßburg.

Für ihn, der sich längst aus dem bürgerlichen Christentum seiner Heimat weit entfernt hatte, war die Erfahrung der tiefen Religiosität der muslimischen Menschen im Wüstenvolk der Tuareg der Beginn eines neuen Weges: fünfmal am Tag werfen sie sich nieder in den Staub der Wüste, um dort, völlig heruntergebeugt in all das, was Wüste ausmacht, die Begegnung mit Gott zu erfahren und sich wandeln zu lassen. Diese menschliche Gottesbegegnung hatte ihn sehr beeindruckt und ermutigt, selbst in die Wüste zu gehen.

Nicht bekehren, sondern verstehen

„Stirb deinem Ich und komm zum Leben aus Gott. Wer sich mit ihm vereinigt, muss sich ganz loslassen“, hatte der mittelalterliche islamische Sufi-Mystiker Rumi gesagt. Charles de Foucauld wurde ein Freund der Menschen in der Wüste, einer, der nicht wie ein Kolonialherr auftrat, sondern schlicht die Menschen lieb gewann: „Ich will nicht bekehren, ich will verstehen.“ Als er in den Wirren des ersten Weltkriegs einigen Menschen Unterschlupf in seiner Wüstenbehausung gewährte, wurden sie überfallen, und Charles de Foucauld erschossen.

Liebe: Gegenseitig achten

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“, sagte Jesus, nachdem er seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte. Selbst nichtjüdischen Menschen in der Umgebung Jesu dürfte dies ein altbekanntes Gebot gewesen sein, was ist so neu daran? Ganz viel: zunächst und vor allem, dass Gott selbst im einander Lieben ist! Das Evangelium erkennt in Jesus den Menschensohn, in dem Gott da ist; sein Lieben wird zu einer Erfahrungswirklichkeit der Liebe Gottes und zur Einladung, sich völlig in diese Wirklichkeit einzulassen bei aller Begrenzung, die eine jede und ein jeder mitbringt.

Es ist nicht schlimm, wenn Rückschritte da sind und sogar Scheitern geschieht, Gott lässt sich immer neu ein; seine Wirklichkeit im menschlichen Lieben öffnet alle Begrenztheit. Neu in diesem Liebesgebot ist also auch die Art der Liebe selbst: sie ist nicht mehr vom je eigenen Sicherheitsbedürfnis geprägt, und sie ist nicht mehr eingegrenzt von den je eigenen Ansprüchen, was es für eine „gute“ Liebe alles bräuchte, und von den eigenen Gewohnheiten, wie „richtige“ Liebe auszusehen habe.

Ständiges Be- und Verurteilen

Diese neue Liebe, in die Jesus einlädt, kennt keine Beurteilung und keine Begrenzung, weil sie maßlos ist, göttlich eben. Und da beginnt die große Herausforderung, diese Liebe auch anzunehmen! Wenn sich einmal eine persönliche Überzeugung zum Dogma entwickelt hat, ist es schwer, aus dem ständigen Be- und Verurteilen herauszukommen. Dann kann es sogar dazu führen, die Liebe von Menschen, die anders lieben als man selbst, als Sünde zu betrachten, was Leid stiftet. Ob da manchen Christen, die zu verurteilenden Richtern geworden sind in ihrem Dogmatismus, noch zu helfen ist, ist ungewiss. Doch was bleibt ist eine weitere Dimension des Neuen in dem Liebesgebot Jesu: es ist das „neu“ selbst. Für Gott ist auch die menschliche Zeitrechnung keine Begrenzung, deswegen ist „neu“ jederzeit und in jedem Moment möglich. Oder, um es mit Bruder Karl zu sagen: „Es gibt keinen Augenblick in unserem Leben, in dem wir nicht einen neuen Weg beginnen könnten und müssten, ein neues Dasein.“

Christoph Kunz 

 

1 Kommentar

  1. Angelika Hartmann sagt:

    Der neue Gefängnisseelsorge-Newsletter lädt ein zum Lesen, Reinblicken und sicherlich auch zum Rück-Blicken! Besonders hat mich der Artikel von Christoph Kunz zu Charles de Foucauld angerührt. Immer noch aktuell, für mich schon vor über 40 Jahren beeindruckend und ein Vorbild dieser „Kleine Bruder“. Sein Leben zum ganz speziellen und konkret gelebten interreligiösen Dialog ist top aktuell. Für die katholische Kirche wäre das eine Spur, der sie leider seit vielen Jahrzehnten sich nicht traut zu folgen.

    Falsches Bild?

    Zum Artikel sehe ich ein Bild von einem unterwegs-seienden Luftballonträger und ich frage mich: anscheinend ist ein falsches Bild an die falsche Stelle gerutscht? Gehört es nicht eher zu einem anderen Artikel? Und ich lese weiter und siehe da: es passt genau, dieses scheinbar konträre Bild zum Kleinen Bruder Karl. Er hatte sich längstens, wie auch ich, verabschiedet aus dem bürgerlichen Christentum seiner Heimat. Die ihn tief beeindruckende Religiosität der muslimischen Menschen im Wüstenvolk der Tuareg, wurde zu seinem neuen, einmalig anderen WEG. Auch in meinem Leben begann schon vor über 40 Jahren ein Abschied vom bürgerlichen Christentum meines kleinen Ortes, führte mich teilweise durch reale Wüstenregionen (auch mit Büchern vom Leben von Charles de Foucauld im Gepäck) und später symbolisch durch Wüstenstrecken meines Lebens. Ich fühlte mich ihm und den „Kleinen Schwestern von Charles de Faucould“ , die sich in ihrer Spiritualität auf ihn berufen, sehr verbunden.

    Erleben der Wüste

    Da ist der Satz „Es gibt keinen Augenblick in unserem Leben, in dem wir nicht einen neuen Weg beginnen könnten… ja, sogar müssten“ um ein NEUES zu er-schaffen. Ich bin mir sicher, genau das ist ein Leitthema für ein erfülltes Leben. Und hier beginnt sich der knallbunte Luftballonstrauß zu manifestieren und zu verwirklichen. Gerade erst habe ich meinen Vater verloren, einen wissensdurstigen, weltoffenen und sehr anteilnehmenden Menschen, der das LEBEN schlechthin so sehr geliebt hat. Traurig bin ich und ERINNERN ist das erste Wort in diesen ersten Wochen danach. Als ich den Artikel las, erinnerte ich meine große Liebe zur Wüste und zu den Texten von Charles de Foucauld, dem Einsiedler in der algerischen Wüste. Befinde ich mich doch aktuell auch wieder in einer Wüste der Trauer und des Neu-Beginnen-Wollens. Wieder ist das Unterste nach Oben gekehrt und stille Wüstentage unterbrechen den schnellen Fluss des Lebens. Lange war der „Kleine Bruder“ Karl nicht explizit in meinem Denken, aber mit diesem Artikel schlage ich neu den Bogen zu seiner einfachen, stillen und überzeugenden Spiritualität.

    Abschließend will ich noch bemerken, dass auch jede Gefängnisseelsorge sich nach dem Motto von Bruder Karl ausrichtet: „Ich will nicht bekehren, ich will verstehen“. Und dieser spezielle Weg der LIEBE kennt keine Beurteilung und keine Begrenzung, weil sie maßlos ist, göttlich eben. Viel besser kann es befreiende Theologie für mich nicht sagen oder leben… und diese ist zu Finden in einer eher nicht vermuteten Freiheit: IM KNAST… eben auch eine Wüste in vielen Städten.

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