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Inhaftierte berichten in Zeitung aus ihrem Gefängnisalltag

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Gemeinsam mit dem Seelsorger Eckhard Häßler haben die Inhaftierten der JVA Nord-Brandenburg, Teilanstalt Wulkow bei Neuruppin, eine Zeitung produziert. Darin berichten sie aus ihrem Leben und ihrem Alltag im Knast. Die Gefängnisleitung kritisiert das Projekt und findet die Beiträge in Teilen einseitig und sexistisch. Ein Leben hinter Gittern – die Wenigsten wissen, was das wirklich bedeutet. 15 Inhaftierte der Justizvollzugsanstalt Wulkow haben deshalb die Gefängniszeitung “PopEi” produziert. Auf 20 Seiten berichten sie mit Textbeiträgen und Zeichnungen über ihr Leben und ihren Alltag im Gefängnis.

Die Idee dazu hatte der evangelische Gefängnisseelsorger Eckhard Häßler. Um sich zu verändern, braucht es es einen Input und Beschäftigungen. “Die Texte und Zeichnungen sind eine Einsicht in das Innere der Inhaftierten. Beides ist eine Vergegenwärtigung, um sich selbst zu beschreiben”, sagt Eckard Häßler, der seit zehn Monaten in der JVA als Gefängnisseelsorger arbeitet. Dadurch könne eine Reflektion mit sich selbst herbeigeführt werden. Bei einem Gespräch mit einem inhaftierten riet der Seelsorger ihm, alles Erzählte einmal niederzuschreiben. So entstand vor etwa sechs Monaten  die Idee zur Zeitung. Auch der Inhaftierte Daniel K. arbeitet an der Zeitung mit. In der Zelle des 35 jährigen Maurers hängt ein Bild das Gesicht eines grimmig schauenden Mannes. Pfeife rauchend.

Etwas Beschäftigung

Das Gesicht des Mannes ähnelt der Kunstfigur “Popeye” – was der Zeitung ihren Namen verlieh. “Popeye verkörpert die Kraft und den Mut, sich nicht alles gefallen zu lassen und sich einzumischen, wo die Welt nicht stimmt und unsere Mitmenschen Hilfe brauchen”, heißt es auf der ersten Seite der Zeitung. “Ich assoziiere mit Popeye Gerechtigkeit und wieder mit sich selbst in Ordnung zu kommen”, sagt Gefängnisseelsorger Eckhard Häßler. Das “Ei” im Namen der Zeitung “steht für den Beginn und Ursprung einer Sache”, erklärt er weiter. Seit August vergangenen Jahres ist der Zeichner Daniel K. in der JVA, kommendes Jahr im August soll er entlassen werden. Wegen der Pandemie sind Besuche in der JVA derzeit schwierig. “Ich habe aus Interesse mitgemacht und um etwas Beschäftigung zu haben”, lässt er über Eckhard Häßler mitteilen.

Der Gefängnisseelsorger Eckhard Häßler hält die fertige Ausgabe der Zeitung “PopEi” in den Händen. Foto: Henry Hundt.

Eigene Sprache

Neben längeren Texten findet sich in der Zeitung auch eine Seite mit dem Thema “Knast-Sprech” Wörter, die in einem Gefängnis allgegenwärtig sind, etwa “Knacki”, “Himmelskomiker und “Käfigheiliger” für Pfarrer oder “Wikingerrosotto” für Fisch und Reis. Auch gibt es Rezepte, etwa einen Bananenkuchen mit einem Kalten Hund. Andere Beiträge hingegen sind intimer und persönlicher.

“Für Emily” heißt ein Textbeitrag eines Gefangenen. “Ich habe Angst Dich nicht mehr im Arm halten zu können, Dich zu küssen, mit Dir auf dem Spielplatz zu spielen, Dir alles zu zeigen auf unseren Reisen durch die Stadt”, ist der erste Satz, in dem der Inhaftierte über seine Angst schreibt, seine Tochter nicht mehr zu sehen und wichtige Erlebnisse ihres Lebens zu verpassen. Jeder in der JVA habe sich laut Häßler mit Beiträgen an der Zeitung beteiligen können. Neben den 15 Inhaftierten haben auch zwei Pädagogen und ein Psychologe mitgearbeitet. Im Mai diesen Jahres war die Zeitung fertig – insgesamt wurden 60 Exemplare in der JVA Wulkow verteilt.

Kritik seitens der Anstaltsleitung

Dem Vorschlag über die Arbeit an dem Projekt  wurde laut Eckhard Häßler vom ehemaligen JVA Leiter Wolf-Dietrich Voigt stattgegeben. Doch verstarb Vogt völlig überraschend im April diesen Jahres. Nach seinem Tod sei das Zeitungsprojekt dann von Seiten der JV A aus Coro­nagründen abgelehnt worden. Die Regeln in der Pandemie seien so eingeschränkt, dass solche gemein­schaftlichen Projekte nicht stattfin­den dürfen. Zu hoch sei die Gefahr, dass sich Inhaftierte anstecken könnten, wenn sie zusammen daran arbeiten würden. Laut des Seelsorgers wurde nach der Vorlage der Zeitung kritisiert, dass die Beiträge nur das Negative, aber nichts Positives in der JVA Wul­kow aufzeigen. Eine Zeitung mache Meinung und diese würde zu negativ ausfallen, habe es von Verantwortlichen der JVA gegenüber dem Gefängnisseelsorger geben. Auch wurde kritisiert, dass die Zei­tung sexistisch sei.

Auf einer Seite beispielsweise stehen Zeichnungen einer Frau und eines Mannes. Die Frau, von hinten zu erkennen, beugt sich in der Zeichnung nach vorne, stützt sich mit den Händen ab. Zu sehen ist pri­mär ihr Po. Der oberkörperfreie und muskulöse Mann auf dem zweiten Bild hingegen fasst sich in die Hose. Verantwortliche der JVA bewerten die Zeichnung laut Eckhard Häßler so, dass der Mann zum Geschlechts­akt auffordern würde. Telefo­nisch wollte sich die Gefängnisleitung nicht äußern. “Es ist ein erotisches Bild, ich se­he dabei kerne Aufforderung zum Geschlechtsakt. Die Männer leben Monate allein in Zellen und sind in ihrer Sexualität befangen und ein­gesperrt”, sagt Eckhard Häßler. Es sei nichts Außergewöhnliches, dass Inhaftierte solche Bilder in ihren Zellen hängen hätten.

Es gibt Fähigkeiten der Gefangenen

Er kann die Kritik nicht nachvoll­ziehen. Auf der Titelseite steht ge­schrieben: “Jeder kann mitmachen – ohne Zensur- kein Vertrieb”. Häß­ler geht es auch darum, den Inhaftierten Chancen zu geben sich auszu­drücken und mitzuteilen, aber auch, um reflektieren zu können. “Seit ich in der JVA arbeite und den Kontakt zu Inhaftierten habe, entdecke ich oft, dass jeder neben dem Plakativ schuldig oder in Untersuchungshaft zu sein, eben auch Fähigkeiten und Möglichkeiten hat”, schreibt er auf der ersten Seite der Zeitung. Doch im Gefängnis seien die Möglichkei­ten stark minimiert. “Wenn man die Geschichten von Inhaftierten hört, findet man immer wieder Brüche im Lebenslauf”, sagt er. Es sei ihm wichtig, den Men­schen Chancen zu bieten. Inzwi­schen läuft ein weiterer Antrag für ein “Lyrik-und Kunstprojekt” – da­mit die Zeitung nicht das einzige Projekt mit den Inhaftierten bleibe.

Steve Reutter | Märkische Allgemeine Zeitung

 

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