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In diesen Tagen war in den TV-Nachrichten eine Frau zu sehen aus der Ukraine, sie saß vor ihrem Laptop und unterrichtete online ihre SchülerInnen. Einige der Kinder sind mit ihr in ihrer Heimatstadt geblieben, mitten im Krieg, andere sind geflohen und nun per Zoom zugeschaltet aus Polen und Deutschland. Sie, die Lehrerin, bringt die Kinder trotz Krieg zusammen, sie sehen und hören einander im Erzählen, Lachen und Weinen, und sie bekommen Bildung – vor allem in Menschlichkeit und Würde.

Im Fernsehen ist zu sehen, wie sie einander ermutigen und ihr Herz zeigen, geformt mit beiden Händen vor den Kameras der Handys und Laptops. Der Unterricht dieser Frau ist bewegend und ermutigend mitten im Krieg! Angesichts des Hasses und der Feindschaft widersteht sie dem Gift des Krieges, das Menschen aufteilt in Gute und Böse und in Freund und Feind, sie schafft in Gewaltlosigkeit Gemeinschaft unter den Kindern und lehrt sie durch die Praxis ihres Unterrichtes im Krieg, dass Frieden möglich ist. Wie viele weitere Frauen und Männer sind heute in der Ukraine, in Russland und in ganz Europa angesichts des Krieges so unterwegs mit ihren manchmal lebensgefährlichen Bemühungen für die Grundwerte menschlichen Miteinanders in Würde und Geschwisterlichkeit?

Wie eine Handschrift im Staub

Und doch: was bewegen sie denn wirklich, diese in der zerteilten Welt vereinzelten Menschen? Sie beenden den fürchterlichen Krieg nicht. Die Gier nach Macht und Besitz geht weiter. Das Morden geht weiter. Und müssen wir nicht sogar sagen, dass so ein Tun ein blindes ist, ein Nicht-wahrnehmen der grausamen Wirklichkeit? Müsste nicht alle Energie dahin gehen, mit Gewalt der Gewalt endlich ein Ende zu setzen? Was die Lehrerin und noch so einige andere Menschen tun, das ist wie eine Handschrift im Staub, verletzlich und ausgesetzt: geschrieben in die Vergänglichkeit, das Leid, das Elend, den Hunger, das Ausgesetztsein, den Krieg menschlichen Lebens, eine Botschaft, die anders ist, nicht in Stein gemeißelt, nicht fest geworden, sondern geschrieben in die Fußspuren aller Menschen, geformt vom Herzen her – es ist die Botschaft der Barmherzigkeit. Ist sie lebbar?

Ja, sie leuchtet auf als die wesentlich menschliche Art zu leben in der Geschichte des Jesus von Nazareth, der sich einige Tage vor dem tödlichen Urteil gegen ihn mitten im Jerusalemer Tempel auf die Erde beugt und mit dem Finger wortlos in den Staub schreibt. Vor ihm eine aufgebrachte Menschenmenge kurz vor dem Passahfest, ein Gemisch von Sehnsucht und religiöser Ideologie, von Tränen, Leid und Machtgehabe. Darin einige Männer, die sich als die wahren Gesetzeshüter beweisen wollen und dafür eine Frau heranzerren, um ihr Leben zu missbrauchen als Falle für diesen Jesus, der in seiner Gewaltlosigkeit jedem Machtgehabe gegenüber so gefährlich ist. Der aber überlässt den Lauf der Dinge nicht dem scheinbar endlosen Kreislauf der Gewalt, sondern unterbricht ihn.

Im Staub des Lebens

Jesu stille Bewegung des Hinabbeugens in den Staub menschlicher Wege und sein Aufstehen von daher mit den Worten „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein“ ist ein Sakrament, ein heiliges Zeichen, das im Tun die göttliche Kraft der Versöhnung entfaltet. Dieses Sakrament ist nicht festgelegt in einem bestimmten Ritus und muss auch nicht nur von geweihten Amtsinhabern gespendet werden – vielmehr kann es immer wieder neu und frei lebendig werden auf allen Wegen der Menschen. Die ukrainische Lehrerin spendet es in den Staub ihres Lebens mit ihrem Unterricht im Krieg. Das ist nicht viel – und doch ist es alles. Wo immer ein Mensch mitten im Ausgesetztsein sich auf die gemeinsame Erde beugt und diesen Grund spürt, da entstehen einander verbindende Worte, die jede und jeder versteht, Worte der Versöhnung. Da lässt sich Gott selbst ein in das Leid des Menschen. Da fällt der Stein, der eben noch geworfen werden sollte, vom Herzen.

Christoph Kunz | Magdeburg

 

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