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MENSCH GERNEGROSS – gott gerneklein

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Zwei Zeilen, vier Wörter – wo Theologie zu langen Erklärungen ausholen muss, da gelingt es dem Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti prägnant zu verdichten. „Wer Texte von Kurt Marti liest, dessen Augen gewinnen … die Fähigkeit, bisher Unbekanntes zu sehen und allzu Bekanntes ganz anders zu sehen“, sagte der jüngst verstorbene Tübinger Systematiker Eberhard Jüngel. Diese Gedanken von Kurt Marti sind für mich in diesem Jahr Leitgedanken durch eine Adventszeit, in der wir es erneut mit einer Ausnahmesituation in der Pandemiebekämpfung zu tun haben. Scheinbar hat Corona unser Leben fest im Griff.

Bei vielen von uns machen sich enttäuschte, wütende und resignierende Gedanken und Gefühle breit. Da lässt die Interpretation von Kurt Martis gott gerneklein durch Johannes Broxtermann aufhorchen: Steckt neben allen berechtigten Frustrationen über uneinsichtige Impfunwillige und „verquere Denker“ und allen verständlichen Ängsten, wenn wir die vollen Intensivstationen sehen und wie bis an den Rand der Erschöpfung Pflegende Patienten umsorgen und um ihr Leben ringen müssen, womöglich noch etwas Anderes dahinter? Sind etwa uns GERNEGROSSEN die Corona-Zeiten wie eine Kränkung für uns? Das lahm gelegte Leben können wir nicht verdauen und müssen Warten lernen? Und wer wird schon gerne an Leiden, Sterben und Tod erinnert in einer Welt, in der die glitzernden Fassaden lieber angesehen werden und mehr gelten als das, was wirklich dahintersteckt?

„Am liebsten leistet er alles selber. Die Leiden und die Wunden – bei sich und anderen -stören nur.“ Die unangenehmen Schattenseiten in unserer Gesellschaft werden gerne verdrängt. Oder einem abgesonderten Bereich zugeordnet, den man Spezialisten überlasst, die sich darum kümmern, uns aber damit in Ruhe lassen sollen. Das sind etwa die Intensivstationen in den Krankenhäusern: Was da genau alles mit schwer erkrankten Corona-Patienten passiert, wollen wir gar nicht so genau wissen. Und sind womöglich unangenehm berührt, wenn im Fernsehen uns (intensiv-)medizinische Details gezeigt werden. Aber auch die Hospize sind abgesonderte Bereiche, wo dem Tode geweihte Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet werden. Und eben auch die Gefängnisse. Erinnern wir uns an das, was der französische Philosoph Michel Foucault über diesen Einschluss der Individuen in einen nach außen abgeschlossenem Bereich formuliert hat und wie er dies mit Parzellierung, in der jedem Individuum ein fester Platz und feste Funktion zugewiesen wird, wodurch eine Kontrolle der Individuen und ihrer Leistungen effektiviert wird, und Hierarchisierung in Verbindung bringt.

MENSCH GERNEGROSS

gott gerneklein   Kurt Marti


Gott gerneklein
Wie dir das gegen den Strich geht, Gott:
Der Größenwahn.
Wie die Liebe sich weigert,
die Größe und Stärke zu bewundern.
Wie es ihr graust,
die Macht zu verherrlichen.
Sie hat genug damit zu tun,
die Schwachen aufzurichten.
Der Gernegroß lässt sich nicht helfen.
Auch nicht erlösen.

Am liebsten leistet er alles selber.
Die Leiden und die Wunden –
bei sich und anderen – stören nur.
Die Corona-Zeiten sind
wie eine Kränkung für ihn.
Das lahm gelegte Leben
kann er nicht verdauen.
Er muss das Warten lernen.

Der gott gerneklein
wartet auf uns.
Er ist so leicht zu übersehen.
Nur 50 cm im Zentimetermaß –
Babygröße!
In der Krippe
Lässt er sich anschauen –
Und vielleicht in jedem Kind.

Er gibt uns Grund,
sehr viel zu überdenken.
Und dann
Mit Herzen zu feiern –
Weil im Kleinen
Und Unscheinbaren
Das ganz Große atmet.

Johannes Broxtermann

Wer begegnet uns „gott gerneklein“?

Das bringt auch das Bild zum Ausdruck, das ich für diese Weihnachtsgedanken für Sie ausgewählt habe: Wo begegnet uns gott gerneklein? Der Evangelist Matthäus gibt darauf die Antwort, wenn er Jesus sagen lässt: “Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen…Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan “ (Mt. 25, 35ff.). Gott gerneklein lässt sich auch bei Inhaftierten nieder, die Schuld auf sich geladen haben und ihre Strafe absitzen müssen. Um das zu versinnbildlichen, versetzt der Ettlinger Bildhauer Rudi Bannwarth die Weihnachtskrippe in einen alltäglichen Kontext: Maria und Josef verbringen die Weihnachtsnacht im „Knast“: Das „traute, hochheilige Paar“ wird in einen anderen Zusammenhang gebracht. Sie sind nicht im Stall von Bethlehem, sondern im Besucherraum eines Gefängnisses. Dort freut sich „Knacki“ Josef auf den Besuch seiner Verlobten Maria mit dem Baby. Statt der Hirten sind zwei Vollzugsbeamte und ein Rechtsanwalt mit Aktenkoffer und Sonnenbrille Zeugen des Geschehens.

Christine Süß-Demuth hat diese Szene beschrieben: „Die Krippe ist in einen alten Röhrenfernseher platziert. Der Stern von Bethlehem schlägt von oben ins Gehäuse ein. Statt weiß gewandeter Engel mit Harfen machen Rockmusiker mit Hut, Sonnenbrille und E-Gitarren auf dem Krippendach Musik. Der Ochse hat sich im Paragraphendschungel verheddert. Der Esel schaut stellvertretend für das Volk von draußen durch das Fenster in den Knast herein.“ GERNEGROSS bleibt aber natürlich auf Abstand zur Szene und macht dadurch deutlich, dass er sich dadurch „der Mitverantwortung für die Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die wachsendende Kriminalität zur Folge haben“ entzieht (Seelsorge in Justizvollzugsanstalten, hrg.v. Rat der EKD, Gütersloh 1979, S. 13).

Hirten konnten weder lesen noch schreiben

Bannwarth interpretiert auf diese künstlerische Weise den gernekleinen gott: Der Betrachter soll sich mit der eigenen Situation und seinem Umgang mit Außenseitern auseinandersetzen. In der Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas waren Hirten als erste an der Krippe gewesen, obwohl sie damals sozial verachtet waren und als unehrlich galten. Verlierer und Außenseiter sind auch Menschen, die im Knast – einem geschlossenen System – ihre Strafe verbüßen. War die Gesellschaft in ihrem Denken über das Gefängniswesen früher sehr stark von Gedanken der Vergeltung und Rache bestimmt, so richtet sich heute das Bemühen darauf, den Gefangenen dazu zu befähigen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen („Resozialisierung“). Auf diese Sichtweise hebt auch Foucault ab, wenn er 1975 in „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ seine Mitarbeit in der Group d’information sur les prisons, G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation) begründet, die sich ab 1971 dafür engagierte, den Gefangenen in den französischen Gefängnissen die Möglichkeit zu geben, ihre Situation in der Öffentlichkeit darzustellen. Damit sollte die Gesellschaft mit dem von ihr abgesonderten Bereich in Berührung gebracht und die Sonderexistenz des Gefängniswesens aufgebrochen werden.

Knast ist Spiegel und Eigenleben

Die widersprüchlichsten Erwartungen an den Strafvollzug hat die 1990 erschienene Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland „Strafe: Tor zur Versöhnung?“ klassisch formuliert: Der Strafvollzug „soll abschreckend wirken, zugleich aber auch den Straftäter bessern…Die Welt hinter Mauern des Gefängnisses ist einerseits ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, andererseits führt sie ein Eigenleben…Der Straftäter wird räumlich aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Diese Ausgrenzung soll jedoch zum Ziel haben, ihn in die Gesellschaft (wieder) zu integrieren.“ (S. 9). Als die sozialkritischen „Knast-Krippe“ in der JVA Karlsruhe ausgestellt war, wurde Bannwarth von einem Gefängnisseelsorger angesprochen, der deutlich machte, dass gerade Weihnachten ein schwieriges Fest für die Inhaftierten sei, die sich nach Familie sehnen und auf eine Zukunft hofften. Da hat Bannwarth kurzerhand noch einen weiteren Hirten geschnitzt: Einen Seelsorger, der mit Lederjacke und Mund-Nasen-Schutz diese Krippe vervollständigt.

Damit weist er auf die Seelsorge (in allen ihren Spezialformen) als „Muttersprache der Kirche“ (Petra Bosse-Huber) hin. Seelsorge ist durch Corona im Gefängnis besonders herausgefordert: Das Corona-Jahr 2020 hat auffällig viele Gefangene in Krisen gestürzt: Insgesamt 77 Suizide verzeichnete die Bundesarbeitsgruppe „Suizidprävention im Justizvollzug“, die seit zwanzig Jahren bundesweite Daten zu Suiziden in Gefängnissen erhebt. Das sind doppelt so viele wie 2019. Vorbildlich ist das „Listener“-Pilotprojekt gegen Suizid in der JVA München: Gefangene, die als latent suizidgefährdet eingeschätzt werden, werden in der ersten Nacht geschulten Häftlingen zugeteilt: als „Listener“, das heißt Zuhörer und Ansprechpartner auch im weiteren Haftverlauf. Die „Listener“ bekommen Schulungen in Grundprinzipien der Krisenintervention und werden in ihrer Arbeit stark unterstützt und begleitet von Psychologen.

Knastkrippe symbolisiert Hilfe

Als seelsorgerlicher Dienst ist es auch zu verstehen, wenn die GefängnisseelsorgerInnen zu Weihnachtsspenden für Inhaftierte aufrufen, denn die Trennung von Familie und Freunden wird in diesen Tagen am schmerzlichsten bewusst. Mit dieser Weihnachtsgabe soll den Gefangenen signalisiert werden, dass sie nicht vergessen sind. Ihnen soll eine kleine Freude bereitet werden. Über das Schenken von Nahrungs- und Genussmittel hinaus, sollen von den Spenden auch Angebote finanziert werden, wie etwa Kreativ- und Kochkurse, Antigewalttrainings und Einzelhilfen auch für Angehörige, für die die Situation eine besondere Herausforderung und Belastung darstellt. Ebenso stellt auch die Vorbereitung auf ein Leben jenseits der Gefängnismauern viele Inhaftierten der JVA´en vor große Herausforderungen. Hier ist es gut, dass Gefangenenfürsorgevereine bei Neustarts mit Rat und Tat zur Seite steht. Wenn sich jemanden als ehrenamtliche*r BegleiterIn auf Zeit dafür engagieren will, kann er oder sie sich gerne melden.

An dieser Stelle ein von Herzen kommendes Dankeschön an die GefängnisseelsorgerInnen für diesen wichtigen seelsorgerlichen Dienst an den Gefangenen und dem gesamten Gefängnispersonal, das in ihnen ebenfalls wichtige AnsprechpartnerInnen hat. Denn diese Arbeit ist nur „systemisch“ zu leisten. Die christliche Sicht des Menschen sieht jedem Menschen – Opfer, Straftäter und die mit ihnen Verbundenen – als von Gott geschaffene und geliebte Personen, deren Leben beides enthält: Gebrochen Sein durch Leid und Schuld und die Chance der Heilung und des immer wieder neuen Beginnens. Krippe und Kreuz sind eben aus demselben Holz geschnitzt- Tod und Auferstehung können nicht getrennt voneinander gedacht werden. Auch darauf weist die „Knastkrippe“ hin.

Ich denke angesichts der Knastkrippe auch an die dritte Strophe des Gesangbuchliedes „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, wo es heißt: „Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.“ Vielleicht bewegen wir uns selbst manchmal auch in solchen Gefängnissen gedanklicher Art. Wir sind gerne desinfiziert und abgesichert gegen die Gefahren des Lebens. In der derzeitigen Krise sind Gewissheiten brüchig geworden. Diese uns erfassende Unsicherheit kehrt die Ur-Weisheit unseres christlichen Lebens hervor: Das perfekte Leben, auch das perfekte religiöse Leben, gibt es nicht. Gelingen und Zweifel gehören zusammen wie Schuld und Vergebung, das war schon bei Jesus so.

Keine perfekte Kirche

Es gibt keine Biografie ohne Risse, keine Leben ohne harte Entscheidungen. Den perfekten Lauf der Dinge gibt es nicht, das habe ich auch für mich selbst gelernt. Buße und Umkehr sind Grundkonstituenten christlicher Lebenshaltung. In jedem Gottesdienst gibt es ein Schuldbekenntnis und eine Gnadenzusage. Das gibt uns auf, aus unseren selbstgebauten Gefängnissen auszubrechen. Wenn wir uns an dem Leben und Leiden Jesu Christi ein Beispiel nehmen, werden wir die Spaltung in unserer Gesellschaft überwinden. In der Nachfolge Jesu gibt es keine perfekte Kirche, sondern eine vielstimmige Gemeinschaft, die dynamisch bleibt und versöhnend statt spaltend auf die und in der Gesellschaft (ein-)wirkt. Der Glaube an Jesus Christus ist der Gegenentwurf zu jeglichem Perfektionismus. Der jüdische Songwriter Leonard Cohen drückt es so aus: „Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That´s how the light gets in.“ („Vergiss deine wohlfeilen Gaben. Es ist ein Riss in allem. Durch diesen Riss fällt Licht.“).

There is a crack in everything

Die Geburt Jesu erinnert uns daran, dass wir einen Blick für die verwundeten Herzen von heute, für die Risse in der Existenz der Anderen, für die Brüche im eigenen Leben brauchen. „There is a crack in everything“ – durch diesen Riss, diesen Schmerz und diese Wut hindurch führt unser Weg zu Gott. Raus aus den selbstgebauten Gefängnissen. Derart gestärkt können wir getrost und adventlich mit einstimmen in den Gesang des oben genannten Gesangbuchliedes: „Herr, du bist Richter! Du nur kannst befreien, wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da. Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen, so weit wie deine Liebe uns ergreift…Freiheit, die auch noch offen ist für Träume, wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann.“ Diese Freiheit in Verantwortung und im Gebunden Sein aus der empfangenen Liebe Gottes in Jesus Christus heraus wünsche ich uns allen in diesen bedrängenden Zeiten.

Frank-Matthias Hofmann
Beauftragter der Evangelischen Kirchen für das Saarland

 

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