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Dem Jesuskind der Marienstatute fehlt die Hand

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Nach dem Gottesdienst geht ein jugendlicher Inhaftierter in den Chorraum der 140 Jahre alten Kirche der Justizvollzugsanstalt Herford und bleibt an der Marienstaute stehen. Er bekreuzigt sich mehrmals und berührt die Marienstatue mit seiner Hand. Dies wiederholt er mehrmals. Mit einem zufriedenen Gesicht geht er weiter. Einige seiner Mitgefangenen machen es ihm nach. Darauf angesprochen meinen sie, es sei eine Tradition die Staute zu berühren. Manche berühren das Kreuz oder den Altar.

Ein Händedruck, eine feste Umarmung oder ein aufmunterndes Klopfen auf die Schulter: Wir alle brauchen angenehme Berührungen. Wenn wir über längere Zeit sozial isoliert leben und einsam fühlen, leiden wir – körperlich und seelisch. Im Jugendknast sieht man dies: Das gegenseitige Faustklopfen und die heftige Umarmung russisch geprägter Gefangener. Berührung und körperliche Nähe sind ein Grundbedürfnis ein Leben lang– von der Geburt bis zum Tod. Dies ist angesichts von Corona gänzlich weggebrochen. Doch die Sehnsucht nach Berührung bleibt. Die besagten jungen Gefangenen an der Marienstatute kommen aus Osteuropa. Manche haben die religiöse Sozialisation in der orthodoxen Kirche erlebt, in der die Berührung von Ikonen und Heiligenfiguren wichtig ist.

Abgeschlagene Hand

Niemand der anderen jugendlichen Gottesdienstteilnehmer hat diese Art der Verehrung klein gemacht oder gar kritisiert. Es wird Respekt vor ihrem Tun gezollt. “Warum hat das Jesuskind keine Hand mehr?” fragt mich der 19 jährige Bulgare. “Wahrscheinlich wurde die Hand von einem Gefangenen in Wut abgeschlagen”, sinniere ich und denke neu darüber nach. Im Knast ist alles möglich. Da werden Kritzeleien an die Wand gemacht oder im Gruppenraum das Fenster beschädigt. Aber in der Kirche? Kann schon sein, dass in Vergangenheit so etwas passiert sein mag. Mir ist es ehrlich gesagt noch gar nicht aufgefallen, dass dem Jesuskind die Hand fehlt. Die abgeschlagene Hand. Ich habe den Impuls, die Marienstatue reparieren zu lassen. Das kann man so nicht lassen. Auch die Marienkrone hat einige Zacken ab.

Das Leben leben

Irgendwie ist es mir aber dann doch sympathisch. Nichts und niemand ist perfekt. Auch nicht die Muttergottes und auch nicht Jeus von Nazareth. Wie die Beschädigungen nun zustande kamen, ist zweitrangig. Vielleicht ist die Marienstatue einmal heruntergefallen? Der nun behinderte Jesus ist lebensnah und bietet den Auftakt für gute Gespräche. Jeder der jugendlichen Inhaftierten hat Narben davon getragen. Entweder hat er sich diese selbst zugefügt oder er hat Schläge abbekommen. Manche waren ihrem eigenen Tod schon nahe. Und wieder andere haben anderen Gewalt angetan und körperliche Schädigungen hinterlassen. Wir können die Welt nicht retten, auch wenn wir es wollten. Jeder hat seine Geschichte mit Abbrüchen und Dunkelheiten, mit Verzweiflung und Krankheit. Die Marienstatute und das gebrochene Jesuskind machen Mut, trotz allem Wege und Möglichkeiten zu finden, das Leben zu leben. Durch schmerzhafte Erfahrungen lernen Menschen, auch wenn vieles nicht geschehen sollte.

Michael King


 

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