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„Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt“

7. Februar 2026

Im Matthäus-Evangelium sagt der Menschenfreund Jesus zu den ihm nachfolgenden Leuten auf einen Berg: „Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt.“ Der Gottesversteher fügt nicht hinzu: wenn ihr gläubig genug seid oder wenn ihr endlich vernünftig werdet, wenn eure Taten vernünftig sind und ihr euch an alle vorgegebenen Gebote haltet. Er sagt klar und deutlich, ihr seid bereits Salz und Licht! Das gilt bedingungslos.

Inhaftierter blickt sehnsüchtig aus dem Fenster seiner Zelle in der JVA Willich. Foto: Imago

Menschen sind für diese Erde so kostbar und unentbehrlich wie Salz und Licht. Wirklich? Sieht es nicht eher danach aus, dass sich die Erde erst dann erholen könne, wenn keine Menschen mehr auf ihr wären? Wieviel Zerstörung richtet die menschliche Gier an? Wieviel Leid schaffen menschliche Herrschaft und Unterdrückung? Wir Menschen gelten auf dieser Erde als die vernunftbegabten Lebewesen – schauen wir umher und auch in uns selbst: wozu setzen wir denn all unsere Vernunft ein? Warum um Gottes Willen fangen wir immer wieder an, Kriege zu führen? Was ist da in uns, das wie Salz und Licht ist für die Erde?

„Das sich sein lassen…“

Salz und Licht entfalten ihre Kraft erst im sich auflösen und verströmen. Von dieser Wirkweise her betrachtet geht es in diesem Bild des Evangeliums nicht um Haben, sondern um Sein. Es geht nicht um Geld und Einfluss, nicht um angesammeltes Wissen und Macht oder sonst irgendeinen Besitz, es geht um das Loslassen, um das sich sein lassen. In seinen Seligpreisungen hatte Jesus am Anfang seiner Bergpredigt gesagt, welche Lebensweise gemeint ist mit dem Salz und Licht sein: auf der Seite der Trauernden sein, der Besiegten und Verlorenen, barmherzig sein, gewaltlos, den Hunger nach Gerechtigkeit nie aufgebend. So zu sein bedeutet aber, verletzlich zu sein, unfertig, wissend um die eigene Bedingtheit und Schwäche und nachgebend. In einer Welt, in der es um ständiges Wachstum und Gewinn geht, in der Macht und Einfluss, Berechenbarkeit und Absicherung als wesentlich sind, müssen solche Haltungen als unnütz gelten. Besonders deutlich wird dies in unseren Tagen an der Haltung, die Jesu Wirken insbesondere auszeichnete, die Gewaltlosigkeit: sie gilt inzwischen nicht nur als unbrauchbar, sondern als dumm und gefährlich.

Trotzdem, so Jesus, ist da das Andere auch in uns. Und er verwies darauf, dass gerade diese andere Weise zu sein das für unsere Erde unentbehrliche Substrat ist. Was die Erde und diese Welt letztlich erhält, ist nicht in unserer Macht, es entfaltet sich vielmehr aus dem ohne Macht sein, aus der Bereitschaft, sich mit ganzer Menschlichkeit in die Brüche, das Scheitern, die Verwundungen dieser Welt zu lassen. Jesus selbst hat diese Hingabe gelebt bis in den Tod hinein. In seinen Schriften zur Nachfolge schrieb Dietrich Bonhoeffer zu diesem Evangelium: „Während die Seliggepriesenen bisher wohl als des Himmelreiches würdig, aber doch offenbar zugleich als für diese Erde ganz und gar Lebensunwerte, Überflüssige erscheinen mussten, werden sie jetzt mit dem Sinnbild des auf Erden unentbehrlichen Gutes bezeichnet. Sie sind das Salz der Erde. Sie sind das edelste Gut, der höchste Wert, den die Erde besitzt. Ohne sie kann die Erde nicht länger leben. Durch das Salz wird die Erde erhalten, um eben dieser Armen, Unedlen, Schwachen willen, die die Welt verwirft, lebt die Erde.“

Unentbehrlich für diese Welt

Jesu Aufruf, Salz und Licht für diese Erde und Welt zu sein, ist die Herausforderung, im sowohl persönlichen wie gesellschaftlichen Immer-mehr und der Aufrüstung innezuhalten und in die Verwundungen und das Leid unserer Zeit hinein Würdigung und Mitgefühl fließen zu lassen. Das beginnt immer – und immer wieder neu – im eigenen Herzen. Wenn ich da sehe, wieviel Unbarmherzigkeit schon in der Begegnung mit mir selbst ist, weiß ich, um welche Herausforderung es geht. In aller Verunsicherung der Zeit liegt der Anspruch, alles im Griff zu haben, stets mächtig nahe, was das Loslassen erschwert. Das Evangelium erinnert uns, dass es möglich ist – und es ist so unentbehrlich für diese unsere verwundete Erde und Welt.

Christoph Kunz

 

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