parallax background

Schwer auszuhalten: Gibt es nicht schon genug Gut-Menschen?

27. Dezember 2025

Die Steinigungs-Geschichte des Märtyrers und Diakons der Jerusalemer Urgemeinde mit Namen Stephanus ist einer von denen, bei denen man instinktiv das Leselicht dimmen möchte. Zu krass diese Erzählung, zu wenig tröstlich. Haben wir nicht schon genug Gewalt? Die Geschichte passt zudem schlecht in eine Zeit, in der wir religiöse Texte gern so lesen, dass sie niemandem auf die Füße treten. Stephanus tut genau das Gegenteil. Und zahlt dafür einen hohen Preis.

Sind die Kirchen bunt und dynamisch? Aufnahme am Ortseingang von Radeberg. Foto: Michael Barnt

Stephanus stirbt nicht, weil er sich im Ton vergriffen hätte. Er stirbt, weil er einen Gott verkündet, der provoziert. Einen, der sich an die Seite der Menschen stellt. Und zwar ausgerechnet an die Seite der „Falschen“: Der Geringen, der Armen, der Übersehenen, der moralisch Unordentlichen. Ein Gott, der Blinde sehen lässt, Sünder ernst nimmt und sogar Menschen, die ihr Leben spektakulär gegen die Wand gefahren haben, nicht abschreibt. Das Evangelium ist voll davon. So ein Gott ist schwer auszuhalten. Gibt es nicht schon genug Gut-Menschen?

Nicht echte Steine werfen…

Unsere Zeit weiß sehr genau, wer dazugehört und wer nicht. Wer gehört wird und wessen Ideen nicht interessieren. Wer „problematisch“ ist. Wer sich disqualifiziert hat. Auch sehr religiöse Menschen sind darin erstaunlich geübt. Religion schützt bekanntlich vor vielem überhaupt nicht. Nicht vor Härte. Nicht vor Selbstgerechtigkeit. Und schon gar nicht vor Bösartigkeit. Das hat man schon damals gesehen, und die Bibel verschweigt es keineswegs. Man kann es auch heute täglich beobachten: in Kommentarspalten, in Talkshows, in sozialen Medien. Da werden nicht mehr echte Steine geworfen, sondern mit Karacho verbale Bösartigkeiten aller Art. Die Gegner des Stephanus reagieren, wie Menschen heute oftmals reagieren, wenn etwas die eigene Ordnung gefährdet: Sie halten sich die Ohren zu. Ein uraltes, zutiefst modernes Bild. Man hört nicht mehr zu, man schreit. Man erklärt den anderen für gefährlich, naiv oder unerträglich. Dann fühlt sich Gewalt plötzlich sehr logisch an. Was die Menschen so wütend macht und zu Steinen greifen lässt, ist nicht Stephanus theologische Spitzfindigkeit. Es ist die Radikalität der Liebe. Dieser Gedanke, dass Gottes Zuneigung nicht rationiert ist. Dass sie sich nicht an Anständigkeit, Leistung oder richtige Haltung bindet. Dass sie sich gerade dorthin wendet, wo es unerquicklich wird. Das ist eine Provokation für jedes System, das Ordnung liebt – erst recht für religiöse.

Weihnachten das ganze Jahr

Radikalität klingt nach Fanatismus. Nach Lautstärke. Nach Extrempositionen. Im christlichen Sinn meint sie etwas Unattraktiveres: Zum Beispiel Verzeihung da zu versuchen, wo sie eigentlich unzumutbar ist. Ein Herz zu öffnen, obwohl es mühsam ist. Solidarisch und geduldig zu sein, obwohl der andere nervt, anstrengend ist oder gar schuldig geworden ist. Radikal ist nicht das große Pathos, erst recht nicht die Laberei oder die fromme Rede. Radikal ist das Kleine, das kostet. Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Geschichte: dass der Himmel sich nicht dort öffnet, wo wir recht behalten, sondern dort, wo wir Liebe riskieren. Wo wir sie versuchen, obwohl sie unattraktiv ist. Wo wir sie wagen, obwohl sie uns etwas kostet. Vielleicht ist der offene Himmel schlicht der Moment, in dem ein Mensch sich weigert, hart zu werden. In dem er nicht zurückschlägt, nicht zurück verachtet und nicht zurück hasst. Das ist erstaunlich unspektakulär. Und führt deswegen mitten ins Geheimnis von Weihnachten. Das ganze Jahr.

Peter Otten

 

Feedback 💬

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert