Fährt man die baden-württembergische Autobahn 81 in Richtung Bodensee, fällt der Blick neben der Landschaft mit den Vulkanformen des Hegau auf ein übergroßes Betonkreuz neben der Autobahnraststätte Hegau-West. Im Jahr 2005 ist die Autobahnkirche „Emmaus“ eingeweiht worden. Von früherer Frömmigkeit inspiriert, ist die Kapelle wie eine frühchristliche Klosteranlage aufgebaut.
An den von einer hohen Mauer umfriedeter Innenhof schließt sich, verbunden durch einen überdachten Gang, ein hoher Kapellenbau an. Von außen gesehen ist die Autobahnkirche wenig einladend. Der Putz ist brüchig und der Beton erinnert eher an einen Bunker als an eine Kirche. Das Licht hellt den Bau im Kircheninnern auf. Die schnörkellose Architektur und Ausstattung des Komplexes strahlt trotzdem irgendwie Ruhe aus.
Fremde Kirchenbank
Die Autobahnraststätte Hegau-West, an der historischen Stadt Engen gelegen, besticht mit ihrer Größe und ihrer Raumfülle. Regionales und frisch zubereitetes Essen mit einem grandiosen Blick auf die Vulkanlandschaft, da kehrt innerlich Ruhe ein. Im Winter kann man Glück haben, die schneebedeckten Alpenkette in der Ferne klar zu sehen. 2016 ist ein Hotel angebaut worden. Dort steht ein Holzengel mit Blick in die Alpenrichtung. Ob dieser das ganze Jahr da steht oder nur in der Weihnachtszeit? Ein kirchliches Utensil und Relikt vergangener Zeiten steht an der Kunstinstallation: Eine dunkle Holzkirchenbank. Sie steht vor einer 6 Meter lange Innenwand, an der „Monster“ mit einer versteckten Maus gemalt sind. Ist das Teil des Kunstwerkes?
Kunst der Gegensätze
Die am Bodensee ansässige Streetart-Künstlerin Fatin Rahmouni (*1983) arbeitet seit mehreren Jahren mit ihren Monstern zusammen. Ursprünglich als Grafikdesignerin tätig, nutzt sie ihre erlernten Fähigkeiten in Konzept und Komposition, um eine neue Welt unterschiedlichster Emotionen zu erschaffen, die sich in ihren Bildern widerspiegelt. Gefühlt stört die Kirchenbank dieses Kunstwerk. Ein krasser Gegensatz zur bunten monsterhaften Welt. Der Weg zu den Toiletten führt direkt an dieser Kirchenbank vorbei. Sie steht einfach da, ohne Beschreibung und ohne Hinweisschild.
Mit „Kirche“ rausgehen
Könnte es eine Metapher für die Kirche sein? Anstelle eines separaten gemauerten Kirchengebäudes, diese „Holz-Ruhebank“ inmitten des Lebens-Geschehens zu stellen, hat etwas. Diese alte Kirchenbank, deren Geschichte nicht klar ist, sendet durch ihr Da-Sein in stiller Weise eine Einladung in die Welt. Sie lädt die Vorbeigehenden ein, sich zu setzen, hier zu warten oder ein Foto vom Kunstwerk zu machen. Ein eindeutiges Plädoyer das „Bunker-dasein“ zu verlassen, um dort zu sein, wo das Leben stattfindet. Vielleicht ist beides notwendig? Die Autobahnkirche nebenan und die Kirchenbank vor dem schrillen Kunstwerk? Traditionen zu bewahren heißt nicht, sich einzumauern, sondern sie neu ins heutige Er-Leben zu interpretieren und ohne spirituelle Engführung anders zu gestalten. Immer im Blick auf die weitaus größere und faszinierende Alpenkette.
Michael King







