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Gefängnispastoral lernt man, indem man durch die Zellenblöcke geht

22. Januar 2026

Jorge García Cuerva ist seit Mai 2023 Erzbischof von Buenos Aires. Er ist päpstlicher Delegierter für die Internationale Gefängnispastoral. In einem Interview sagt er: „Die Gefängnispastoral lernt man, indem man durch die Zellenblöcke geht.“ Der Monseñor reflektiert über die globale Mission der saatlichen Institutionen, ihre dringenden Herausforderungen und den Impuls für eine präsente, prophetische und den Menschen nahestehende Kirche.

Weit über die Gefängnisse hinaus

Im Rahmen verschiedener Aktivitäten in Rom sprach Vatican News mit Jorge Ignacio García Cuerva. Mit seiner langjährigen Erfahrung in der pastoralen Gefängnisarbeit mit Inhaftierten und Bediensteten, vermittelt der Prälat einen engagierten Blick auf eine Realität, die die Kirche und die Gesellschaft herausfordert. Die Internationale Gefängnispastoral hat ihren Ursprung im Jahr 1950, als auf Initiative des damaligen Kardinals Giovanni Battista Montini – dem späteren Papst Paul VI. – eine Gruppe europäischer Gefängnisseelsorger die Notwendigkeit erkannte, die Präsenz der Kirche in der Welt des Strafvollzugs auf internationaler Ebene zu stärken. Die Internationale Gefängniskommission koordiniert die Arbeit hinter Gittern und begleitet die nationalen Seelsorgebereich in den verschiedenen Kontinenten. In den letzten Jahren hat die Arbeit der internationalen Vernetzung der Gefängnisseelsorge einen Erneuerungsprozess durchlaufen.

Gespräch des Gefängnisseelsorgers Klaus Schütz mit einem Bediensteten der JVA Essen.

Nachdem die Gefängnispastoral historisch gesehen dem Dikasterium für den Klerus unterstand, wurde sie in das Dikasterium für den Dienst der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung integriert, in Anerkennung der Tatsache, dass die Realität des Strafvollzugs nicht auf den kirchlichen Bereich beschränkt ist, sondern sozial-gesellschaftlich ist. „Die Realität des Strafvollzugs geht weit über die Gefängnisse hinaus”, betont García Cuerva in Übereinstimmung mit den Worten von Papst Leo XIV während des Jubiläums der Gefangenen in Rom. Bildung, Arbeit und familiäre Bindungen sowie soziale Umfeld sind eng der Inhaftierung verbunden. Aus diesem Grund versteht sich die Internationale Gefängnispastoral als Dienst an den Ortskirchen, indem sie Leitlinien entwickelt und Begleitung anbietet. Die konkreten Erfahrungen der verschiedenen Länder sind wichtig.

Ungleichheit, Überbelegung und Mangel an Chancen

Unter den wichtigsten Herausforderungen erinnert der Erzbischof an einen Satz von Papst Franziskus, der Ungleichheit als Wurzel sozialer Übels bezeichnet hat. Gefängnisse, so sagt er, spiegeln unverfälscht die Gewalt, Armut und Ungerechtigkeit der Gesellschaft wider. Ohne Armut zu kriminalisieren, erkennt er an, dass die schwächsten Bevölkerungsgruppen oft am stärksten von Strafvollzugssystemen betroffen sind. Hinzu kommen Probleme wie Überbelegung, fehlende Bildung und Arbeit sowie die Beibehaltung der Todesstrafe in einigen Ländern. Angesichts dieser Situation ist die Kirche aufgerufen, eine prophetische Stimme zu erheben und die Würde jedes Menschen sowie die reale Möglichkeit einer Veränderung zu bekräftigen.

Während seines Treffens mit Papst Leo erhielt García Cuerva den Impuls, die Ausbildung der Gefängnisseelsorger zu vertiefen und eine gemeinsame theologische und spirituelle Reflexion über die Realität im Strafvollzug zu fördern. Der Papst ermutigt für seelsorgerliche Dienste durch Frauen und Nichtklerikern. Sie spielen in vielen Ländern bereits eine wichtige Rolle. Leo betont, wie wichtig es ist, Einfluss auf die Politik zu nehmen und nicht nur eine persönliche, sondern eine gesellschaftliche Stimme zu sein. Das Bild aus dem Evangelium von dem Duft, der das ganze Haus erfüllt, aus Kapitel 12 des Johannesevangeliums, fasst diesen Wunsch zusammen: dass eine spirituell-ethische Reflexion die Realität des Strafvollzugs durchdringt.

Eine Nähe, die verändert

Die pastorale Erfahrung Cuevas in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires ist geprägt von jahrelangen Besuchen in Gefängnissen und der Begleitung von Häftlingen und ihren Familien. Für den Erzbischof ist das eine unersetzliche Quelle. „Die Gefängnispastoral lernt man, indem man durch die Zellenblöcke geht“, sagt er und erinnert daran, dass seine erste Lektion einfach darin bestand, „da zu sein und zuzuhören“. Geschichten von Kreativität, Leid und Hoffnung – wie beispielsweise „Gefangene, die den Film ´Passion Christi´ durch Spiegel verfolgen, oder die Emotion, nach Jahren der Haft einen Baum zu umarmen – offenbaren die menschliche Tiefe dieser Mission, die aus kleinen Gesten und treuer Präsenz besteht“ führt Cuevas aus.

Auf dem Programm in Rom standen Treffen im Dikasterium zur Förderung der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung, Treffen mit internationalen Vertretern und Reflexionsrunden über Ausbildung, Öffentlichkeitsarbeit und die Begleitung des Papstes bei seinen künftigen Pastoralbesuchen in Gefängnissen. „Wir wollen eine agile Arbeit im Dienst der Ortskirchen“, fasst García Cuerva zusammen, wohl wissend, dass noch viel zu tun bleibt, insbesondere dort, wo die Gefängnispastoral wenig Raum hat. Neun Monate nach dem Tod von Papst Franziskus erinnert sich der argentinische Erzbischof mit Emotionen an dessen tiefe Sorge um die Welt der Gefängnisse. Von seinen Besuchen als Erzbischof von Buenos Aires bis zu den Gesten seines Pontifikats – die Fußwaschung in Gefängnissen, die prophetische Anklage in Lampedusa und sein letzter Besuch im römischen Gefängnis Regina Coeli am Gründonnerstag 2025, wenige Tage vor seinem Tod – hinterließ Franziskus eine beredte Botschaft: Christus ist in denen, die hinter Mauern leben.

Übersetzung aus dem Spanischen: Vatikan News

 

1 Rückmeldung

  1. Heiko sagt:

    Gefängnisseelsorge lernt man eben nicht nur durch das Durchgehen der Zellenblöcke. Es braucht eine fundierte, professionelle und begleitende pastoral-psychologische Aus- und Weiterbildung. Ein Feld- und WiesenseelsorgerIn ist fehl am Platz im Knast und kann viel kaputt machen. Fromme Sprüche kann man sich hier ebenso sparen wie kirchliche, festgefahrene Traditionen. Ein Missionieren im Gefängnis darf nicht das Ziel sein. In Deutschland ist es längst Realität, dass es nur noch wenige männliche Kleriker gibt, die den Dienst der Gefängnisseelsorge ausfüllen. Da kann die „Weltkirche“ davon lernen.

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