Joachim Walter hat den Großteil seines Lebens im Justizvollzug gearbeitet. Sein Fazit: Einsperren sei keine zeitgemäße Strafe mehr. Als stellvertretender und amtierender Anstaltsleiter von baden-württembergischen Gefängnissen wie dem in Heilbronn und Pforzheim sowie dem Jugendvollzug in Adelsheim hat Joachim Walter Urlaube für Gefangene abgelehnt und freigegeben, Durchsuchungen angeordnet und entschieden, wer wie viel Besuch bekommen darf. Über seine Erfahrungen hat der pensionierte Anstaltsleiter ein Buch geschrieben. Im Gespräch fordert er mehr Individualisierung im Strafvollzug und erklärt, warum „unsere Gesellschaft am Prinzip Gefängnis hängt wie der Neurotiker an seiner Krankheit“.
Wie sieht ein Tag für einen Häftling aus?
Der Tagesablauf ist strikt geregelt. Je nach Anstalt beginnt das Aufstehen beziehungsweise die Frühstücksausgabe zwischen sechs und sieben Uhr. Wer arbeitet, rückt dann zur Arbeit an und wird vorher noch kontrolliert. Um die Mittagszeit geht es meistens zurück in den Haftraum – es gibt selten gemeinsame Speisen in einem Saal. Danach findet eine erneute Kontrolle statt, und sie rücken wieder zur Arbeit an. Nach Arbeitsende, meistens nach sieben Stunden, kommen sie zurück in den Haftraum. Dann ist eigentlich Schluss, außer der Häftling ist für eine Freizeitveranstaltung am Abend zugelassen.

Ein auf Kuba entwickleltes Konzept der Einrichtung eines Gefängnisses als Panoptikum. Viele Gefängnisse aus dem 19. Jahrhundert sind ähnlich aufgebaut – bis heute.
Wie werden die Gefangenen kontrolliert?
Der Justizvollzug zählt die Häupter seiner Lieben mindestens dreimal am Tag. Wenn sich zahlenmäßige Abweichungen ergeben, wird nochmals namentlich kontrolliert.
Wie hat es sich die ersten Male angefühlt, in das Gefängnis zu gehen?
Das war sehr spannend, weil das eine ganz eigene Welt ist. Nun ist das aber bei mir sehr lange her, das war im Jahr 1973. Damals waren die Gefängnisse in Deutschland noch anders. Es gab noch nicht einmal ein Strafvollzugsgesetz, das heißt die Organisation beruhte nicht auf einer gesetzlichen Grundlage, sondern auf Erfahrung. Vollzugsbedienstete waren in allen europäischen Ländern ursprünglich Soldaten, ehemalige Soldaten oder Reservisten. Daher ist der Vollzug bis heute militärisch geprägt, das zeigen auch die Uniformen, die für diesen Dienst ja eigentlich gar nicht notwendig sind.
Sie haben viele Jahre lang deutsche Gefängnisse geleitet. Wie viel Macht hat man in dieser Position über die einzelnen Personen?
Die Anstaltsleitungen haben große Macht. Im deutschen Gesetz heißt es zum Beispiel, dass der Anstaltsleiter oder die Anstaltsleiterin den Vollzug in jeder Beziehung zu verantworten hat. Das heißt, er kann im Prinzip für alles, was geschieht oder eben unterbleibt, verantwortlich gemacht werden. Wichtige Entscheidungen sind etwa Stellungnahmen zu einer vorzeitigen Entlassung, wer zu Besuch kommen darf und in welcher Form dieser Besuch stattfindet; beispielsweise könnte dieser aus Sicherheitsgründen hinter einer Trennscheibe stattfinden, sodass direkter Kontakt gar nicht möglich ist. Auch die Entscheidung, wie häufig jemand durchsucht wird, und wichtige Entscheidungen über Vollzugslockerungen trifft in letzter Instanz die Anstaltsleitung. Die Oberaufsicht hat das Justizministerium. Wenn eine Maßnahme gerichtlich anfechtbar ist, dann kann auch ein Gericht entsprechende Weisungen geben, aber es sind längst nicht alle Entscheidungen gerichtlich anfechtbar.
Das System ist ziemlich teuer. Bringt dieser Aufwand etwas?
Das hängt von den Erwartungen ab. Wenn man eine geringe Rückfallrate erwartet, lohnt es sich eher nicht. Denn die Mehrzahl derjenigen, die im Justizvollzug einsitzen, begehen wieder Straftaten. Nur zwischen 20 und 30 Prozent scheiden endgültig aus dem Kriminalitätsgeschehen aus. So toll ist diese Bilanz nicht. Andererseits erwartet man auch nicht, dass Menschen, die in die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert werden, zu 100 Prozent wieder gesund herauskommen. Das Gefängnis ist gewissermaßen die Intensivstation der Gesellschaft.
Ist Einsperren als Strafe überhaupt noch zeitgemäß?
ch bin im Laufe meiner Berufszeit davon abgekommen. Es gibt viele Maßnahmen wie zum Beispiel Bewährungshilfe, gemeinnützige Arbeit, gemeinnütziges Wohnen in einer überwachten Wohngemeinschaft oder gegebenenfalls eine elektronische Fußfessel, die letztlich billiger sind und wahrscheinlich mehr bringen und weniger Leid verursachen. Das Leid betrifft nie nur die Person, die im Gefängnis einsitzt, sondern auch die Familie.
Was sehen Sie problematisch am Einsperren?
Im Vollzug wird sehr wenig individualisiert. Man geht leider von dem Prinzip „one size fits all“ aus. Jeder kriegt die gleiche Behandlung, den gleichen Tagesablauf, die gleiche Unterbringung, das gleiche Essen – das kann nicht richtig sein. Ein Brandstifter und eine notorische Ladendiebin sind völlig unterschiedliche Fälle und brauchen eine andere Behandlung.
Wie müsste das Gefängnis verändert werden, damit Straftäterinnen und Straftäter in Zukunft nicht mehr gegen das Gesetz verstoßen?
Das ist nur durch eine individualisierte Behandlung möglich, bei der die Betreffenden im Mittelpunkt stehen. Die Justiz richtet den Blick auch gerne in die Vergangenheit, stattdessen sollte man in die Zukunft blicken und auf die Chancen, die der Mensch hat.
Was wäre eine individualisierte Behandlung ganz konkret?
Dazu braucht es enorm viele Ausnahmen. Ich habe ein Buch geschrieben, das sich mit individuellen Schicksalen befasst. Da wird beispielsweise ein junger Mann eingesperrt, weil er ein notorischer Fahrer ohne Fahrerlaubnis ist. Er hat keinen Führerschein, weil er durch die theoretische Prüfung gefallen ist, ansonsten fährt er astrein, verursacht keine Unfälle und trinkt keinen Alkohol. Dem Mann kann ganz einfach geholfen werden, indem man ihm einen Führerschein verschafft. Das heißt, man braucht eine Fahrschule, die bereit ist, einen Straftäter aufzunehmen, und man braucht das Geld dafür. Danach kann er gar nicht mehr straffällig werden, weil die Ursache dafür beseitigt ist.

Joachim Walter hat Rechtswissenschaften, Psychologie und Kriminologie studiert. Er leitete die JVA“en Heilbronn und Pforzheim. Im Jugendvollzug Adelsheim wurden unter seiner Leitung eine Reihe von progressiven Resozialisierungsmaßnahmen eingeführt. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als Rechtsanwalt und Autor. Sein Buch erschien im Juni 2025 im Westend-Verlag. 22 Euro
Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Wirtschaftskriminelle, die im herkömmlichen Sinn nicht gefährlich sind, mit Sozialarbeit anstatt Freiheitsentzug bestraft werden sollten?
Das sehe ich generell als gute Lösung. Wer nicht gefährlich ist, kann mit einer elektronischen Fußfessel oder im offenen Vollzug besser resozialisiert werden. Allerdings sind auch die Schäden, die Wirtschaftsstraftäter anrichten, nicht unbeträchtlich. Ich erinnere mich an eine Diskussion zwischen zwei Gefangenen. Der eine hat im Alkoholrausch eine Frau totgefahren, der andere war Wirtschaftsstraftäter und hat am Bodensee nicht vorhandene Wohnungen an ältere Menschen verkauft. Als die beiden miteinander gesprochen haben, hat der Wirtschaftsstraftäter gesagt: „Ich kann keiner Fliege etwas zuleide tun, ich habe noch nie jemanden verletzt. Ich bin nicht wie du, der besoffen durch die Straßen fährt und Frauen überfährt.“ Dabei hatte sich ein älteres Ehepaar das Leben genommen, nachdem sie durch ihn aller Ersparnisse beraubt worden waren.
Die steigende Kinder- und Jugendkriminalität beschäftigt die Politik. Laut Anzeigenstatistik von 2024 seien Straftaten von unter 14-Jährigen um fast 24 Prozent gestiegen. Ein Fünf-Punkte-Programm soll verhindern, dass Kinder und Jugendliche künftig straffällig werden. Darin geht es etwa um Prävention, aber auch um die Möglichkeit einer vorübergehenden Unterbringung in geschlossenen Einrichtungen für sogenannte jugendliche Intensivtäter. Wie schätzen Sie das ein?
Prävention ist immer gut, um zu verhindern, dass es überhaupt zu Straftaten kommt. Die Idee, zwölf- und 13-jährige Kinder in den Jugendstrafvollzug einzusperren, halte ich für völlig unsinnig. Meinetwegen gingen aber sogenannte Time-out-Maßnahmen. Das heißt, dass Kinder unter 14 Jahren in einen vorübergehenden Gewahrsam genommen werden, um zu verhindern, dass sie etwa weiter Drogen verticken. An einer derartigen Intervention mangelt es Intensivtätern meistens.
Sie haben auch Gefängnisse im Ausland besucht, wo läuft es besonders gut?
Die Schweiz hat ein auf das Individuum bezogenes Jugendstrafrechtssystem. Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die es bei uns in Deutschland nicht gibt. Das Jugendgericht kann zum Beispiel zum Ergebnis kommen, dass ein jugendlicher Straftäter auf einem Bergbauernhof bei einer wohlsituierten Familie untergebracht und dort in die familiären Strukturen und die Arbeit am Bauernhof eingebunden wird. Auch dass ein jugendlicher Straftäter Therapieauflagen bekommt und zweimal pro Woche zur Psychotherapie muss, kommt vor. Die Schweizer nehmen dafür viel Geld in die Hand und profitieren zudem von kleinräumiger Struktur.
Werden Gefängnisse jemals abgeschafft?
Das ist eine schwierige Frage. Ich würde es hoffen, weil es viele Alternativen gibt. Ich habe aber den Eindruck, dass unsere Gesellschaft am Prinzip Gefängnis hängt wie der Neurotiker an seiner Krankheit. Der kann auch nicht davon lassen, obwohl es ihm nicht guttut.
Das Interview führte Julia Beirer | Mit freundlicher Genehmigung: Der Standard






1 Rückmeldung
Der ehemalige Anstaltsleiter beschreibt die Situation Anfang der 1970er Jahre. Da dürfte heute sich hoffentlich einiges im Strafvollzug zum Guten verändert haben. Manches mag ähnlich geblieben sein: der Knastgeruch, die Geräusche und in manchen Gefängnissen weiterhin die panoptische Bauweise. Angesichts der massiven Vorwürfe in der JVA Gablingen ist es allerdings erschreckend, dass 2025 immer noch Menschen inhuman untergebracht werden. Walters Buch ist ein Geschichtsbuch aus seinen Erinnerungen als stellvertretender und amtierender Anstaltsleiter. Und doch finden sich Anteile und Erfahrungen darin wieder, die heute noch in ähnlicher Weise als Inhaftierter wie Bediensteter erlebt werden. Ein gutes Diskussionsbuch und ein wertvoller Beitrag zu Sinn und Unsinn des Strafvollzugs.