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Hatte schon immer gern das letzte Wort: Danke

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Da sagt mir eine Dame: „Ihr Buch liegt bei mir auf dem Nachtschränkchen und ich schlafe jeden Abend mit Ihnen ein.“ Bei anderen liege ich neben der Kaffeemaschine, auf dem Küchentisch oder stehe verstaubt im Bücherregal. Vor kurzem bekannte ein Freund mir freimütig: „Petrus, bei uns liegst du auf dem Klo.“ Nun ja, die Klopapierrolle bietet ja auch eine Menge kleiner Denkzettel und ist eigentlich ein großer Dankzettel: Wie gut, wenn ich loslassen kann!

Dass Menschen sich an allen Orten des täglichen Lebens mir zuneigen, macht meinen Verleger nicht verlegen, aber mich. Es tut mir natürlich auch gut, dass man mich immer wieder mal in die Hand nimmt und ich noch nicht ausgelesen bin. Manche lesen allerdings etwas aus mir heraus, was in mir nicht drin ist. Weil ich Petrus heiße, heißt das nicht, dass mein erstes Wort Jesus war und ich mit einem Heiligenschein auf die Welt gekommen bin. Davon können meine Eltern ein Lied singen. Mamma mia.

Worte be-wirken

Das Wort lesen kommt vom lateinischen legere, Intelligenz von inter-legere = dazwischen lesen. Frauen sind intelligenter als Männer, weil sie zwischen den Zeilen zu lesen vermögen. Aber auch Frauen haben es oft schwer, aus den dunklen Seiten ihres Lebens einen Sinn herauszulesen. Manchmal kommt es uns so vor, als wären wir die Einzigen, die dieses oder jenes durchmachen. Da tut es gut, zu lesen, dass auch andere unsere Not kennen, den Schmerz durchleiden. Dadurch fühlen wir uns in unserem Leid nicht mehr so allein und unverstanden. Wohltuend ist auch, wenn ein anderer ins Wort bringt, was wir selbst nicht sagen können.

Leserinnen und Leser mögen mir noch so zugeneigt sein, ich neige nicht dazu, die Wirkung meiner Texte zu überschätzen. Und trotzdem wundere ich mich manchmal, was Worte bewirken können. Da schreibt mir eine Frau aus der Psychiatrie: „Ich wollte mir das Leben nehmen. Und dann fiel mir Ihr Buch So wie ich bin – Gespräche mit Gott in die Hände. Und darin las ich einen Satz, der mich vom Suizid abgehalten hat.“ Kaum zu glauben, dass ein paar Worte einem Menschen das Leben retten können. Worte wirken oft weiter als wir annehmen. Ein Satz kann ein Segen sein, ein Wort die Wunde heilen.

Worte, die weiterwirken. Freunde, Leserinnen und Leser schreiben oder erzählen, welcher Text sie inspiriert, anspricht, tröstet oder ihnen Mut macht. Ihre Dank Zettel sind auch Denk Zettel. Sie geben zu denken, bedenkenswerte Worte von sehr unterschiedlichen Menschen in verschiedensten Lebenslagen. Unsere Lesart hängt immer auch von der Situation ab, in der uns ein Text, ein Buch begegnet.

Schmerzgrenze oft Sprachgrenze

Auch im Knast finden sich noch Gefangene in meinen Texten wieder. Manche glauben, dass ich selbst gesessen sei, sonst hätte ich ihre Gefühle und Gedanken nicht so treffend beschreiben können. Offenbar ist es möglich, sich fremdes Leid anzueignen und in Worte zu fassen. Aber es gibt Grenzen. Die Schmerzgrenze ist oft auch die Sprachgrenze. Der Schmerz geht zuweilen so tief, dass es dafür kein Wort gibt. Kindesmissbrauch ist nichtssagend angesichts des unsäglichen Leids der Betroffenen. Kein Mensch kann auch sagen, was Liebe eigentlich ist. Alle Beschreibungen kommen zu kurz. „Liebe ist mehr als vier nackte Beine im Bett.“ – „Stark wie der Tod ist die Liebe.“ Die Liebe ist nach dem Ableben des geliebten Menschen oft sogar stärker, lebendiger als zu Lebzeiten. Sind die Toten überhaupt tot? Sie gehen weiterhin mit uns durchs Leben, berühren unser Herz.

Mit dem Herzen denken

Kennen Sie das auch, wenn einen ein Satz nicht mehr loslässt? Ein Satz, der sitzt, zur Auseinandersetzung zwingt. „Wer sich einsetzt, setzt sich aus.“ Gedanken nachgehen. Nachdenken. Durchdenken. Zu Ende denken. Umdenken. Mit dem Herzen denken. Verständnis haben für das, was der Verstand nicht versteht. Wer versteht, verurteilt nicht, er verzeiht. Es gibt mehr als wir sehen. Wenn wir nur das für wahrhalten, was wir erklären können, verstehen wir nicht viel. Schicksal, sagen wir, wenn wir nicht wissen, warum etwas passiert ist. Und auch der sogenannte Zufall vermag nicht zu erklären, was da zeitlich zusammenfällt. Mancher Text fällt mir zu. Woher weiß ich nicht. Aber durch Nachdenken wäre ich nie draufgekommen. Ab und zu, hier und dort fällt ein Stückchen vom Himmel. Uns in den Schoß.

Danke

Ich schreibe diese Zeilen in den sonnigen Tagen des Altweibersommers 2021. Die feinen Fäden von unzähligen Zwergspinnen hängen wie seidig glänzendes Greisenhaar an den Zweigen und schweben durch die Luft. Ich bin auch ein Spinner: Wäre ich am 29. Februar geboren, wäre ich jetzt noch keine zwanzig. Und ich hätte die Lebenserfahrung eines alten… aber auch das Greisenhaar. Früher waren selbst die Haare auf meinen Zähnen schwarz. Inzwischen habe ich keine Beißer mehr und auch mein Bart ist weiß. Der Zahn der Zeit. Aus schwarz wird weiß. Aus dem Dunkel geht das Licht hervor. „Die Mitte der Nacht ist der Anfang eines neuen Tages.“

Als unheilbar Kranker erlebe ich jeden Tag neu als ein kostbares Geschenk. Wer denkt, dankt. Der schönste Gedanke ist Danke! Ich danke allen, die mit ihrem Beitrag dieses vielseitige Buch bereichern. Danke für die Dankesbriefe. Danke für die ganz persönlichen Geschichten, mit Herzblut geschrieben. Danke für das, was uns zwischen den Zeilen zu denken gibt. Man/Männin möge mir nachsehen, dass ich manchem Dank-Zettel noch eine persönliche Anmerkung hinzufüge. Ich hatte schon immer gerne das letzte Wort. Schreiben ist für mich leben. Und leben endet erst, wenn der Deckel zugeht. Bis dahin halte ich die Augen offen und die Ohren steif!

Petrus Ceelen

 

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