parallax background

Giora Feidmann: Der Klang der Hoffnung

5. Dezember 2021
Ikone für das Jugendgefängnis feierlich übergeben
28. November 2021
MENSCH GERNEGROSS – gott gerneklein
8. Dezember 2021

Die Klarinette spielt Giora Feidman wie kein anderer. Mit seiner Klezmer-Musik berührt er seit Jahrzehnten die Seele der Menschen. Für sein Engagement für den interreligiösen Dialog und den Austausch zwischen Juden und Deutschen wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Zu seinem 85. Geburtstag bündelt dieser faszinierende Weltbürger all seine Lebenserfahrung, Weisheit und Erkenntnisse. Seine Enkelkinder vor Augen beantwortet er die großen Fragen des Lebens: Welche Wurzeln hat der Mensch? Warum braucht Leben Neugierde?

Giora Feidman spielt die Filmmusik zu „Schindlers Liste“ und trat auf Wunsch des Papstes solo vor 800.000 Menschen auf. Seine Musik ist Weltmusik, denn sie verbindet Völker und Religionen. Konzerthäuser, Kirchen und Synagogen bilden den Rahmen seiner Auftritte, die die Kraft haben, Grenzen zu überwinden. In seinem Buch nimmt uns der „King of Klezmer“ mit auf eine Reise durch sein Leben und seine Liebe zur Musik. Ganz persönlich erzählt er von seiner Bewunderung für Gottes Schöpfung und von seinem tiefen Vertrauen in die Kraft der Menschlichkeit: „Vielleicht bin ich meschugge. Aber ich glaube dran, dass die Liebe gewinnt“. Das macht seine Lebenserinnerungen zu einem Plädoyer für mehr Versöhnung und Lebensfreude – das Vermächtnis eines großen Künstlers.

Das Lob der Neugier

„Einer meiner Enkel hat mich einmal gefragt, was ich tue, wenn mir langweilig ist. Erst habe ich die Frage gar nicht verstanden. Dann ist mir klar geworden: Ich kenne das Gefühl von Langeweile nicht – denn ich bin viel zu neugierig. Der Langeweile will ich kein Unrecht tun. Es ist gut, wenn wir es mit uns selbst aushalten, wenn etwas weniger los ist. Zeiten, in denen wir auftanken, braucht jeder Mensch. Doch ich will an jedem Morgen aufs Neue herausfinden, was heute an Überraschungen in meiner Klarinette steckt. Ich packe sie aus, gebe ihr einen Kuss, wie jeden Morgen, und dann beginne ich zu spielen. Meine Frau ist deswegen übrigens nicht eifersüchtig – sie weiß, dass der Kuss meine Dankesgeste gegenüber meinem Instrument ist: Dank dafür, was sie mir alles schon an Erlebnissen und unvergesslichen Momenten ermöglicht hat.

Natürlich spüre ich in mir beileibe nicht jeden Morgen dasselbe Gefühl. Wie ich spiele, hängt davon ab, wie gut ich geschlafen habe, wo ich gerade bin, welche Gedanken mich im Augenblick beschäftigen oder wie viele und welche Termine mich erwarten. Je nachdem bin ich schon bei den ersten Tönen im Einklang mit meiner Seele. Oder ich muss mich erst dahin vortasten. Aber geht es nicht für jeden Menschen darum, mit welcher Haltung wir den Tag, ein Projekt oder das Zusammensein mit unseren Liebsten beginnen und wovon wir uns und damit alles, was uns begegnet, prägen lassen? Mein großes Glück ist, dass die Musik meine Seele so stärkt, dass ich in jedem Augenblick mit dem Leben verbunden bin. Das scheint mir eins der Geheimnisse eines erfüllten Lebens zu sein: Wenn das, was wir tun, es uns ermöglicht, den ganzen Tag – oder sagen wir: einen großen Teil davon – unsere Seele zu fühlen, dann sind wir dem Glück ganz nahe. Ich muss nicht mehr verzweifelt irgendeinen Reiz suchen, nirgendwo mehr hingehen und nichts mehr tun, um innere Ruhe und Zufriedenheit zu empfinden.“

Mehr auf YouTube | Titelfoto: Lis Kortmann

Leseprobe

 

Feedback 💬

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.