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Die heruntergekommenen Heiligen? Menschen unter Menschen

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In das seltsame Gemisch heidnisch-religiöser Feiertage von Reformation über Halloween bis hin zu allen Heiligen – ein Gemisch, so bunt wie das Herbstlaub. Es sind Menschen, die im Heute so ganz unscheinbar ihr Mensch-sein leben, obwohl sie von außen betrachtet nicht als „Heilig“ gelesen werden.

Jasmin, die für eine Dienstleistungsfirma am Infopoint der Klinik in einem kleinen Glashäuschen sitzt, und jedes Mal, wenn ein Mensch auftaucht, der verunsichert und verwirrt den Weg nicht erkennt, hervorkommt, um ihn ein paar Schritte weit zu begleiten.
Manfred, der Rentner, der ganz unten im Haus wohnt und in seinem kleinen Kellerraum aus alten Hölzern eine bunte Bank gefertigt hat für die Kinder in der Nachbarwohnung, die so gern vor dem Haus spielen.
Mathilde, die einmal in der Woche im ehrenamtlichen Besuchsdienst Menschen im Krankenhaus aufsucht und ihnen schon mal im Kiosk drei Straßen weiter Zeitschriften besorgt.
Silvia, die in den Corona Jahren sich aufgemacht hat für die einzukaufen, die aufgrund der Quarantäne die Wohnung nicht verlassen konnten.

Holger, der seinen Partner verloren hat und nach langer und überstandener Alkoholerkrankung regelmäßig in der Schwulenbar hockt und am Tresen einfach nur liebevoll zuhört mit einem großen Herzen, in dem viel gut aufgehoben ist.
Irina, die an der Kasse sitzt im Supermarkt und älteren Menschen sehr behutsam und freundlich das Kleingeld abzählen, dass sie ihr hilfesuchend hinhalten, und die dann auch noch den Kunden freundlich begrüßt, der gerade laut gestöhnt hat angesichts der Verzögerung in der Warteschlange vor der Kasse.
Murad, der seit einigen Jahren im Gefängnis sitzt, wo er ausgiebig Krafttraining gemacht hat und nun jene Mitgefangenen unter seinen Schutz nimmt, die wegen Sexualstraftaten da sind.


Es gibt sie alle wirklich. Sie fallen nicht besonders auf, und sie würden auf die Frage, warum sie sowas tun, antworten: das ist doch selbstverständlich. Sie tun das einfach als Menschen unter Menschen. Und das ist unbezahlbar! Dabei sind diese Leute nicht oder nicht mehr Christen, sie machen keine religiöse Pflichtübung, sie leisten sich einfach Menschlichkeit. Ich nenne sie heruntergekommene Heilige.

Jasmin, Manfred, Mathilde, Holger, Irina, Murad und Silvia haben einiges durch, vieles mag zu Bruch gegangen sein in ihren Geschichten, vieles gescheitert, und sie alle müssen mit etlichen Bedingtheiten klarkommen – eines aber haben sie in sich ungebrochen und bedingungslos bewahrt: ihr Mitgefühl. Denn sie wissen aus Erfahrung, was es braucht. Und ihr Mitgefühl kann fließen in ihrem Trauern, ihrer Sanftmut, ihrem Gerechtigkeitssinn, ihrer Barmherzigkeit, in der Reinheit ihres Herzens und dem Anstiften zum Frieden. Solche Leute hat Jesus selig genannt; da ist Heil heruntergekommen auf die alltäglichen Straßen des Lebens. Allerheiligen wird in den Kirchen gefeiert – und im Alltag gelebt.
Heil, Heilung, ganz Sein und aufgehoben Sein geschehen nicht im großen Ganzen, sie geschehen im Kleinen und Unscheinbaren und nicht selten an eher weniger frommen Orten, wo es nicht gerade feierlich zugeht. Sie geschehen nicht automatisch, sondern im bewussten Handeln einzelner Menschen, die darin jene Verbundenheit spürbar werden lassen, die so heilsam ist.

Angesichts der großen Krisen unserer Zeit, der zunehmenden klimatischen Zerstörung, der Kriege und der Unterdrückung und Diskriminierung vieler Menschen erscheinen diese heruntergekommenen Heilige nicht viel auszurichten. Doch gäbe es sie nicht, worin könnten wir Menschen einander und uns selbst überhaupt noch trauen? Mit ihnen lebt jene Kraft weiter, die der den Holocaust überlebende Jude Viktor Emmanuel Frankl die „Trotzmacht des Geistes“ nannte. Die Grundvoraussetzung dafür aber ist schon längst in einem jeden von uns, im Mitgefühl. Denn Heilige machen es wie Gott: sie werden einfach Mensch.

Christoph Kunz

 

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