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Bilder zeichnen eigene Wirklichkeit, nie ganze Realität

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Wenige Tage nach der Bundestagswahl machte ein Bild die Runde und brachte das Internet beinahe zum Explodieren. Nach ersten Sondierungsgesprächen posteten vier PolitikerInnen ein Selfie mit der Unterschrift: „Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten.“ Annalena Baerbock, Robert Habeck, Christian Lindner und Volker Wissing stellten das Foto jeweils auf ihren Instagram-Kanal. Aber keines der Fotos war genau gleich. Eines war offensichtlich vorher durch einen dezenten Weichzeichner gelaufen. Andere hatten einen Sepia-Filter genutzt, der den Farbumfang reduziert und die Personen insgesamt jünger wirken lässt.

Einer wählte ein anderes Format und zoomte sich dadurch herauf. Und genau diese Unterschiede wurden in der öffentlichen Diskussion sogleich mit dem jeweiligen Persönlichkeitsprofil der Politiker in Verbindung gebracht und sorgten für einige Aufregung, für Spaß und für Spott. Bilder kaschieren, heben Details hervor, relativieren Makel und Fehler. Kaum einmal stimmen Bild und Original ganz überein. Immer schon bestand die Kunst darin, das Besondere eines Motivs, einer Person, einer Landschaft herauszuarbeiten und im positiven Sinn zu verstärken. Heute ist jeder von uns dazu in der Lage mit den Filtern, die uns die digitale Technik zur Verfügung stellt. Bilder zeichnen eine eigene Wirklichkeit; sie treffen nie die ganze Realität. Die müssen wir immer noch eigenhändig und eigenständig wahrnehmen, wägen und deuten. Das nimmt uns niemand ab, und das ist gut so.

Bilder idealisieren

Darin liegt unsere besondere Verantwortung als Zeitgenossen, als BürgerInnen und auch als Gläubige in der Kirche. Der Maßstab unseres Urteilens sollte eine gesunde Mischung aus solider Information, aus Entscheidungsfreiheit und Wert- und Gewissensbindung sein. Das Foto der vier und die ganze Aufregung darum haben mich erinnert an die Bilder, die uns die Hagiographen von den Heiligen der Kirche zeichnen. Ich bin mir sicher, wenn Sie Namen hören wie Maria, Petrus, Franziskus, Hildegard, Edith Stein, Katharina Kasper oder Johannes Paul II., dann stehen Ihnen unmittelbar bestimmte Bilder, Szenen und Geschichten oder ein besonderes Wort dieser Heiligen vor Augen. Und auch hier gilt: Die Nachwelt hat Bilder gezeichnet, deren Konturen vermutlich klarer, deren Farben bunter, deren Formen weicher, deren Ausdruck kraftvoller sind als die Wirklichkeit. Das hilft dabei, dass wir uns das Lebenszeugnis dieser Menschen leichter einprägen können; aber es hat auch dazu beigetragen, dass sie weiter von uns wegrücken, dass wir sie idealisieren und den Unterschied zu uns selbst vergrößern. Denn für mich selbst weiß ich ja, wie zaghaft, unentschlossen, gebrochen und wenig strahlend oft mein eigener Glaube und mein Handeln sind.

Heilige Gestalten?

Für mich kommt das doch gar nicht in Frage. So heißt dann oft die Schlussfolgerung, und das ist auch eine Folge der überzeichneten Bilder von den großen Gestalten unserer Kirche. Und darum ist es wichtig, möglichst nah ans Original heranzukommen, bei den Heiligen und beim Urteilen über mich selbst. Dazu regt das Fest Allerheiligen an. Denn es sagt zum einen: Es gibt viel mehr heilige Menschen, als du denkst und kennst. Ihre Schar ist ungezählt. Jede und jeder gehört dazu, der in seinem Leben Jesus aufrichtig gefolgt ist. Und das Zweite, woran uns der heutige Tag erinnert, sind die Kriterien dafür, was denn ein Original ausmacht und wie Sie und ich dazu werden können. Jesus nennt die Kriterien in den Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5,1–12a). Er spricht die vielen Menschen an, die ihm folgen und er meint sie, wenn er Lob und Segen ausspricht für die, die vor Gott arm sind: Das sind solche, die sich nicht vorstellen können, den Glauben an Gott aufzugeben, weil sie von ihm etwas erwarten. Die Traurigen: Das sind jene, die jemanden oder etwas vermissen, in deren Leben es eine Leerstelle gibt, die sich nicht einfach füllen oder übertünchen lässt; sie sehnen sich nach Erfüllung. Die Sanftmütigen: Das muss man nicht lange erklären; sie treten nicht machtvoll auf, drücken und drängen nicht, wollen nicht boykottieren und besetzen, ausrasten und überschäumen.

Barmherzige Menschen konkret

Die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, wissen, dass nur Gerechtigkeit in allen Lebensverhältnissen und für alle Menschen dieser Erde letztlich die Zukunft und den Frieden sichern. Die Barmherzigen: Da sehe ich Menschen vor mir, denen das Schicksal der Flutopfer im Sommer nicht einfach egal war, die ihre Sachen gepackt haben und hingefahren sind, um zu helfen; ich sehe die Engagierten der Seenotrettung, die das Mittelmeer nach den unzähligen Schlauchboten absuchen, in denen Geflüchtete ihr Leben riskieren; ich sehe die mutigen Pflegekräfte, Erzieherinnen und Lehrer und viele andere, die in der Corona-Krise die eigene Angst vor Ansteckung überwunden haben, um für andere da zu sein. Die rein sind im Herzen, die Frieden stiften, die aus welchen Gründen auch immer verfolgt werden: Ich glaube, jeder von uns hat Menschen im Sinn, die Jesus damit meint und preist.

 Dr. Georg Bätzing | Lesungen: Offb 7,2–4.9–14 – 1; Joh 3,1–3 Evangelium: Mt 5,1–12a

 

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