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Klinik und Knast: Zwei nicht ungleiche Systeme

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Die Aufnahme in eine Rehaklinik ist eine Maßnahme, die der Genesung und der Rehabilitation dient. Die Gesundheit zu fördern, steht an erster Stelle. Als jemand der im Justizvollzug arbeitet und der als Patient in eine solche Reha-Klinik kommt, erkennt durchaus Parallelen zum Knast. Klinik und Knast – zwei gleiche und doch unterschiedliche Systeme?

Klinik-Ort, an dem die Freiheit annähernd zu spüren ist: Innenhof der Caféteria.

Die Systeme Klinik und Knast haben unterschiedliche Ziele: Resozialisation nach einer Verurteilung aufgrund einer Straftat und Rehabilitation nach einer Erkrankung. Ins Gefängnis kommt man nicht freiwillig, in die Reha eher schon. Die Erfahrungen sind ähnlich, wie ich jetzt selbst erlebe. Zu den Systemen wie Knast, Klinik, Kirche oder Kloster gehören bestimmte Regeln und Aufnahmeverfahren. Bereits beim ersten Eintritt in die Patientenaufnahme lege ich meinen Namen ab. Man bekommt eine Patienten-Nr. In Zeiten von Corona wird zuerst ein PCR-Test gemacht. Die Pflegerein geht monoton und ohne mich wirklich anzusehen, einen langen Fragenkatalog durch: Diabetes? Nein. Behinderungen? Nein. Hilfe im Haushalt? Nein. Der Arzt schaut danach in den Computer und findet die Daten nicht. Er fragt: „Wer sind Sie?“  „Ich heiße King“, sage ich. Das war falsch. Die Patientennummer und nicht der Name ist entscheidend.

Zuerst totale Isolation

Erster Tag Quarantäne, bis das Ergebnis der Corona-Testung negativ vorliegt. Ich erhalte ein Zimmer zugewiesen. Nur das Essen wird auf den Tisch gestellt. Der Fernseher hat drei Programme, da habe ich im Knast als Inhaftierter mehr. Die Fenster sind beschlagen, der Zahn der Zeit nagt an dem Gebäude aus den 80 er Jahren. Überall Beton. Es fehlen die Gitter, denke ich. Totale Isolation, kein Kontakt zu niemanden – auf sich selbst gestellt. Informationen, wie es weitergeht, erhalte ich nur auf mein bohrendes Nachfragen. Die Krankenschwester ist geübt, kennt die Abläufe und setzt das auch bei den neuen Patienten voraus. Langatmig erklärt man mir das Klingel-Notsystem, für das ich eine Unterschrift leisten muss. Sehe ich so hilfsbedürftig aus, dass sie mir dies so lang und breit erklären muss?

Systemsprenger?

Am nächsten Tag: Ich bin befreit und darf das Zimmer verlassen. Der Coronatest war negativ. Einen Schlüssel soll ich an der Rezeption bekommen. Meine Sachen habe ich erst gar nicht ausgepackt. In diesem Patientenzimmer bleibe ich keine drei Wochen. „Bitte stellen Sie hier ihre Gehstützen ab“, lese ich an einem Ständer, der wie ein Abfallkübel aussieht und direkt am Empfang steht. Ich sinniere nach. Mir kommen all die Aufforderungen und Apell-Nachrichten im Knast in den Sinn. Gut, dass ich keine Gehhilfe brauche und entsprechend keine abstellen muss. Die Frau am Empfang ist etwas überfordert. „Sie wollen das Zimmer wechseln? Das geht nicht.“ „Wie das geht nicht?“, frage ich. Es ist nicht vorgesehen, das Zimmer zu wechseln, erfahre ich. Die Begründung meines Wunsches will sie erst gar nicht hören. Ich solle warten bis die Mitarbeiterin der Patientenaufnahme um 9 Uhr eintrifft. Ich schaue auf die Uhr: 6.20 Uhr.

Wartezone

Das Warten ist im Gefängnis ein Hauptthema. Warten bis die Zeit umgeht, warten, bis jemand mir die Haftraumtür aufmacht. So ähnlich fühle ich mich jetzt am Empfang dieser Klinik. Mein Protest hilft nicht. Niemand zeigt sich offen für mein Anliegen. Ich bin einer der vielen Patienten, die stetig was Neues wollen. Im Eingangsbereich sind die Leitlinien der Klinik ausgehängt: „Bei uns steht der Patient und seine individuelle Förderung im Vordergrund“, lese ich da im Kleingedruckten. Diesen Grundsatz nehme ich auf, er führt mich aber nicht weiter. Immerhin gesteht man mir nach etwa zwei Stunden zu, dass ich ein anderes Zimmer bekommen kann. Den alten Schlüssel soll ich erst einmal behalten und an das entsprechende Postfach gehen. Dort wartet mein Behandlungsplan. Zwei Zimmer-Schlüssel habe ich nun in meinen Händen…

Verwechslung

Kleiner „Raum der Stille“: Die Klinikkapelle.

Eigentlich müsste jetzt alles gut sein. Ein psychologisches Einzelgespräch wird mich bestimmt aufklären, wie die Behandlungsmaßnahmen ablaufen. Die Psychologin fragt mich zum ersten Mal, wie es mir geht. Ich sprudele los und erzähle meine Erlebnisse. „Ich bin offen für gruppentherapeutische Maßnahmen, erwarte mir aber dadurch keinerlei Lösungsvorschläge für meine Situation durch solch eine Gruppe“, sage ich. Entgeistert schaut mich die Psychologin an. „Ich spüre Widerstand bei Ihnen.“ Gut erfasst, sie hat es auf den Punkt getroffen. Mein Widerstand wächst immer mehr. Grund dafür ist, dass ich mich weder als Patient noch in den für mich ausgearbeiteten Behandlungsplan sehe. „Lassen Sie sich darauf ein“, sagt die nette Psychologin. Ich komme erst gar nicht dazu mich einzulassen. Der Stationsarzt ist beim ersten Gespräch irritiert und sagt, ich sei am falschen Platz und müsse in eine andere Abteilung. Man hätte mich mit einem anderen Patienten verwechselt. Es tue ihm leid. Der Chefarzt fühlt sich bemüßigt, die Sache aus der Welt zu schaffen. Immerhin werde ich jetzt mit meinem Namen angesprochen.

Solidarität oder Neugier unter Patienten

Einen ersten Eindruck der gruppentherapeutischen Maßnahme bekomme ich in der Sporthalle aber dann doch noch. Der Physiotherapeut gibt sich alle Mühe, die Gruppe zusammenzuführen. Dies gelingt durch Ballspiele und das Zurufen seiner Namen. Menschen mit ihren Geschichten kommen zusammengewürfelt in dieser Rehaklinik zusammen. Manche lernen sich näher kennen. „Weshalb bist Du hier?“ mag einer der ersten Fragen sein. Die zweite ist die des Wir-Gefühls: „Wir haben Dich vermisst. Wir dachten schon, Du bist abgereist, weil Du nicht mehr dabei bist“, so kommt es mir entgegen. In Systemen kann man sich wohlfühlen, sich anpassen oder es nutzen. Ich wähle den Weg dazwischen und ziehe mir das heraus, wovon ich glaube, dass es mich weiterführt.

Michael King

 

1 Kommentar

  1. Eduard sagt:

    Mittlerweile müsstest Du bereits gut angekommen sein. 😊
    Danke für den Link und interessanten Artikel „Klinik & Knast“. Wahrscheinlich könnte Michael, „bei guter Führung“, ähnlich wie im Knast, seinen Reha-Aufenthalt verkürzen…😅
    LG

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