In der Zeit von November 2005 bis Ende MĂ€rz 2013 habe ich als GefĂ€ngnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf gearbeitet. Zu einigen Gefangenen, die ich seinerzeit betreut habe, habe ich immer noch Kontakt. Vor vielleicht zwei Monaten rief mich einer dieser âEhemaligenâ an. Ich nenne ihn der Einfachheit halber M.
Er sagte, dass in einer evangelischen Jugendhilfeeinrichtung in der NĂ€he von Bonn die Stelle eines Kochs frei sei. Er fragte, ob er seine Vergangenheit offenlegen solle. Ich riet ihm, in der Bewerbung offensiv seine Vorstrafe zu nennen; denn in der Jugendhilfeeinrichtung mĂŒsse er ohnehin ein erweitertes FĂŒhrungszeugnis vorlegen.
Kirche(n) nicht so weit
Einige Wochen spĂ€ter rief er noch einmal an. Er erzĂ€hlte, dass das BewerbungsgesprĂ€ch gut verlaufen sei. Der Einrichtungsleiter habe seine Vorstrafe zur Kenntnis genommen und gesagt, er wolle ihn als Koch, er komme bestimmt mit den Kindern und Jugendlichen gut zurecht. Leider habe er aber nicht das letzte Wort. Das habe der TrĂ€ger. Er sei aber zuversichtlich, dass der TrĂ€ger seiner Einstellung zustimme. Eine Woche spĂ€ter erhielt ich von M. eine WhatsApp-Nachricht. M schrieb kurz und knapp: âHabe die Stelle nicht bekommen. Die Kirche sei wohl noch nicht so weit. Viele GrĂŒĂe Mâ. Das tut mir sehr leid fĂŒr ihn. Ich hatte M in Ossendorf kennengelernt. Ich war damals in Haus 5 untergebracht, fĂŒr das ich als GefĂ€ngnisseelsorger zustĂ€ndig war. Damals habe ich viele GesprĂ€che mit ihm gefĂŒhrt. Er hat mir seine Unterlagen gezeigt. Er war wegen versuchten Mordes angeklagt.
Im Strafvollzug âmitspielenâ
M. hat sich immer als unschuldig bekannt. Ich habe ihm geglaubt. Seine AnwĂ€lte hatten ihm Hoffnung gemacht. Aber er wurde des Mordversuchs schuldig gesprochen und â ich glaube â zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die AnwĂ€lte haben alle Rechtsmittel ausgeschöpft, aber leider ohne Erfolg. M. hatte sich entschieden, nachdem das Urteil rechtskrĂ€ftig war, im Strafvollzug âmitzuspielenâ, um nicht als uneinsichtig dazustehen und dadurch die Chance zu haben, eine gute Arbeit zu bekommen oder eine Umschulung machen zu können. Seine Stationen waren die JVAen Hagen, Geldern und Aachen. In Geldern hat er in der KĂŒche gearbeitet und eine Ausbildung zum Koch gemacht. Vor kurzen wurde er aus der Haft entlassen. Egal ob schuldig und rechtskrĂ€ftig verurteilt oder unschuldig und trotzdem rechtskrĂ€ftig verurteilt: M. hĂ€tte eine Chance verdient, gerade in einer christlichen Einrichtung. M. hat auf mich immer den Eindruck eines StehaufmĂ€nnchens gemacht. Er hat immer gesagt: âMan muss positiv denken.â Nicht dass eine derartige Diskriminisierung ihm das RĂŒckgrat bricht!
Robert Eiteneuer





