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Ikone für das Jugendgefängnis feierlich übergeben

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Die neue Jesus-Ikone mit dem Schreiber Raman Aliakseyenka aus Belarus.

Die russisch-orthodoxe Kirche in Bielefeld-Sennestadt liegt inmitten eines Gewerbegebietes. Schon von weitem sieht man den vergoldeten Zwiebelturm und die blaue Farbe der Kapelle. Kommt man an diesem Sonntag näher, hört man den meditativen Mehrgesang (Polyphonie), die Tradition der kirchlichen, byzantinischen Gesangskunst. Menschen verbeugen sich und machen das Kreuzzeichen im „Tempel“. Sie richten sich nach vorne zum heiligen Ort des Priesters. In der „Göttlichen Liturgie“ wird am Ende eine Ikone gesegnet. Sie ist für die Gefängniskirche im ostwestfälischen Herford geschrieben worden.

Die Ikone steht nun in der 140 Jahre alten Knastkirche in Herford.

Ikonen werden nicht gemalt, sondern geschrieben. Sie dienen der Vergegenwärtigung und der Repräsentanz des Göttlichen, was sie abbilden. Der Schreiber der Knast-Ikone kommt aus Belarus. Raman Aliakseyenka ist in Bielefeld für ein Jahr mit seiner Familie, um die örtliche russsich-orthodoxe Kirche mit seiner Kunst zu verschönern. Stolz zeigt er „seine“ Ikone. In weißrussischer Sprache erzählt er: „Ich habe das Holz aus Weißrussland mitgebracht. Drei Wochen war ich an dieser Arbeit.“ Larissa Tissen, die in der orthodoxen Gemeinde für alles zuständig ist vermittelte den Kontakt. Schnell wird die Ikone in den laufenden Gottesdienst gebracht. Nach der Predigt des Priesters wird sie mit viel Weihwasser gesegnet.

Ikone soll Licht ausstrahlen

In der anschließenden feierlichen Übergabe vor der Gemeinde, sagt Erzpriester Dmitry Isaev dem Gefängnisseelsorger Michael King, dass „die Ikone an dem dunklen Ort des Jugendgefängnisses Licht und Kraft austrahlen soll.“ Er freue sich auf einen Besuch im Gefängnis, wenn die Pandemiezeit sich gelegt habe. Michael King richtet die Grüße der inhaftierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus. Ein älterer Herr in der Gemeinde sagt laut: „Sie sind gesegnet, guter Mann“, und verbeugt sich vor der Ikone. Noch andere Menschen sind begeistert von der Kunst des Erschaffers Raman Aliakseyenka. Beim Schreiben einer Ikone steht nicht die Kunst, sondern das religiöse Handwerk durch den Schreiber, der sich als Werkzeug Gottes versteht, im Vordergrund. In die orthodoxe Welt und deren Gesängen einzutauchen ist ein Teil des kulturellen Hintergrundes so mancher Inhaftierter. In der Gefängniskirche finden sie oft Halt und Zuspruch. Sie berühren die Marienstatue und nun jetzt die neue heilige Ikone.

Augen schauen den Betrachter an

Die Ikone „Christus Pantokrator“ ist eine der bekanntesten und ältesten Motive in der Ikonenmalerei. Sie zeigt Jesus, den Weltenherrscher, als halbfigürliche Porträtikone. Der Gottessohn hat seinen Blick auf den Betrachter gelenkt, seine rechte Hand hat er zum Segen erhoben. „Diese Augen…“, schwärmt eine Frau mit einem Kopftuch während der Feier, „sie schauen mich direkt an“, sagt sie und verbeugt sich vor dem Bild. Mit seinen Fingern formt Jesus Buchstaben Chi und Rho, das Symbol für Jesus Christus. In der linken Hand hält Jesus das Evangelienbuch. Die Buchstabenkombination IC XC ist ein Christogramm. Ikonen wollen eine Botschaft vermitteln und ein „Fenster zum Himmel“ sein, durch welches der Betrachter die Gegenwart Gottes erfährt. Nach dem Verständnis der orthodoxen Kirchen können Ikonen und die dargestellten Personen verehrt werden, indem man sich vor ihnen verneigt oder bekreuzigt, die Anbetung steht jedoch allein Gott zu.

 

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