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„Typen wie euch glaubt eh keiner.“ Warum ich glaube…

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„Segne Vater diese Gaben,“ sangen wir Anfang der 2000er voller Inbrunst. Nicht auf dem Kirchentag, sondern in unserem besetzten Haus in Köln. Den katholischen Gassenhauer hatten wir aus dem Kloster Himmerod mitgebracht, wo wir ein Wochenende verbracht hatten. Mit zwei Mitstreitern war ich gerade zurückgekehrt in unser besetztes Haus, wohl das einzige seiner Art in Deutschland, in dem je ein Kreuz hing. Wenn andere ihre Überzeugungen aufhängen durften, durfte ich das ja wohl auch. Am nächsten Tag wurden wir geräumt. Ich fuhr zur Erholung ins Kloster zurück. Das hatte ich schon während meiner turbulenten Jugend kennengelernt, da konnte ich die Mönche mit einer Hausbesetzung nicht schocken.

Kirche hat mir immer Halt gegeben, schon während meiner Heimkarriere. Meine meist linken Betreuer waren fassungslos, dass ich zur Kirche ging. Als ich das merkte, ging ich noch häufiger. Da meine Unterbringung auf dem Land zum pädagogischen Konzept gehörte, mussten sie mich fahren. Oft blieb ich länger, als die Messe dauerte. Sie warteten verärgert im Auto. Wie sehr sie mein praktizierter Glaube beschäftigte, stand in Berichten, die ich aus ihren Büros geklaut habe. Da hatten sie alle Krisen und Rebellionsphasen von Jugendlichen durchstudiert – und dann bringt sie ein Rotzpanz mit Kirchgängen aus dem Konzept. Andere färben sich die Haare und tragen furchtbare Klamotten, um erfolglos zu rebellieren. Bei mir reichte die Messe für eine erfolgreiche Rebellion.

Der Kölner Dom inmitten des Geschehens der Stadt.

In den Heimtagen habe ich mir bei Gott geschworen, nicht unterzugehen. In meinem Kopf entstand ein Satz, der mich lange begleitete: Ihr verachtet meinen Gott, weil er der Einzige ist, der zu mir hält! Wieso sollte ich aus einer Organisation austreten, die mir Stütze war und ist? Ein paar Hausbesetzungen und abgebrochene Ausbildungen später war ich Schriftstellerin, mit Verlag und Literaturpreis. Gebeugt über meinen zweiten Roman, unterbrochen von Lesereisen in eine Bildungsbürgerwelt, die erschrocken meinen fiktiven Unterschichts-Geschichten lauschte, fragte ich mich: Soll das nun mein Leben sein? Da rief der Seelsorger aus der damaligen Jugendhaftanstalt Siegburg an: Kannst du unsere Literaturwerkstatt übernehmen? „Traust du mir das denn zu?“, fragte ich. „Wer fünfzig Jugendliche bei einer Lesung im Knast eine Stunde ruhig hält, schafft eine Literaturwerkstatt mit links.“ Das war 2006. Seitdem gebe ich im ganzen deutschsprachigen Raum Literaturwerkstätten für benachteiligte, meist junge Menschen. Ein Priester hatte ein Talent in mir gesehen und wollte nicht, dass es vergraben wird.

„Unsere Show ist halt die beste“

Andere gehen meditieren, zum Yoga oder in eine Selbstfindungsgruppe, ich zum Rosenkranzgebet. Das kostet nichts und die monotonen Gebetsrituale machen mir nach zwanzig Minuten den Kopf frei. Die katholische Kirche hat etwas sehr Beruhigendes, aber nicht Langweiliges. Mir fehlt etwas, wenn ich länger nicht in der Messe war. Ein anarchistischer Freund verteidigte mich vor seinen Genossen mit den Worten: Wo ist das fucking Problem? Die Miri geht in die Kirche und ich gehe zum FC Köln. Gesang, Weihrauch, Knien, Singen, die Kerzen, der Schmuck, die ganzen Rituale – unsere Show ist einfach die beste. Ich weiß, dass in meinem Verein viel Scheiße passiert. Verbrecher und Vertuscher gehören in den Knast und die Opfer unverzüglich entschädigt. Dass sich da auch Arschgeigen tummeln, habe ich – nicht nur einmal – selbst erlebt. Die katholische Kirche ist aber meine Heimat. Der einzige Ort in Deutschland, an dem ich aufgrund meiner dunklen Hautfarbe noch nie Opfer von Rassismus geworden bin.

„Typen wie euch glaubt eh keiner“

Im April vergangenen Jahres lag ich nachts um halb zwei plötzlich in Handschellen auf dem Boden. Wie später im Polizeiprotokoll zu lesen war, hatte eine Dreizehnjährige zwei Personen beobachtet, die ein Fahrrad zu klauen versuchten. Eine davon wurde von ihr als „Typ Zigeunerin“ beschrieben. Laut Protokoll habe ich schwarze Locken und eine bräunliche Hautfarbe. Eine Polizistin beleidigte mich mehrfach. Man schleppte mich zur Haustür und nahm die Handschellen ab. Ich schloss auf: Ob es jetzt gut sei? Der Polizist sagte Ja, aber die Beamtin wollte in meine Wohnung. Ich fragte nach einem richterlichen Beschluss. Sie ging zur Seite, telefonierte und meinte, den hätte sie jetzt. Ich glaubte das nicht. Sie riss mir den Schlüssel aus der Hand: „Was willst du denn machen, Typen wie euch glaubt eh keiner.“ Die beiden Polizisten kamen aus der Köln-Ehrenfelder Wache, die im November 2021 wieder Negativschlagzeilen machte. Ich ging mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Die Polizistin musste 150 Euro wegen Nötigung und Hausfriedensbruchs bezahlen. Zu den rassistischen Beleidigungen hieß es, sie bestreite das. Ihre Kolleginnen und Kollegen wollen davon nichts mitbekommen haben: Aussage gegen Aussage.

So viel Empathie und Ruhe

Das habe ich als Schriftstellerin Mirijam Günter erlebt, im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, wo aus jedem zweiten Fenster eine Antirassismusfahne hängt. Bis heute hat sich nicht ein Mandatsmensch aus dem Kölner Rat dazu geäußert. Anders als der Jesuit Herbert Graab, der mit seiner Pax-Christi-Gruppe einen Brief geschrieben hat, nicht nur an den Polizeipräsidenten. Domkapitular Dominik Meiering übernahm mein Anwaltshonorar und fängt bis heute meine Trauer und Wut über dieses Ereignis auf – mit einer Empathie und Ruhe, die jeden Dank lächerlich wirken lässt. Die Polizei hat sich bei mir schriftlich entschuldigt. Wie das Gespräch war, fragte mich eine WDR-Journalistin nach einem Treffen mit zwei Vertretern dieser Behörde. „Ach“, sagte ich in deren Anwesenheit, „der Polizist wollte von mir wissen, ob ich nach diesem Erlebnis den Glauben an die Polizei verloren habe. Ich habe ihm geantwortet, ich glaube eh nur an den lieben Gott, und das ist schon schwer genug.“

Mirijam Günter führt in vielen Anstalten des Jugendvollzuges Literaturwerkstätten durch. Sie veröffentlichte den Jugendroman „Die Stadt hinter dem Dönerladen
Quelle: Der Freitag

 

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