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Guten Morgen, Deutsche Bahn! Eine entspannte Fahrt!

Geht die Kirche in dieser Pandemie mit der Zeit?
29. April 2020

Wer kennt das nicht. Verspätungen, Gleisänderungen, technische Störungen, Sturmschäden oder die lapidare Mitteilung in der Bahn App: „Fahrt fällt aus“. Grund: „Störung im Betriebsablauf“, so die automatisierte Durchsage im Bahnhof. Wenn ich mal dienstlich mit der Bahn fahre, läuft bestimmt alles schief, was schief laufen kann. „Zugsurfing“ nenne ich das. Von einem Zug zum anderen wechseln. Aber nicht die Züge, die in der Verbindung auf meinem Ticket angegeben sind.

Wie neulich die Zugfahrt von Bielefeld nach Frankfurt. Einmal umsteigen, ganz gemütlich in Köln. Weit gefehlt. Schon der „Zubringer“ zum Hauptbahnhof mit Bus und Straßenbahn klappte nicht. Der Busfahrer, ein älterer Mann, wollte alles richtig machen. Freundlich redet er mit den Fahrgästen und gibt Tipps, wo man wann wie hinkommt. Schade für mich. Die Straßenbahn fährt vor meinen Augen pünktlich weg. Keine Gnade, obwohl all die Bus- Fahrgäste in die Straßenbahn wollen. Sie möchten überwiegend zum Armenia-Spiel nach Bielefeld. Zumindest ihren blauen Schals nach. Ein paar rennen der Straßenbahn hinterher. Auf dem Gleisen wohlgemerkt!

Die nächste Straßenbahn kommt in 5 Minuten. Sehr gut. Ich steige ein und warte, und warte und warte. „Die Bahn fährt pünktlich nach Fahrplan“, sagt ein salbungsvoller Fahrgast zu mir. Ich solle mich nicht aufregen. Na ja, mein Zug am Hauptbahnhof hat 10 Minuten Verspätung, aber ich schaffe es trotzdem nicht pünktlich zu sein. Den Zug bekomme ich nicht mehr. Bus und Straßenbahn sind „moBiel“, also nicht Deutsche Bahn. Kein Grund für die Misere. Wieder 30 Minuten warten. Ein ICE fährt. Heute: „Umgekehrte Wagenreihung“. Der ICE wird in Hamm geteilt. Wo muss ich hin, welcher Zugteil ist der richtige? Ich renne von A nach D. Der ausgehängte Plan nutzt mir nichts und ein DB Mitarbeiter ist weit und breit nicht zu sehen.

Im Gewühl der Reisenden mit der Bahn unterwegs zu sein, ist wie im Leben: Unvorhersehbar und ein Abenteuer.

Bereits genervt und an mein Auto denkend, setze ich mich endlich ins Bordrestaurant. Alle anderen Sitzplätze sind voller Menschen, Kinder, Gepäck und quasselnde Smartphone-Junkies: „Hallo? Bist Du noch da? Ah, jetzt höre ich Dich wieder. Hallo?!“  Kann ich jetzt endlich entspannen, etwas essen und ein kleines Pils trinken? Das Bistro ist dermaßen überfüllt, dass ich kaum dazu komme, eine Mahlzeit auszuwählen. „Das haben wir leider nicht mehr. Nur noch Currywurst mit Pommes.“

Von der Hetzerei am Bahnhof bin ich abgehetzt und huste einmal kräftig. Da will mir ein Mann fünf Meter weiter am Tisch im Bistro klar machen, wie ich zu husten habe. Der Mann weiß wohl, was Sache ist. Er schaut mich sehr böse an. Ich reagiere nicht. Hinter mir wird auch gehustet. Einmal. Der Besserwisser tötet mich mit seinen Blicken. Ich bin es aber nicht, der da hustet! Es ist so schön, sich diesem ganzem Irrsinn solch einer Bahnfahrt auszusetzen. Ich werde nicht kontrolliert. Kein SchaffnerIn weit und breit. Nur die nette Bedienung für die 1. Klasse.

Klasse diese entspannte Bahnfahrt. Als auf dem Bildschirm um 15 Uhr nachmittags die Anzeige erscheint: „Guten Morgen. Wir wünschen Ihnen eine schönen Sonntag. Und eine entspannte Fahrt“ lache ich  einmal herzhaft. Guten Morgen, liebe Deutsche Bahn! Ich freue mich sehr. In Köln soll ich den anscheinend nicht verspätenden und nicht ausgefallenen ICE nach Frankfurt bekommen. Ja, der Zug ist auf Gleis 7 bereitgestellt. Dann die Ernüchterung. Der Zug fährt nur bis Frankfurt Fernbahnhof. Die auftauchende DB Mitarbeiterin erklärt mir, dass der Zug wieder nach Brüssel zurück muss. Es könnten nur bestimmte Züge im Ausland fahren. Und da einige solcher ICE’s Züge defekt seien, wäre das so. Ich verstehe nur „Bahnhof“.

“Ihre Anschlusszüge werden erreicht.“ Nur welcher Anschlusszug muss ich nehmen? Jetzt bin ich schon der Stadt Frankfurt nahe und doch so weit entfernt. Es fährt eine Regionalbahn. Nur, der Regionalbahnhof am Flughafen Frankfurt/Main ist weit entfernt. Ich renne, remple Leute an, die herumstehen und versuche den Zug zu erreichen. Mist, jetzt bin ich auf Gleis 2 anstelle von Gleis 1. Tausende Menschen überall. Große Infektionsgefahr denke ich noch, als ich einige mit Mundschutz begegne. Die S Bahn Richung Hauptbahmhof braucht nochmals geschlagene 30 Minuten bis zum Frankfurter Hauptbahnhof. Wäre ich mal mit dem Auto gefahren!  Staus nehme ich in Kauf. Immer noch entspannter als diesem Theater ausgesetzt!

Vielleicht erfährt sich mancher Inhaftierter im Strafvollzug ebenso. Nichts geht wirklich voran, viele Widrigkeiten und Maßgaben, die nicht zu ändern sind. Selber schuld? Ja, selber schuld, wenn ich mit der Bahn fahre! Mal abgesehen vom Fahrpreis, wäre ich vielleicht besser via Flug gereist. „Guten Morgen, Deutsche Bahn. Schön, dass Sie mit der Deutschen Bahn gefahren sind. Thank you for using Deutsche Bahn.“ Danke, ebenso. Im südamerikanischen Bolivien habe ich mehr Zeit für Reisen eingeplant. Der Anspruch unterscheidet sich von der Wirklichkeit. In Bolivien wird aber von vornherein keine Garantie gegeben. Vielleicht muss ich wieder lernen „warten“ zu können, wer weiß.

Michael King | JVA Herford

 

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