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Die Geschichte der Brüder Kain und Abel. Schau hin!

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Die Erzählung der Brüder Kain und Abel in Gen 4,1-16 ist Teil einer urgeschichtlichen Darstellung, bei der es sich um eine eigenständige Literaturgattung handelt, die sowohl im biblischen wie auch im außerbiblischen Bereich bekannt ist. Erst wird Abel bevorzugt und Kain übergangen. Und dies ausgerechnet durch Gott. Die Geschichte von Kain und Abel ist eine Geschichte vom Wegschauen.

Manche Inhaftierte sind gezeichnet mit Tattoos. Das geht unter die Haut wie ein Brandmal. Schaut man sie dadurch an, weil es auffällig ist? Eine Knastträne am Auge steht für Mord. Die genaue Bedeutung ist jedoch umstritten.

Die Menschen glaubten in frühen Kultur­epochen, dass Unglück, Krankheiten und Leiden aller Art ein Zeichen dafür seien, dass Gott einen Menschen nicht liebt. Die alttestamentliche Anthropologie misst dem Hinschauen große Bedeutung zu. Beide Brüder haben Gott Gaben gebracht. Vermutlich dankbar für die Erträge ihrer jeweiligen Arbeit und in Erwartung auf weitere Erträge. Wer erfährt sich Gottes Anblickens gewürdigt, wer nicht? Wer darf seine Lebensphase wie eine Zuwendung Gottes verstehen? Nicht die Gaben, sondern der personale Bezug rückt in den Vordergrund. 

Niemand schaut hin

Am Ende ist der Jüngere von beiden tot. Die Geschichte von Kain und Abel ist eine Geschichte vom Wegschauen. Jeder und jede in diesem Beziehungsgeflecht von Familie und Gott und die Welt schaut weg, bevor er hinschaut. Gott schaut weg, denn sein Wohlwollen gilt nur dem Opfer Abels. Kain schaut weg und will seine Kränkung nicht sehen. Voller Zorn blickt er finster zu Boden und schmiedet seinen Mordplan. Abel schaut weg, geht nichtsahnend mit und wird auf dem Feld erschlagen.

Gezeichnet fürs Leben

Erst dann schauen alle mehrfach und genauer hin. So als hätten sie dies nicht gewollt. Gott schaut hin und fragt Kain nach seinem Bruder. Kain schaut hin, erkennt die Ausmaße seiner Tat und versucht sich herauszureden. Gott schaut noch einmal hin und verflucht Kain mit Verbannung. Und Kain bemerkt, dass die Verbannung sein Todesurteil ist. Gott machte dem Kain ein Zeichen. Dieses Zeichen sollte seine Schuld öffentlich bezeichnen, Kain aber auch vor der Rache seiner Mitmenschen schützen. Denn die Bestrafung – so die Bibel – hat sich Gott selbst vorbehalten. Bei siebenfacher Rache sollen alle genau hinschauen, bevor jemand ihn verurteilt oder tötet. In dieser Form klingt es wie ein Dazulernen bei dem Menschen und bei Gott. Wegschauen erzeugt Opfer, Hinschauen schützt das Leben.

Stefan Thünemann | JVA Herford


 

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