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Die Urgeschichte der Gewalt von Kain und Abel

Das Phänomen Haft in der biblischen Tradition
8. November 2020

Gewalt ist ein höchst relevantes Thema, weil es die Geschichte und unzählige Einzelgeschichten manifest durchzieht. Auch Alt- und Neutestamentler müssen sich damit beschäftigen. Die Erzählung von “Kain und Abel“ steht im Kontext des 1. Testament mit der biblischen Urgeschichte, Genesis 1-9 und damit am Anfang der Bibel. Oft wurde auf die literarische Fertigkeit der Erzählung hingewiesen. Sie verschweigt einige Male, wie und wodurch die Kette ihrer Handlung zustande kam. Dadurch versucht die Erzählung, die Lesenden in das Geschehen hineinzuziehen. Wie konnte nur passieren, was passierte? Ein Versuch, dieser biblischen Gewalttat nachzugehen.

Der erste Abschnitt erwähnt fünf Figuren. Der Reihe nach handelt es sich um: 1. Mensch. 2. Eva. 3. Kain. 4. Gott. 5. Abel. Zuerst zu Mensch und Eva. Das erste Wort in der Erzählung ist programmatisch: „Und der Mensch“. Das eine Individuum (hebräisch: Adam) wird wie die menschliche Gattung benannt. Der Name Eva kommt in der hebräischen Bibel nur zweimal vor. Hier (V 1) und zuvor in Gen 3,20. Dort wurde Eva als Urbild stilisiert: „Mutter allen Lebens“. Die Erzählung blendet nach Vers 2 den Menschen und die Eva-Mutter aus. Doch eines wurde durch ihre Erwähnung erreicht: Aus der ersten Mann-Frau-Beziehung gehen prototypisch Nachkommen hervor, die als Gleichrangige angesehen werden könnten. Das Stichwort für gleichrangig lautet: „Bruder“. Bruder wird zum Leitwort der Erzählung (Gen 4,2.8.8.9.10.11). Kain und Abel sind leibliche Brüder, zugleich präsentieren sie paradigmatisch jene Konstellation, in der Menschen untereinander stehen sollten: in Geschwisterlichkeit (vgl. Gen 9,5; Ps 133,1). Aber können Gleichrangige in der Realität des Lebens auch auf Gleichbehandlungen treffen? Unsere Erzählung meint: Nein.

Somit zu Kain und Abel. Der Abschnitt fügt ihre Namen zu einem Takt: Kain-Abel. Abel-Kain. Kain-Abel. Abel-Kain. Kurze Einzel-Biographien werden literarisch verschränkt: Auf Kains Geburt folgt Abels Geburt. Bei Abel bleibt dann der Text, erwähnt seinen Beruf und stellt dem sofort Kains Beruf zur Seite. Der Fokus bleibt danach bei Kain, erwähnt seine Gabe für Gott und schwenkt sogleich zu Abels Gabe um. Bei Abel bleibt dann das Augenmerkt: Gott reagiert auf Abel. So muss der Regel folgend Gottes Nichtreaktion auf Kain ergänzt werden. Kain und Abel werden also anhand gleicher Koordinaten vorgestellt. Doch unter beiden öffnen sich Scheren. Zu Beginn erscheint Kain bevorzugt. Nur bei Kains Geburt werden die vorausgehende Intimbeziehung der Eltern und die Schwangerschaft erwähnt. Abels Geburt hingegen erscheint nur als Fortsetzung des Kinder-Gebärens. Nur beim erstgeborenen Kain tätigt die Mutter einen jubelnden Ausruf und deutet dabei Kains Namen. Kain: „Ich habe hervorgebracht einen Mann mit JHWH.” Abels Name hingegen wird nicht gedeutet.

Am Ende des Abschnittes öffnet sich dann die Schere in umgekehrte Richtung. Abel wird bevorzugt und Kain übergangen. Und das ausgerechnet durch Gott. Beide haben Gott Gaben gebracht. Vermutlich dankbar für die Erträge ihrer jeweiligen Arbeit und in Erwartung auf weitere Erträge. Doch nicht die Gaben, sondern der personale Bezug rückt in den Vordergrund. In beiden Fällen werden Gottes Anschauen und Nichtanschauen der Person zuerst genannt, bevor es um die Gaben geht. Der Geber bekommt das Prae, nicht die Gabe. Das Wort „Prä“ – von lateinisch prae abgeleitet – bedeutet eigentlich „vor“.

Die alttestamentliche Anthropologie misst dem Hinschauen große Bedeutung zu. Wer erfährt sich eines Anblickens gewürdigt, wer nicht? Wer darf seine Lebensphase wie eine Zuwendung Gottes verstehen? Kain in dieser Situation nicht. Kommen wir somit zu Gott. Die Rezeptions- und Auslegungsgeschichte hat immer wieder gefragt, warum sich Gott Abel zuwendet, Kain aber übergeht. Lag es an den Berufen und den damit verbundenen Arten der Gaben? Hatte Kain unwürdige Früchte von der inzwischen verfluchten Ackererde dargebracht (Gen 3,17)? Ein solcher Zusammenhang wird aber textlich nicht hergestellt. Hatte Abel die bessere Gesinnung bei der Darbringung? Davon gehen die spätjüdische Auslegung und das Neue Testament (Mt 23,35; 1Joh 3,12; Heb 11,4; vgl. Heb 12,24) aus. Doch vom Innenleben der beiden ist im ersten Abschnitt nichts zu vernehmen.


Kain-Statue vor Tuileries Garten in Paris.

Eine andere Lesart wird inzwischen von der Forschung zu Recht favorisiert. Ein „Warum“ Gott Abel und Kain unterschiedlich behandelt, übergeht der Text. Der Text präsentiert nur Unbegreifliches und Unabänderliches. Ich zitiere Andreas Schüle, der den neuen Konsens in der Forschung zusammenfasst: „Es gibt keine für den Menschen erkennbare Logik, warum Gott den einen wohlgefällig ansieht, den anderen aber nicht. Hier wird vielmehr die aus Erfahrung gewonnene Tatsachte artikuliert, dass Gott dies einfach tut – und mit eben dieser Unabänderlichkeit muss der Mensch leben können bzw. leben lernen.“

Die plötzliche Gewalttat

Abel wird zunächst ausgeblendet, und bis Vers 7 liegt der Fokus auf Kain und Gott. Kain reagiert in 5b auf Gottes Nichtbeachtung seiner Person. Bildliche Darstellungen der Szene griffen eine uralte Frage auf: Woran hat Kain erkannt, dass Gott ihn nicht beachtet? Die Bilder gaben ihre Antwort. Kain erkannte Gottes Reaktion an der Rauchentwicklung beim Verbrennen des Opfers. Der Rauch vom Opfer Abels sei emporgestiegen, bei Kains Opfer nicht. Das zählt zu den späteren Ausschmückungen der Erzählung. Die Erzählung selber ist bei den Details verschwiegen. Sehr verschwiegen. Altäre und ein Verbrennen werden nicht erwähnt. Nicht einmal ein kultischer Vollzug wird angedeutet. Auch wird nicht gesagt, wohin die Gaben gebracht wurden. An eine Stätte oder an zwei separate Stätten? Kains Gabe hier, Abels ganz woanders? Die Verse 5-7 konzentrieren sich lediglich auf die Konstellation Gott und Kain. Und allein Interaktionen zwischen Gott und Kain interessieren. Auf Gottes Nichtbeachtung reagiert Kain mit heftigem Heißwerden, also mit Zorn, und mit Körpersprache. Sein Gesicht senkt sich, wörtlich: Sein Gesicht fiel. Kain ließ den Kopf hängen. Kains Reaktion auf Gottes Verhalten erscheint – so Claus Westermann – verständlich. Gott reagiert seinerseits auf Kain. Jetzt erst erfährt Kain eine Beachtung durch Gott. Nicht durch ein Anschauen Gottes, sondern durch sein Anreden.


In Vers 6 fragt Gott zweimal nach. Dabei kehren Worte aus der Schilderung in 5b wieder: zornig und gesenktes Gesicht. Dadurch wird den Lesenden klar, dass sie über Kains Gemütsverfassung derart informiert wurden, wie sich Kains Verfasstheit auch für Gott ausnimmt. Gott fragt: Wozu das? Dann in Vers 7 stellt Gott eine dritte Frage: „Ist es nicht so?“ Gott appelliert an Kains Einsicht. Gott legt Kain Fall-Situationen vor: In einem anderen Fall, in dem Kain Gutes hervorgebracht hätte, wäre Erbeben. Erheben ist das Gegenteil zum momentanen Senken von Kains Gesicht (5b.6). Kain lässt seinen Kopf hängen, weil er nichts Gutes hervorgebracht hat und sein anvisierter Erfolg sich nicht eingestellt hat. Bei Erfolg hätte Kain den Kopf oben. Dann erhellt das Gotteswort den Fall, der Kains momentaner Lage entspricht. Da Kain gerade nichts Gutes hervorgebracht hat und erfolglos ist, kommt Sünde in Spiel. Der Text sieht Sünde als ein eigenständiges Wesen an, das wie ein Tier lagert. Die Sünde ist der Lagernde an der Tür. Die Tür ruft metaphorisch einen Ein- oder Austritt wach. Die Sünde könnte eine entscheidende Schwelle überschreiten. Verlangen und Begehr des Lagernden richten sich auf Kain.

Zuletzt fordert Gott Kain auf, über den Lagernden zu herrschen und damit die Sündengefahr zu beherrschen. Vers 8 blendet Gott aus, bleibt bei Kain und kommt über Kain zu Abel. Kain sprach zu Abel: Was Kain ihm sagte, unterdrückt der Text. Jedenfalls, als beide auf freier Flur waren, erschlägt Kain den Bruder. Das Detail „freies Feld“ verrät den israelitischen Erzählstandpunkt. Die Tat wurde dort begangen, wo keine Zeugen zu erwarten waren. Ort und Tat waren ausbaldowert. Jetzt muss die Erzählstrategie beachtet werden: Vor Vers 8 hat kein einziges Wort explizit angezeigt, dass es zum Mord kommen würde. Der Text lässt es für die Lesenden plötzlich und überraschend zur Mordtat kommen. Doch der Text hat den Lesenden zuvor Spuren gelegt, selbst die Gewalttat im Nachhinein einzuordnen. Die textlichen Spuren zur Einordnung lassen sich in drei Punkten bündeln: Erstens zum Gewalttäter. Der Aufbau der Erzählung lässt Lesende an entscheidender Stelle nicht mit dem Gewalt-Opfer Abel, sondern mit dem Täter Kain befasst sein. Warum schlug Kain zu?


Die Erzählung unterbreitete den Lesenden ein kleines Bündel von Veranlassungen, welche Kain angetrieben haben könnten. Wir haben das gesehen. Kain erlebte eine Missachtung seiner Person, was ihn in eine emotionale Extremsituation trieb. Ihm war kein Gutes Hervorbringen möglich, Erfolglosigkeit musste er hinnehmen usw. Nur die Erzählung weigert sich, einen definitiven Kausalzusammenhang zwischen der Gewalttat und etwas aus dem Bündel an möglichen Veranlassungen herzustellen. Ein Satz, wie etwa folgender, fehlt in der Erzählung: Kain erschlug Abel, weil er sehr zornig war oder weil er nichts Gutes zu bewerkstelligen vermochte. Doch die Erzählung lenkt die Lesenden dahin, selbst solche Zusammenhänge herzustellen und dadurch den Gewaltausbruch vom Täter her einzuordnen. Die Lesenden stoßen dabei auf Plausibilitäten der Gewalt. Wenn sie die schrecklichen Plausibilitäten aufdecken, sind sie bei Kain, bei den dunklen Seiten im Mensch-Sein und – je nach Reflexionsbereitschaft – auch bei sich selbst. Bei sich, falls Lesende selbst gewichten zwischen Missachtung, dunkler Emotionslage, Erfolglosigkeit usw., oder falls sie auch nicht gewichten, sondern einfach nur ihr Verknüpfen vollziehen.

Kurz: Die Kain- und Abelerzählung kann beim Lesen in Strukturen von Gewalt verstricken. Zweitens zum ersten Miteinander der Brüder. Oft wurde gemutmaßt, Kain habe Abel den Erfolg bei der Gabe und bei Gott nicht gegönnt und Abel auch aus Neid oder Eifersucht erschlagen. Doch die Erzählung kommt dieser Vermutung nicht so recht entgegen. Die Erzählung parallelisiert zwar die Vita Kains mit der Abels. Nur vor Vers 8 wurde keine einzige Interaktion unter den Brüdern erwähnt und nicht einmal ein einander Wahrnehmen der beiden angedeutet. Das trifft selbst für die Darstellung ihrer Gabendarbringung zu. Keine Verabredung, sondern nur die jeweiligen Erträge der Arbeit führten zur Darbringung. Jeder nimmt von seinen Erträgen. Der andere gerät dabei nicht in die eigene Sichtweite. Wie gesagt: Wer meint, beide hätten an derselben Stätte geopfert, kann dies dem Wortlaut des Textes nicht entnehmen. Offenkundig ist, dass die Lesenden in die Ungleichbehandlung der Brüder bei den Gaben eingeweiht sind. Aber der Wortlaut der Erzählung geht nicht darauf ein, ob die Brüder um ihre Ungleichbehandlung bei den Gaben wussten, und somit auch nicht, ob Kain von Gottes Bevorzugung Abels Kenntnis hatte.

Die erste Aktion unter den Brüdern geht von Kain aus und wird zu Beginn von Vers 8 geschildert. Kain spricht zu Abel. In den Bildsequenzen sind dann beide sofort auf freier Flur, und Kain erhebt sich über seinen Bruder. Der Duktus der Erzählung steuert nicht darauf zu, dass Neid oder Eifersucht Kains Motive waren. Die Erzählung lenkt vielmehr dahin, dass Kain in eigenen Krisen steckte und seine Krisen mit Gewalt am Bruder austrug. Drittens zur Sünde: In Vers 7 fiel das Wort „Sünde“, und allein hier taucht in der Urgeschichte das Wort Sünde auf. Vers 7 beschrieb noch, wie Sünde die Person belagert und dass sie beherrscht werden solle. Worin aber für die Urgeschichte Sünden-Tat konkret besteht, macht dann Vers 8 plötzlich deutlich. Sünde ist die Gewalttat am Bruder. Die Gewaltausübung des Menschen am Menschen. Das ist die einzige Was-Beschreibung der Sünde durch die Urgeschichte. Für die Urgeschichte besteht Sünde nicht in einer Banalität, nicht im Essen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse durch die Menschen im Paradies oder in sonst noch welchen Peinlichkeiten und Unverschämtheiten. Die erste Konkretisierung von Sünde im Bibelkanon hebt auf ihre hässlichste Fratze ab: menschliche Gewalttat am Menschen.


Die Instanz für das Opfer

Fast bis zum Schluss der Erzählung bilden nun Gott und Kain ein Gegenüber. Gott ergreift in Vers 9 die Initiative. Gott macht vor dem Täter Kain das abwesende Opfer Abel präsent. Gottes Wo-Frage eröffnet Kain die Chance, sich seiner Tat zu stellen. Kain stellt sich nicht. Im Gegenteil. Kain hinterfragt, verantwortlich für seinen Bruder sein zu müssen. Dann folgt eine längere Gottesrede (Verse 10-12): Das Blut des Opfers schreit. Die Formulierung ist im Alten Testament mit einer geprägten Vorstellung verbunden. Solch ein Schreien richtet sich an zuständige Höhergestellte. Der Schrei fordert bei diesen Gerechtigkeit ein. Hier ist der Schrei an Gott adressiert: „Zu mir“ schreit die Stimme des Blutes. Gott ist als Instanz gefordert. Der Schrei ergeht stellvertretend. Kain hat Abel zum Verstummen gebracht, und Abel schreit auch nicht. Doch sein vergossenes Blut – für die Urgeschichte sein getilgtes Leben – hat eine Stimme. Vernehmbar für Gott. Das Dargestellte ist transsituativ zu verstehen: Wo auch immer Opfer verborgen bleiben und niemand etwas für sie vorträgt, erreicht trotzdem ein sie vertretender Ruf nach Gerechtigkeit Gott.

Gott setzt dann die Tat-Folge in Gang. Kain hatte die Untat seinem Raum eingraviert. Räume sind im Alten Testament keine neutralen Bereiche, sondern konstellativer Teil von Lebensbezügen: Kain bewirtschaftete die Ackererde; er tränkte dann die Ackererde mit Blut und Leben; Gott lässt nun die Ackererde die Untat Kain zurückgeben. Als verfluchter Ackerbauer muss Kain weg von der Ackererde, die ihm die Erträge verweigert; unstet und ruhelos wird er in der Welt sein. Abstrakt formuliert lautet die Tat-Folge: Gewalt-Täter bringen ihren Lebensraum gegen sich auf. Der letzte Abschnitt beginnt mit Kains längster Rede.


Jeder in Gefahr

Kain klagt vor Gott. Charakteristische Merkmale der alttestamentlichen Klage eines Einzelnen sind bei Kain wiederzufinden: Die Ich-Klage, die Gott-Klage und die Feind-Klage. Kains Feindklage am Ende von Vers 14 ist von zentraler Bedeutung. Kain geht auf jeden, ja auf alle ein, die ihm begegnen werden. Kain hat mit einem Mal mehr Menschen vor Augen, als die Erzählung bisher voraussetzte. Bisher gab es nur den einen Menschen und Eva, die aber weggeblendet sind, und Kain – mehr nicht. Doch Kain hat im Blick: „alle die, die mich treffen …“ und damit eine Fülle von Zusammentreffen. Einer wie Kain kann nur einmal tödlich erschlagen werden. Doch Kain prognostiziert, von jedem diesen Schlag versetzt zu bekommen.

Die Erzählung vollzieht in die Klage nicht anderes, als dass sie ihren urgeschichtlichen Charakter herauskehrt. Kains letztes Wort hebt die eine zuvor erzählte Gewalttat auf eine allgemeine Ebene. Unter Menschen gehe es gewalttätig zu. Kain wurde Täter durch sein Erschlagen – so das hebräische Verb hrg im Erzählbericht von Vers 8. Solches Erschlagen wird nun Kain in Vers 14 in den Mund gelegt. Kain sieht diesmal die Opferseite solchen Erschlagens: Kain hat seinen erschreckenden Gewaltausbruch gehabt. Diesem Gewalttäter kommt es nun in der Erzählung zu, eine fortwährende Gewalt unter Menschen vor Gott zu beklagen. Gott stimmt in Vers 15 Kains Verallgemeinerung in einem Punkt zu. Eine Gefahr zum Gewaltschlag könnte von jedem und allen ausgehen. Gott weist zumindest Kains Verallgemeinerung in Bezug auf die Gefahren nicht zurück.

Doch Gott dämmt dann in Vers 15 die von Kain erkannten Gewaltpotentiale ein. Er nimmt den Mörder unter seinen Schutz. Gott richtet zwar sein letztes Wort an Kain, redet ihn aber nicht an. Gott sagt nicht: „der dich erschlägt…“. Gott redet stattdessen über ihn: „der Kain erschlägt…“ Damit ergeht eine göttliche Deklaration zu Kain. Gott greift zur vorauseilenden Prävention gegen Gewalt. Siebenfach und damit unbedingt muss mit Rache rechnen, wer sich erdreisten würde, Kain ans Leben zu gehen. Die passive Formulierung „gerächt werden“ unterdrückt, wer dann Rächer wäre. Der Rächer interessiert nicht. Die Deklaration konzentriert sich auf das apodiktische göttliche Nein zur Gewaltausübung durch Menschen. Derartige Gewalt soll nicht sein!

Prof. Dr. Norbert Clemens Baumgart
Exegese und Theologie des Alten Testaments an der Katholisch Theologischen Fakultät Erfurt

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