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Die Erfahrungswirklichkeit des ungläubigen Thomas

6. April 2024

„Dies ist aufgeschrieben, damit ihr glaubend bleibt“ – so werden im Johannesevangelium die Berichte von der Auferstehung Jesu kommentiert. Diese Erfahrung ist einigen Menschen an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Situationen als eine tiefe Glaubenserfahrung geschenkt worden. Im Evangelium aufgeschrieben sind diese österlichen Erfahrungen nicht nur zum Weitererzählen, sondern vor allem, um zu allen Zeiten die je eigenen Erfahrungen als bereits von der Osterbotschaft verwandelte zu erkennen.

Verlassener Kirchenraum des ehemaligen Gefängnisses „An der Freiheit“ in Herford.

„Wenn ich nicht in seinen das Abbild der Nägel sehe, meinen Finger in die Stelle der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nie und nimmer“, sagt Thomas. Er hatte nicht erlebt, wie der Auferstandene am Grab die Maria von Magdala beim Namen rief, er hatte nicht wie Kleophas und der andere Jünger auf dem Weg nach Emmaus spüren können, wie das Herz in der Brust brannte, als der Auferstandene das Brot brach, er war auch nicht dabei, als die vor lauter Angst hinter verschlossenen Türen versammelten anderen JüngerInnen plötzlich eine Bewegung des Friedens unter sich zu spüren bekamen und darin Jesus erkannten.

Botschaft klingt fremd wie aus fernen Zeiten

Hat er nicht Recht? Vom Hörensagen glauben geht nicht. Lippenbekenntnisse sind kein Glaubenszeugnis. Thomas will selbst sehen und fühlen – und so ist er ein Mensch, der sich wirklich aufmacht, um Erfahrung zu machen von dem unglaublichen Geheimnis, das Ostern verheißt: dass Leben ist durch den Tod hindurch. Mit dieser Geschichte des Thomas im Johannesevangelium sind wir mitten im Erleben unserer Zeit. Ist nicht mit Barmherzigkeit eine wesentliche Art christlich zu leben unbrauchbar geworden?

Und noch mehr: ist nicht der zentrale Aufruf des Jesus von Nazareth zu Gewaltlosigkeit inzwischen der Lächerlichkeit preisgegeben? Wie naiv und abwegig erscheint es heute in unseren kleinen und erst recht den großen Auseinandersetzungen auf Versöhnung zu setzen? Die Botschaft des Evangeliums klingt fremd wie aus fernen Zeiten ohne Einfluss auf heutige Lebensgestaltung. Oder sie wird wortwörtlich als ein Dogma festgehalten, ohne jeglichen Lebensbezug, und ohne darin wirklich zu leben, wird reines Lippenbekenntnis und führt in abwegige Ideologie. Diese Variante ist besonders tragisch, da in ihrem selbst gemachten und festgeschriebenen Wahrheitsanspruch gar nicht mehr gespürt werden kann, dass der Glaube nicht mehr da ist.

Immer neu Aufsuchender

Thomas leidet noch an dem nicht glauben können. So macht er sich erneut auf in die Gemeinschaft mit all den anderen, die auf dem Weg sind. Und in diesem sich aufmachen wird er von dem auferstandenen Jesus angetroffen. Das ist die gute Nachricht in diesem Evangelium: der von den Toten auferstandene Jesus ist ein immer neu Aufsuchender, ankommend mit dem Gruß des „Der Friede ist in Dir!“ Es fällt auf, dass das Johannesevangelium an dieser Stelle die erzählende Vergangenheitsform tauscht in die Rede von der Gegenwart. Jetzt ist, wovon der Auferstandene kündet. Frieden ist schon – in Dir.

Glauben ist eine Bewegung

Und dazu kommt der Aufruf, weiterzugehen, empfangend den Geist der Ermutigung, um Versöhnung zu stiften. Glauben ist immer eine Bewegung, in unserem Herzen und zugleich zwischen uns, die wir gemeinsam Suchende und Fragende sind. Diese Bewegung stirbt ab, wo Glauben festgemacht wird als Besitz und als Waffe gegen vermeintlich Ungläubige missbraucht wird. Glauben ist nicht etwas, das von außen in mich hineingelehrt werden kann, sondern eine Erfahrungswirklichkeit, die sich mir erschließt, wo immer ich mich trotz aller Widerrede in mir selbst oder von anderen aufmache und mich einlasse in das Geheimnis, das wir Gott nennen. Dazu lädt das Johannesevangelium ein: „damit ihr glaubend bleibt!“

Christoph Kunz | Joh 20, 19 – 31

 

1 Rückmeldung

  1. Bernd sagt:

    Ich finde mich genauso in Thomas wieder. Ich erlebe, wie Menschen, die sich auf Jesus berufen, eigentlich umeinander kreisen, das, was sie für ihren Glauben halten, feiern, ohne zu bemerken, dass sie andere nicht damit erreichen oder überzeugen.

    Ich fühle mich außen vor in Gottesdiensten, wenn mir so manche Lieder und Gebete nichts sagen, wenn ich höre, wie Menschen Worte leicht von der Zunge gehen – und ich nur schweigen kann.

    Ich fühle mich fehl am Platz, wenn es Menschen ein großes Anliegen ist, ein Glaubenszeugnis zu geben und es erreicht mich nicht, es erscheint mir überdreht, es holt mich nicht ab. Ich höre Worte aus der Bibel, und sie bewirken nichts in mir.

    Bemerkenswert in dieser Geschichte ist, dass Thomas und die übrigen Jünger dennoch zusammen bleiben, acht Tage darauf sich gemeinsam treffen. Die Unterschiedlichkeit in den Erfahrungen und Sichtweisen, das nicht überzeugen können auf der einen und das nicht glauben können auf der anderen Seite hat keinen Graben gerissen. Man hat sich dennoch etwas zu sagen, man geht sich nicht aus dem Weg, es gibt eine Verbindung, etwas Gemeinsames.

    Man „trifft“ sich weiterhin. Wie weit können wir in Kirche und Gesellschaft sein, schauten wir nicht auf das uns Unterscheidende oder Trennende, sondern auf das Gemeinsame und Verbindende. Gesprächsfäden würden nicht abreißen, Dialoge nicht enden. Eintrittskarte für das Zusammensein wäre nicht der richtige Glaube, nicht die Kirchenzugehörigkeit, sondern ein gewachsenes menschliches Miteinander.

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