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Was eine JVA zu Macht + Ohnmacht aus der Bibel lernen könnte

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Wer mit Macht und Ohnmacht zu tun hat, wird sehr schnell in einen „binären Code“ verwickelt: Entweder Macht innehaben oder ohnmächtig sein müssen. Dabei wird immer eine Seite in diesem entweder-oder bevorzugt, was in der Regel und speziell im Justizvollzug die Macht ist. Aber zugleich sind sowohl der binäre Code wie die eindeutige Option auf Macht nicht hinreichend, um Ohnmacht zu erfassen und Macht aufzuschlüsseln. Sie sind utopisch. 

Um das zu erfassen, hilft der Einbezug der tatsächlichen Örtlichkeit, weil Orte der Macht stets mit einem Außen konfrontiert sind, das ihre Alleinherrschaft kontrastiert und zu einem anderen Modus von Macht drängt. Es entstehen Andersorte, Heterotopien im Unterschied zu Utopien. In ihnen bauen sich Relativierungen von Beherrschung schon dadurch auf, dass jeder Ort von außen betrachtet anders wird. Es können sich dann andere Perspektiven vollziehen, was beim Justizvollzug und der Seelsorge an diesem Ort der Fall sein kann.
Wie brechen Orte dieses „entweder-oder“ von Macht und Ohnmacht auf? Was kann dort geschehen und wie vollzieht sich die Relativierung von Utopien? Das zeigt sich exemplarisch bei Elija, bei Bileam, bei Mose, bei der Ehebrecherin, bei Jesus, bei Paulus. Es kommt darauf an, wie das eine in das andere übergeht – als Abstiegserfahrung oder als Aufstiegserfahrung.

Elija

Der Prophet Elija verkündet, warnt und droht in Gottes Auftrag. Damit macht er sich zur Zielscheibe für König Isebel und erlebt existentielle Verfolgung, so dass er seinen Lebenswillen verliert und in der Wüste sterben möchte. In seiner Verzweiflung mutet ihm Gott Weiterleben zu und konfrontiert ihn in der Höhle auf eine Weise mit sich, die Elijas Utopien auflöst.

Bileam

Bileam ist ein „Auftragsverflucher“, jemand, der in der wechselseitigen Relativität von Fluch und Segen steht. Über seine Eselin, die er verdrischt, weil sie nicht gehorcht, entgeht er der Tötung durch den Engel des Herrn und muss begreifen, dass das mit dem Fluch keine Option mehr ist. Er war blind in seiner Macht, während die Eselin gesehen hat, wohin der Weg führt, an dessen Ende die Verfluchung geschehen würde.

Mose

Mose, der „Pharaonenzögling“, wird zum Mörder und muss fliehen. Doch Gott beauftragt gerade ihn mit der Vorbereitung und Durchführung des Exodus´. Dadurch wird Mose aus seinem Rückzugsort gerissen, den er sich am Rande der Wüste geschaffen hatte. Der brennende Dornbusch lockt einerseits seine Machtutopien auf Gott hin hervor, aber der Gottesname, den er bekommt, durchkreuzt sie.

Jesus

Als Jesus im Tempel auf die Ehebrecherin trifft, die wegen des Gesetzes gesteinigt werden soll, bestätigt die Reaktion Jesu auf die Ohnmacht der Frau und die Machtübergriffe der Menge scheinbar die herrschenden Utopien. Aber die Konfrontation derer, die steinigen wollen, mit ihrem eigenen Innen verändert die Lage grundlegend. Am Tempel geschieht die Überschreitung des binären Codes von Macht und Ohnmacht und eine Alternative wird frei.

Paulus

Paulus (etwa in Gal 1-3) entwickelt aus der Passion Jesu samt den Auferstehungsberichten ein Narrativ, das sich nicht mehr mit den herrschenden Verhältnissen abfinden kann. Daher kommt es zum Konflikt mit Petrus, der unter Druck wieder den herrschenden binären Codes von rein-unrein folgt. In diesem Konflikt wird das Gesetz auf die Seite der Ohnmacht gestellt und das verändert wiederum die binären Codes von versklavt-frei, Mann-Frau, jüdisch-griechisch…

Hans-Joachim Sander


 

Hans-Joachim Sander

Hans-Joachim Sander. Foto: J. Haigermoser

Hans-Joachim Sander, geb. 1959, ist Dr. theol. Professor für Dogmatik an der Paris Lodron Universität in Salzburg. Von 2006 bis 2007 und 2011 bis 2013 war er Dekan an der Theologischen Fakultät. Der Bergarbeitersohn studierte von 1979 bis 1985 Mathematik, Physik, katholische Theologie und Geschichte in Bonn, Trier, Jerusalem und Würzburg. Von 1985 bis 1987 unterrichtete er als Teilzeitlehrer am Studienseminar Julianum. Von 1987 bis 1988 war er Gastwissenschaftler am Center for Process Studies in Claremont.

Nach der Promotion 1990 in Theologie an der Universität Würzburg war er dort von 1990 bis 2001 Assistenzprofessor und außerordentlicher Professor am Institut für Systematik Theologie. Nach der Habilitation 1997 an der Universität Würzburg lehrte er von 1997 bis 2002 als Privatdozent in Würzburg und von 1998 bis 2002 als Professor in Eichstätt und Salzburg, wo er seit 2002 Professor für Dogmatik ist.

Seine Forschungs- und Interessenschwerpunkte sind das Zweite Vatikanische Konzil, Topologie der Religion und räumliche Wende in Gottesreden, Nebeneinanderstellung von Macht und Ohnmacht im christlichen Glauben, theologische Agenda von loci theologici alieni und Theologie der Zeichen der Zeit.

 

Publikationen

Anders glauben, nicht trotzdem. Sexueller Missbrauch der katholischen Kirche und die theologischen Folgen

Wenn moralischer Anspruch schamlos wird: Von der Unverschämtheit im sexuellen Missbrauch und in der kirchlichen Schuldkultur

Der andere Gallikanismus: Ein Freiheitsproblem der Gegenwart

 

Das Zwei-Körper-Problem der Menschenrechte und die zwei Körper Christi: Ein politisch-theologisches Lehrstück in Sachen Macht

Entdeckung – Eroberung – Befreiung. 500 Jahre Gewalt und Evangelium in Amerika (Herausgeber)

Macht in der Ohnmacht. Eine Theologie der Menschenrechte

Nicht verleugnen. Die befremdende Ohnmacht Jesu

Nicht ausweichen. Die prekäre Lage der Kirche

Nicht verschweigen. Die unscheinbare Präsenz Gottes

 

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