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Die Bedeutung des Zuhörens in der Gefängnisseelsorge

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Das Gefängnis ist ein Ort, wo Menschen eine Strafe verbüßen, weil sie große Fehler begangen haben und aus dem Blickwinkel der Gesellschaft Böses getan haben. In der Diplomarbeit von Matthias Singer mit dem Titel „Zuwendung im Zuhören – Die Bedeutung des Zuhörens in der Gefangenenseelsorge“ will einen wichtigen Schritt aus einem ganzen Prozess herauszuheben, der es inhaftierten Menschen, ermöglichen soll, wieder ins „normale“ Alltagsleben zurückzukehren: Das Hören, oder noch besser gesagt, das Zu-Hören.

Ein junger Student hat sich mit dem „Zuhören“ in der Gefangenenseelsorge Österreichs beschäftigt. Dazu hat er mit GefängnisseelsorgerInnen gesprochen. Ein wichtiger Ausgangspunkt für sein Thema und seine Diplomarbeit war ein Interview, das ein Journalist der Oberösterreichischen Nachrichten mit Diakon Franz Xaver Muhr in Linz geführt hat. Die Forschungsfrage zu dieser interessanten Arbeit lautet: „Wie kann das Zuhören als Teil des zwischenmenschlichen Dialoges einen Beitrag leisten, als Teil eines ganzes Prozesses Gefangenen wieder in das gute Leben zu führen?“ Die Arbeit als Gesamtwerk folgt dabei im wesentlichen dem Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln.

Sehen der Realität

Im ersten Teil der Diplomarbeit des österreichischen  Autors wird die aktuelle Situation von Häftlingen in Gefängnissen erfasst. In diesem Prozess der Begleitung von Häftlingen spielt nicht nur die Anstalt, in der diese untergebracht sind, sondern auch die Gefängnisseelsorge und mit ihr die Kirche eine wesentliche Rolle  Dass die Gefangenen auch in dunkelster Stunde Begleitung erfahren, verdeutlicht auch die Emmaus-Erzählung, in der Gottes Nähe zu den Menschen verdeutlicht wird und er ihnen dabei zuhört. So wie Gott den Menschen nahe sein will, geht die Kirche den Menschen nach und hört ihnen zu. „Den Geruch der Schafe annehmen“, die Menschen verstehen und sich vertrauensvoll denen zuwenden, die am meisten Hilfe brauchen, ist eine wichtige Aufgabe der Kirche.

Theologisches Urteilen

Im Teil II wird die die theologische Relevanz des Zuhörens in den Mittelpunkt gestellt. Dabei hat die Religion des Judentums und des Christentums schon seit biblischen Zeiten diese Bedeutung herausgestellt, welche anhand von Beispielen aus dem Alten und Neuen Testament dargestellt werden soll. Mit einem Sprung von der Alten Kirche zur Kirche im 20. Jahrhundert wird der Weg dieser Kirche nachgezeichnet, wie sie sich von einer lehrenden zur hörenden Institution entwickelt. Papst Franziskus hat stets darauf geachtet und tut es weiterhin, aufmerksam den Menschen zuzuhören und hat sich die Option für die Armen wie kaum ein Papst vor ihm auf die Fahnen geschrieben. Die Seel-Sorge beinhaltet, dass man Häftlingen eine Chance zum Neuanfang bietet. Es braucht in der Pastoral des Zuhörens nicht nur Ohren, die hören, sondern verstehen, um was es geht. In einem solchen Prozess kann das Zuhören sehr heilsam sein.

Gefängnisseelsorger Stefan Thünemann im Gespräch mit zwei inhaftierten Jugendlichen.

Konsequenzen und Ausblick

Die Schlussfolgerungen und Konsequenzen werden im dritten Teil der Diplomarbeit gezogen. Hier ist das Thema der dauerhaften Resozialisierung wichtig. Häftlinge, so sie einen Neubeginn wagen wollen, müssen dabei umkehren können. Dabei sollen auch Werte wieder zur Geltung kommen, die schon verloren gegangen zu sein schienen oder es noch sind. Die Rahmenbedingungen dafür sind in in geschlossenen Anstalten, wie sie nach wie vor existieren. Daraus folgernd soll formuliert werden, was die Strafe der Zukunft ausmacht: welche Maßnahmen Beachtung finden sollen und unter welchen Bedingungen der Umgang mit den Gefangenen gestaltet werden kann. Für die kirchliche Praxis bedeuten die Erkenntnisse der Diplomarbeit, dass es für die Kirche ratsam wäre, dem Trend der Zeit stärker Rechnung zu tragen und die Individualbetreuung der Menschen vorantreiben sollte. Dazu braucht es kirchliche MitarbeiterInnen, die geduldig zuhören und sich empathisch in die Lage des Gegenübers versetzen können. Im weiteren Sinne braucht es dabei authentische Zeugen des Glaubens, die Jesu Botschaft in glaub-würdiger Weise vertreten und sich im Gespräch zugunsten des Gegenübers zurücknehmen können. Das alte Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, kann, vor allem für die Gefängnisseelsorge bedeutsam, abgewandelt werden in: „Reden ist Silber, Zuhören ist Gold“.

Alternativen zur Haftstrafe?

Der Staat gibt Regeln vor, die ein reibungsloses Zusammenleben garantieren sollen und hat dafür zu sorgen, dass diese zum Schutz des Einzelnen eingehalten werden. Begehen nun Menschen eine Straftat, ist eine oder sind mehrere dieser Regeln gebrochen worden. Um die gesellschaftliche Ordnung wiederherzustellen und abzusichern, werden solche Menschen bestraft. Die Frage ist dabei, welches Strafmaß angewendet wird, in welchen Verhältnis dies zur Straftat selbst steht und ob der Täter dadurch die Chance bekommt, es in Zukunft besser zu machen. Nur in Ausnahmefällen geht einer Straftat der freiwillige, bewusste Entschluss voraus, kriminell zu werden. Aber trotzdem landen nicht wenige im Gefängnis. Der Umgang mit ihnen ist manchmal sehr grob. Wird ihnen dabei zugehört? Werden die Anliegen, die sie vorbringen wollen, denn auch wahrgenommen?

Es gibt viele Alternativen zur Haftstrafe. Oft würden Kombinationen daraus den Straftätern helfen, dauerhaft in ein gutes Leben zu finden. Das Zuhören fungiert dabei vermittelnd und kann alte Strukturen auf zwischenmenschlicher Ebene aufbrechen lassen. Gespräche zwischen Täter und Opfer und sonstigen HelferInnen, denen sie sich zuwenden können, und das wechselseitige Zuhören können dabei eine neue Richtung geben, sofern dies zwanglos und ohne Vorbehalte geschieht. Dabei sind drei Bedingungen nach Carl Rogers wichtig, die für jedes Gespräch Geltung haben sollen, wenn man zuhört: Bedingungslos-positive Zuwendung, Echtheit/Authentizität und Empathie dem Anderen gegenüber. Auf diese Weise erfährt der Gefangene, dass er wertvoll ist.

Matthias Singer | Aus Einleitung und Schlussfolgerungen der Diplomarbeit

Gesamte Diplomarbeit

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