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Welche Sehnsucht kann ich mir nicht nehmen lassen?

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Manchmal ist die Sehnsucht groß, sie taucht plötzlich auf oder lauert schon länger unter der Oberfläche, um dann heraus zu drängen aus dem bisher Gewohnten, dem alltäglichen Hin und Her. Sie ist voller Lust nach Leben, ganz da sein zu können und sich nicht mehr verbiegen zu müssen zwischen all den eigenen und fremden Ansprüchen, und erst recht sich nicht mehr verstecken zu müssen mit all dem, was einen doch ausmacht.

Die Collage eines Strafgefangenen.

Wie lange habe ich selbst dafür gebraucht in vielen Jahren des Erwachsenwerdens? Es ist die Sehnsucht frei zu sein – und ich meine damit nicht frei von etwas, sondern frei zu leben mit dem Mut, sich in all diese so schöne wie schreckliche Buntheit des Lebens einzulassen. In meiner Zeit als Gefängnisseelsorger konnte ich Menschen kennenlernen, die im Gefängnis eine erstaunliche Freiheit in sich entdeckt und gelebt haben, in der sie ihr Leben neu formten, es barg plötzlich Sinn für sie und ermutigte sie auf neue Wege. Zwischen all den öden Betonmauern unter Stacheldraht und hinter den vergitterten Fenstern ließen sie sich ihre Sehnsucht nicht nehmen.

Sehnsucht im Gefängnis entdecken?

Es ist erstaunlich, welche Kraft in einer Sehnsucht sich entfesselt, die zugelassen und gelebt wird. Dabei ist das Bewegende darin wesentlicher als ein bestimmtes Ziel – zumal auf neuen Wegen sich manches Mal überraschende Wendungen ergeben. Es gibt Menschen, die ihre Sehnsucht im Gefängnis entdecken, andere tun dies während eines Klinikaufenthaltes im Neugestalten von Leben, manche nehmen sich eine Auszeit und gehen auf Pilgerschaft und andere steigen auf den nächsten Baum – wie jener kleine Zachäus, einer von den lästigen und korrupten Zöllnern, der unbedingt Jesus sehen wollte. Einiges wird er von ihm gehört haben und womöglich hat es ihn fasziniert, dass da ein Mensch unterwegs ist, der das Leben weder nach Kosten und Nutzen berechnet noch an einer Verurteilung von Sünden interessiert ist, sondern erstaunlicher Weise annimmt, dass Gott selbst schon in jedem Menschen sei, stets neu herauslockend auf einen neuen Weg der Liebe.

Sehnsucht freien Lauf lassen

Im Geäst des Maulbeerfeigenbaumes hockend erwachte in Zachäus die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Zu so einem Sünder schaute Jesus auf, erzählt die Bibel. Und dabei ist nicht nur der Blick nach oben in den Baum gemeint, sondern vor allem das Ansehen, dass Zachäus durch Jesus gewann. Wohlbemerkt: noch bevor dieser kleine Zollpächter irgendwas gesagt oder getan hat, galt ihm bereits jener aufwertende Blick Jesu. „Zachäus“ heißt übersetzt: Gott hat sich meiner erinnert – da kann der Kerl sich noch so verstecken, Gottes liebevolle Erinnerung findet ihn! Und Jesus sagte zu ihm: „Komm schnell herunter! Heute muss ich in deinem Haus bleiben“. Da war es um ihn geschehen, seine Sehnsucht geweckt und er konnte ihr freien Lauf lassen. Zachäus bereitete dem Gast ein Mahl, fing an zu teilen und sogar zurückzugeben, was er unrechtmäßig genommen hatte.

Hocken oder weitergehen?

Zweierlei nehme ich mit aus dieser Begegnung Jesu mit Zachäus: die Verkündigung des Evangeliums, der Grundauftrag der Kirche, geschieht offenbar am wirkungsvollsten, wo wir zueinander aufschauen und uns als Gast im Leben des anderen verstehen, diesen freilassend, vertrauend, dass nicht wir selbst was machen müssen, weil Gott schon da ist. Und zum anderen die Anstiftung, der Sehnsucht freien Lauf zu lassen. Was könnte in meinem Leben der Maulbeerfeigenbaum sein, auf den ich mich hocke, um dann in mir jene Worte klingen zu lassen „Komm schnell herunter! Heute muss ich in deinem Haus bleiben“? Habe ich den Mut, mich dieser Einladung zu öffnen, ohne zu wissen, wohin das führt? Und dann noch „heute“?

Christoph Kunz | Magdeburg

 

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