Im biblischen Buch Levitikus wird erzählt, wie am Versöhnungstag der Israeliten ein Ziegenbock in das Heiligtum gebracht wurde, dort drückte der Hohepriester ihm die Hände auf zum Zeichen des Aufladens mit allen Sünden des Volkes, um den so rituell beladenen Sündenbock schließlich in die Wüste zu jagen. Dieser Sündenbock-Mechanismus mit seiner vermeintlichen Trennung von Gut und Böse funktioniert in allen Religionen und nicht nur dort.
Statt sie selbst zu tragen, werden die eigenen Verfehlungen auf jemand anderen übertragen, der oder die dann in die Wüste geschickt wird. Es bleibt, mindestens im Moment, das Gefühl, auf der guten Seite zu sein. Immer wieder in der Menschheitsgeschichte werden Sündenböcke gesucht und geopfert. Juden, Frauen als Hexen, Homosexuelle, Menschen anderer Religionen oder Nationen, Migranten. „Das Verhaltensmuster, unser Böses auf andere zu übertragen und es dann selbstgerecht in diesen zu hassen, ist allen Menschen fest einprogrammiert“, schreibt der amerikanische spirituelle Lehrer Richard Rohr. „Jegliches ausschließende Denken, jegliches dualistische Denken bringt auf irgendeiner Ebene immer gewalttätige Menschen hervor“.

Ein schwarzes Schaf als Symbol in der „Abstellkammer“ des Gefängnisseelsorgers.
Das „Böse“ nicht abspalten
Wie also können wir dem Hass widerstehen, ohne selbst zum Hassenden zu werden? – das ist die Grundfrage. Johannes der Täufer sah die Antwort in Jesus. Als dieser Mann aus Nazareth zu ihm kam, um sich taufen zu lassen mit all den anderen Menschen, wollte er das zunächst nicht. Denn Johannes spürte, in diesem Jesus ist eine außergewöhnliche, eine göttliche Kraft. Ich müsste doch von dir getauft werden, sagte er. Jesus aber war eben andersherum, er verkehrte die gewohnten Maßstäbe des Miteinanders. Jetzt galt, was vorher nicht geachtet war, jetzt bekam Ansehen, wer vorher übersehen wurde, jetzt galt Barmherzigkeit statt Vergeltung. „Seht“, rief Johannes, „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. In diesem Jesus sah Johannes einen Sündenbock, der ein für alle Mal den gewalttätigen Kreislauf des Opferns beendet. Jesus selbst hat sich aus freiem Willen in diese Rolle eines Sündenbocks begeben, um diesen unheilvollen menschlichen Mechanismus endgültig umzukehren und ad absurdum zu führen.
Dualismus durchkreuzt
Ab jetzt würde es weder Sündenböcke noch Opfer brauchen. Das ist das Evangelium des Jesus von Nazareth: Gott selbst hat sich ohne Bedingungen liebend eingelassen in den Menschen – und das bis in dessen letzten Abgründe hinein. So ist Versöhnung möglich geworden. Das Böse muss nicht mehr abgespalten und auf Sündenböcke übertragen werden, es kann angenommen sein als eine menschliche Dynamik, die wandlungsfähig ist. Jesu Hingabe durchkreuzt jeglichen Dualismus von Gut oder Böse, rein oder unrein, indem beides ineinander gesehen wird. Weder uns selbst noch die anderen müssen wir festmachen in unseren Verfehlungen, wir können uns selbst und einander ansehen, wie Gott uns ansieht: als solche, in denen der Same des Guten schon grundgelegt ist. Dann brauchen wir diesem Samen nur noch die Chance geben, zu wachsen, zu reifen und Frucht zu tragen.
Gewaltfreier Weg Jesu
Obwohl die biblische Botschaft Jesu so eindeutig ist, wird sie doch immer wieder missachtet. Zu groß ist die Versuchung, Sündenböcke zu suchen und Menschen aufzuteilen in rein und unrein oder dazugehörig und nicht dazugehörig. Religiös wird dies gern untermauert mit dem Gottesbild eines abrechnenden argwöhnischen Vollstreckers. Das Johannesevangelium aber hält klar dagegen: Gott ist die Liebe, heißt es dort eindeutig. Auch in unseren Tagen erfahren wir leidvoll, wie versucht wird, Hass mit Gewalt auszutreiben und die Verantwortung für ein nicht gelungenes Miteinander anderen anzulasten. Der Weg aus diesem Kreislauf führt durch Annahme und Versöhnung, das ist der gewaltfreie Weg, den Jesus gegangen ist. Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, heißt es, dass das Lamm die sieben Siegel öffnet. Das Lamm, das zugleich verwundet wie siegreich ist, steht für Jesus. Annahme und Versöhnung leben ist eine echte Herausforderung in der Wirklichkeit unserer Welt. Dass sie gelingt, erlebe ich erst, wenn ich einen Schritt tue in dieser Richtung, so klein er auch sein mag – und das womöglich jeden Tag aufs Neue.
Christoph Kunz





