Einige Male berichten die biblischen Evangelien, dass sich Jesus von Nazareth zurückzog. Jenseits der Menschenmenge, in der Wüste, am Rande der Stadt, am anderen Seeufer oder auf einem hohen Berg betete er, heißt es. Manchmal geschah es einfach, weil so viele Leute zusammenkamen und ihn forderten, manchmal weil Schriftgelehrte und Pharisäer ihn bedrängten und manchmal in Ängsten wie im Garten Genezareth vor seiner Verhaftung. Oft begleiteten ihn dabei einige seiner Vertrauten, die mit ihm auf dem Weg waren.
Dann nahm er sie mit an den einsamen Ort und entfernte sich selbst noch ein wenig von ihnen, um wirklich allein zu sein, allein mit Gott. Was ging da in Jesu Herzen vor? Sein Weg begann mit seiner Taufe am Jordan durch Johannes verbunden mit einer intensiven Gotteserfahrung, in der er sich unbedingt geliebt erfuhr. Aus dieser Erfahrung heraus begann er den Menschen das Reich Gottes zu künden.
Keine neue Regeln
Der Menschenfreund wollte sie zum Glauben bewegen, nicht, indem er neue Regeln und Gesetze erließ, sondern allein durch die Gewissheit, dass alle Menschen bereits Geliebte Gottes sind und sich völlig mit ihrem ganzen Sein in dieses Aufgehobensein lassen können. Dann aber wurde der von ihm so hoch verehrte Johannes im bösen Spiel der Mächtigen enthauptet. Die Brutalität der römischen Besetzer ging weiter, auch die Gängelung durch manche Schriftgelehrte, die glaubten sich als Richter aufspielen zu müssen. Von der Liebe Gottes zu allen Menschen war nicht viel zu spüren. Die Menschen litten unter ungerechten politischen Verhältnissen und dem sozialen Ausgesondertsein, wenn Krankheiten den Körper quälten. Hier und da konnte in der Begegnung mit Jesus jemand aufgerichtet werden, Trost finden und Stärkung, einzelne Menschen erfuhren Heilung und ganz wenige kamen sogar neu zum Leben. Viele bewunderten Jesus deswegen und bedrängten ihn, mehr davon zu wirken. Doch dem entzog er sich immer wieder.
In Leid und Angst getaucht
Die meisten Leute kamen nicht über ein Staunen hinaus, sie konnten das nicht glauben. Nur einige wenige folgten Jesus auf seinem Weg und begannen, begleitet von vielen Rückschritten, zaghaft vertrauend zu glauben. Es gab keine Erweckungsbewegung im Volk und keine bei den Religionsführern. Schließlich zerrten die ihn vor das Gericht und überließen ihn unter dem Beifall des Volkes der Todesstrafe. Jesu Weg war nach menschlichen Maßstäben einer voller Rückschritte und Misserfolge, er endete mit einem unwürdigen Sterben. Diese Lebenswirklichkeit lässt erahnen, was in Jesu Herzen vorgegangen ist, in wieviel menschliche Not, in wieviel Leid, Trauer und Angst es getaucht war. Mit diesem Herzen begab er sich jenseits der Menge in die Gegenwart Gottes – und erfuhr aufs Neue jenen Zuspruch, den er bei der Taufe wahrgenommen hatte: du bist mein geliebter Sohn!
Banale Lebenswirklichkeit erhellt
Der biblische Text berichtet nun eine Besonderheit: auf jenem Berg, auf den Jesus sich mit drei seiner Jünger zurückgezogen hatte, wurde auch diesen dreien offenbar, was in Jesu einsamem Gebet geschah. Wir nennen dieses Geschehen die „Verklärung Jesu“, passender wäre zu sagen: es ist die Erhellung Jesu und seiner Vertrauten. Hier wird nicht etwas verklärt, in abgehobene Sphären gehoben, sondern die banale Lebenswirklichkeit erhellt, sie beginnt in ihrer Düsternis zu leuchten. Die Bibel verwendet dabei ein altes Symbol für die Gegenwart Gottes: die Wolke. Sie war in ihrer geheimnisvollen durchleuchteten Dichte bereits auf dem Wüstenzug des Volkes über dem Offenbarungszelt erschienen und sie geleitete die Menschen auf dem gefährlichen Weg durch die Wüste.
Zuspruch den Menschen
Die Wolke, Himmelszeichen des ersehnten Regens für das dürre Land, unfassbar, doch spürbar Schatten spendend und erfrischend, unerreichbar und zugleich unmittelbar erfahrbar: wie Gottes Segen. Aus dieser Wolke klingt jener Zuspruch an den Menschen, geliebt zu sein. „Schattend kam eine hell-lichte Wolke über sie her“, heißt es im Evangelium wörtlich übersetzt. Da erfahren die Menschen, Jesus und seine Begleiter, wie sie in allem Ausgesetztsein, in der erfahrenen Vergeblichkeit, in allem nie enden wollenden Suchen und Fragen Aufgehobene sind. Im undurchschaubaren Dickicht des Lebens gehst du nicht verloren, ist die Botschaft dieses Evangeliums. Eine wahrhaft tröstliche und ermutigende Botschaft.
Christoph Kunz | Matthäus 17, 1-9





