In dieser Woche hielt der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine beachtete Rede. Angesichts einer Weltwirklichkeit, in der wenige Großmächte zu Festungen werden und mit Gewalt versuchen, sich andere Länder einzuverleiben, ob durch einen Angriffskrieg oder über eine Zollpolitik, die Abhängigkeit und Unterwürfigkeit schaffen soll, sagte Carney: „Die Macht des Systems kommt nicht aus seiner Wahrheit, sondern aus der Bereitschaft aller, so zu tun, als wäre es wahr, und seine Fragilität rührt aus derselben Quelle… Die Macht der weniger Mächtigen (aber) beginnt mit Ehrlichkeit“.

Das Foto zeigt den Spruch „Wenn wir heute nix tun, leben wir morgen wie gestern“, den ich am Türpfosten einer der Hafträume in der damaligen JVA Naumburg entdeckte. Das ist eine Kurzfassung des Evangeliums….
Aus „Bruch“ neue Wege gehen
Jetzt ginge es darum, sich nicht anzubiedern, sondern hinzusehen, um zu erkennen, was geschieht, und sich zu verbinden mit allen, die sich der gemeinsamen Werte der Menschenrechte, nachhaltigen Entwicklung und Solidarität bewusst sind. In dieser Verbundenheit liege die Kraft, aus dem „Bruch“ in der Welterfahrung heraus neue Wege zu gehen. Denn, so der kanadische Premier: „Gemeinsame Investitionen in Resilienz sind billiger, als wenn jeder seine eigene Festung baut. Gemeinsame Standards verringern Fragmentierung. Komplementaritäten sind ein Positivsummenspiel.“ Ehrlichkeit, Einsicht und der Mut, anders zu handeln – so beginnen neue Wege.
Was Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum den Ländern dieser Welt deutlich gemacht hat, gilt auch jedem einzelnen Menschen. Erst wenn ich aufhöre, mir selbst und anderen etwas vorzumachen und aussteige aus der Bequemlichkeit der Lüge, wenn ich beginne, ehrlich hinzuschauen, kann ich die Wirklichkeit gestalten. Und wo das in Verbundenheit geschieht mit denen, die ebenfalls bereit sind aufzubrechen, wird es zu einem „Positivsummenspiel“.
Himmelreich ist nahe im jetzt
Auch im Evangelium hören wir von Menschen, die neu aufgebrochen sind in Zeiten großer Verunsicherungen und Unterdrückung. Als Jesus hörte, so heißt es bei Matthäus, dass sein geachteter Täufer Johannes der tödlichen Gewalt des Königs Herodes ausgeliefert worden war, brach er aus seiner Heimat auf und ging in den Norden des Landes, dorthin, wo inzwischen ein buntes Völkergemisch lebte, Menschen unterschiedlicher Nationen und Religionen, Einheimische, Zugewanderte, Flüchtlinge. Inmitten dieser Erfahrungen von Heimatlosigkeit, Unsicherheit und Besorgnis begann er Menschen anzusprechen mit der Botschaft: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“
Angst verengt den Blick
Das Himmelreich, biblisch bedeutet es die Wirkkraft Gottes, ist nah, nicht jenseits des Lebens, sondern mittendrin. In Zeiten großer Verunsicherung entsteht aus der Besorgnis oft Angst. Angst aber verengt den Blickwinkel und lässt uns innerlich fest werden. Das „Kehrt um“ in Jesu Botschaft ist der Ruf aufzubrechen aus den Festungen alter Denkmuster und wie neugeboren in dieses Leben zu gehen, um zu verwirklichen, worum es eigentlich geht. In Gott selbst, in der Liebe, dem bedingungslosen Entgegenkommen sah Jesus die Bewegkraft für dieses neue Aufbrechen, für das es nie zu spät ist. Angesichts der Gewalt seiner Zeit in Herrschaft und Unterdrückung erkannte Jesus den anderen Weg der Gewaltlosigkeit und Versöhnung. Und sogleich begann er, Menschen dafür zu begeistern. Dazu brauchte er keine langen Seminare, kein Geld und keine Macht – er war nur aufmerksam und zugewandt da, schon fanden Menschen Ansehen und Würdigung und brachen auf, sogleich. Offensichtlich war in der Begegnung mit Jesus zu spüren, dass Leben nie eine Sackgasse, sondern um Gottes Willen stets die Chance des Neubeginns ist.
Versöhnlicher und gerechter
Manche geben dann ihren bisherigen Beruf auf wie Petrus und Andreas im Evangelium, andere verabschieden sich bewusst von festgefahrenen Meinungen oder als unheilvoll erkannten Handlungsmustern. Menschen wagen im Alltag ihres Lebens den Neuanfang, auf dass es ein wenig heilvoller werde, versöhnlicher und gerechter. Oft geschieht dies im Verborgenen, jenseits der lauten Schlagzeilen unserer Zeit – und es geschieht womöglich viel öfter, als wir denken. Ein Positivsummenspiel im Sinne des Evangeliums! Lasst uns mehr davon leben und einander berichten zur Ermutigung, öfter selbst mal wieder neu zu beginnen!
Christoph Kunz | Matthäus 4, 12-23





