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Wirklichkeit: Das Leid hat nicht das letzte Wort…

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Menschen, die noch den zweiten Weltkrieg erlebt haben, erfahren nun mit den Nachrichten und Bildern aus der Ukraine die Wiederkehr alter Ängste. Bombenalarm, Nächte in den Kellern, das Sterben der Angehörigen, Flucht und Vertreibung. Für uns andere, später Geborene, erscheint dieser Krieg in Europa unwirklich, als eine Fern-seh-sendung, und doch jetzt bedrohlich nah. Da stellt sich Fassungslosigkeit ein und vielleicht auch Hilflosigkeit. Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, durch zerbombte Straßen zu laufen und ob das überhaupt auszuhalten ist.

Gemeinsam müssen wir erkennen, dass Frieden und Sicherheit brüchig sind, nie selbstverständlich und mit nichts zu garantieren. „In den 1990er Jahren und auch bis vor kurzem hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es mitten in Europa wieder einen solchen Krieg geben könnte. Es zeigt wie sehr unsere Welt aus den Fugen geraten ist…“, schrieb in diesen Tagen Magdeburgs Bischof Gerhard Feige. Es ist nicht einfach, mit dem Gefühlsgemisch von Besorgnis, Hilflosigkeit und vielleicht auch Wut zu sein. Zumal es kaum möglich erscheint, das alles rational zu fassen angesichts so vieler Lügen und des Wahnsinns, einen Krieg zu beginnen. Wie mit dem sein, was geschieht? Wie mit Zuversicht leben in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist? Wie an einen Gott der Liebe glauben angesichts des Irrsinns von Krieg?

Dass wir aber mit diesen Fragen leben können, und zwar auch dann noch, wenn uns die Antworten nicht kommen, dass wir aufstehen zu Klage und Protest, wo doch Verzweiflung so nahe scheint, dass wir uns aufmachen zum Gebet um den Frieden, wo doch der Krieg längst wütet, dass wir uns mühen um Unterstützung für jene, die von den Mächtigen schon tot gesagt sind, zeugt weder von naivem Optimismus noch von Weltfremdheit, sondern ist Bekenntnis und Zeugnis für das Nichtselbstverständliche, das jenseits alles menschlichen Machtgehabes mitten in leidvoller Welterfahrung Heilsgeschichte gelten lässt.

Die durchbohrte Hand

Wo Welterfahrung zu Heilsgeschichte wird, da erfahren wir uns in dem, was geschieht, doch als angenommen und getragen, ohne den Grund dieses Getragen-seins erfassen zu können. Da leben wir trotzdem aus einem Vertrauen, dass wir kaum in Worte fassen können. „Kann es anders sein, als dass Gott schon in das Herz dieser endlichen Welt und grauenvoll sündigen Geschichte abgestiegen ist und ihre Endlichkeit, Tragik und Schuld annimmt, ausleidet, und so das Reich der Herrlichkeit als Ende dieser Weltgeschichte bringt?“, fragte Karl Rahner, und schrieb dann: „Wir Christen glauben, dass dieses Ereignis Jesus Christus genannt wird.“ Seine Hand, die er uns reicht, ist die bereits durchbohrte. In ihm hat sich Gott selbst bedingungslos eingelassen in die menschliche Geschichte von Schuld und Leid – deshalb ist „die Wurzel aller Geschichte schon heil“. Dass tatsächlich alles Leid ein Ende haben wird, ist die große Verheißung des Reiches Gottes. Dass diese Verheißung aber nicht bloß eine Vertröstung ist, sondern gelebte Wirklichkeit, ist bezeugt in unserer Haltung des Trotzdem und unserem Handeln in der Überzeugung, dass das Leid nicht das letzte Wort hat.

Überall in unserer so geschundenen Welt, wo Menschen füreinander einstehen und beten, wo sie teilen und in der Kraft des Miteinanders leben, wo sie auf Vergeltung verzichten und Barmherzigkeit leben, da wird einander die durchbohrte Hand gereicht. Ob mit oder ohne Bekenntnis zu Jesus Christus durchwirkt da jenes Heil von Gott her unsere Geschichte; erst noch zaghaft und womöglich leicht zu übersehen – dann aber immer kraftvoller und schließlich alles durchdringend. Und es ist nicht mehr zurückzunehmen.

Christoph Kunz | Foto: Detail aus der Gestalt des herabsteigenden Christus von Marion Jochner, Oberammergau

 

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