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Buchbesprechung: Mit Rock und Pop durchs Kirchenjahr

22. März 2021

Als das Zweite Vatikanische Konzil vor über 50 Jahren die Kirchenmusik als „einen notwendigen und integrierenden Bestandteil der […] Liturgie“ hervorhob und ihre „dienende Aufgabe“ herausstellte (SC 112), hat es sicher nicht daran gedacht, dass Songs von Sarah Connor, Tim Bendzko, Mark Forster, Herbert Grönemeyer, die Toten Hosen oder Revolverheld, um nur eine Auswahl zu nennen, einmal zu Kirchenmusik avancieren würden. Das sind die Songs gewiss auch nicht, die den Gottesdienstmodellen in diesen beiden Bänden zugrunde liegen, und der Herausgeber will sie auch nicht dazu machen.

Er und alle, die an diesen beiden Bänden mitgearbeitet haben, verstehen es aber, die Songs und deren zutiefst existenziellen Botschaften in das liturgische Geschehen einzubringen; Songs, die in ihrem musikalischen und in ihrem inhaltlichen Stil sicher nicht nur Jugendlichen und jungen Erwachsenen näher sind als viele der so genannten Neuen geistlichen Lieder, die nun auch schon in die Jahre gekommen sind; Songs, die den meisten erst recht näher sind als das alte, traditionelle Liedgut, sei es von Friedrich Spee oder Paul Gerhard, die in ihrer Qualität gewiss nicht zu unterschätzen sind – aber viele Menschen heute nicht mehr erreichen. Die Texte der in den Büchern ausgewählten Songs sprechen eine andere und neuere Sprache, die die selben Fragen, Sehnsüchten, Hoffnungen zum Ausdruck bringt, mit einer Musik, die ankommt. Und Musik vermag das Unsagbare zu sagen: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist zu schweigen“, zitiert der frühere Tübinger Pastoraltheologe Ottmar Fuchs aus der Diplomarbeit des Herausgebers im Vorwort zu Band 1 (S. 11). Die Musik ist „Ausdruck sprachlicher Ohnmacht und zugleich einer Fähigkeit, das Undarstellbare, das Unbegreifbare zu berühren.“ (ebd.)

Wolfgang Metz (Hg.): Mit Rock und Pop durchs Kirchenjahr. 55 kreative Gottesdienste. Bd. 2. 2. Aufl. Ostfildern 2020, 236 S., 20,00 Euro

Wolfgang Metz (Hg.): Mit Rock und Pop durchs Kirchenjahr. 50 kreative Gottesdienste. 4. Aufl. Ostfildern 2018, 192 S., 20,00 Euro

Musikalische Inkulturation

Warum sind Gottesdienste so schlecht besucht und sprechen bestimmte Bevölkerungsgruppen überhaupt nicht mehr an? Warum sind umgekehrt geistliche Konzerte so anziehend? Fühlen sich da nicht viele besser „angesprochen“? Finden da nicht viele besser zu ihrer Mitte, ohne dass ihnen eine Mitte, die gar nicht ihre ist, angeboten wird? Natürlich sind Gottesdienste keine geistlichen Konzerte. Aber die Musik ist bedeutend und sie hat mehr als eine „dienende Aufgabe“, wie sie ihr auch das Konzil schon zuschrieb . Die Songs, die in diesen beiden Bänden sozusagen als Übersetzungshilfen für die biblische Botschaft in konkrete menschliche Erfahrungs- und Erlebniswelten eingebracht werden, sind Verkündigung einer anderen Art, in einer anderen Sprache. 2017 verlangte Papst Franziskus vor Kirchenmusikern: „Kirchenmusik und den liturgischen Gesang in vollem Umfang in die künstlerischen und musikalischen Sprachen der Gegenwart zu ‚inkulturieren‘: Man muss es also verstehen, das Wort Gottes in Gesang, Klänge, Harmonien umzusetzen und zu übertragen, die das Herz unserer Zeitgenossen in Schwingung versetzen und auch eine angemessene emotive Atmosphäre schaffen, die auf den Glauben einstimmt und die Annahme und volle Teilhabe an dem Geheimnis, das gefeiert wird, erweckt.“ Er mag dies zwar nicht im Blick auf Rock- und Popmusik gesagt haben. Aber warum sollte es nicht auch für diese gelten? Die beiden Bände jedenfalls werden dem Anliegen auf jeden Fall gerecht.

Näher an den Mitfeiernden

Und sie sind eine wahre Fundgrube. Denn sie bieten mehr als einfach nur 50 bzw. 55 Songs, die gut ankommen: bei Jugendlichen und jungen Menschen, die der Herausgeber und frühere Geistliche Leiter der Katholischen Jungen Gemeinde im Bistum Rottenburg-Stuttgart im Blick haben mag, bei jung gebliebenen Erwachsenen oder solchen, die einfach mit der herkömmlichen kirchlich liturgischen Sprache ihre Probleme haben. Und – so meine Erfahrung – bei Inhaftierten, die sicher aus den unterschiedlichsten Gründen in den Gottesdienst kommen. Aber auch die, denen es nicht bloß um Kontakt- oder Geschäftsmöglichkeiten geht, können hier Überraschungen erleben, angesprochen und „getroffen“ werden. Denn die Songs bringen Erfahrungen zur Sprache, in denen sich die Gefangenen durchaus wiederfinden und die sie selbst sprachlich kaum in Worte fassen können. Und es sind nicht nur die Lieder, es sind auch die erläuternden Texte, die Gebete, die die Brücke zu Gottes Wort schlagen. Und es sind schließlich die „Aktionen“, die das Ganze in Rituale und symbolische Handlungen einbinden und damit das Gehörte im wahrsten Sinne des Wortes „anschaulich“ machen. „Durch die Methoden, die Aktionen oder die Worte in den verschiedenen hier vorliegenden Gottesdiensten und Impulsen sollen […] Erfahrungen und Gefühle [der Gottesdienstbesucher*innen] gehoben, vertieft und manchmal auch ins Wort gebracht werden.“ (Bd. I, S. 13) Es sind Modelle für Wortgottesdienste, die einfach mehr gestalterischen Freiraum zulassen. Aber warum nicht auch einmal die Eucharistie oder andere Sakramente kreativer feiern, näher an der Realität der Mitfeiernden?

Eigene Akzente setzen

Die Gottesdienstmodelle orientieren sich am Kirchenjahr, was ich persönlich als eine gute Möglichkeit sehe, den geprägten Zeiten gegen die Eintönigkeit des Gefängnisses eigene Akzente zu verleihen und sie auf Lebensfragen hin zu erschließen. Die Themenregister am Ende jedes Bandes bieten eine Hilfe an diesen Fragen anzusetzen. Ergänzt werden die Themenregister durch eine Übersicht über die einzelnen Gottesdienste und die jeweiligen Songs, die entsprechende Jahreszeit, sowie Material und Bibelstelle sowie einem Bibelstellenverzeichnis. Das erleichtert die Arbeit ungemein. Sicher wäre es wünschenswert, die Song-Texte gleich zur Hand zu haben – oder gar eine CD mitgeliefert zu bekommen. Vermutlich wäre es aber urheberrechtlich kaum zu realisieren bzw. mit ungeheuren Kosten für die Rechte verbunden. Gängige Suchmaschinen nach Texten und Videoclips werden es einem erleichtern, die Texte oder Ton- bzw. Videoaufnahmen zu finden. In Band 2 erleichtern dies QR-Codes – wer weiß, wie lange dies die Europäische Datenschutzrichtlinie ermöglicht. In jedem Fall werden Streaming-Dienste bleiben, und dann kostet es halt etwas. Aber das muss es wert sein und ist es wert. Konvertiert in Mp3- oder Mp4-Formate lassen sich Videoclips an die Wand projizieren, was natürlich die Frage nach den räumlichen und technischen Möglichkeiten stellt, die die Kirchen, Kapellen oder Gottesdiensträume in den Gefängnissen bieten. Bei der einen oder anderen Aktion sind Sicherheitsfragen in einer JVA zu bedenken, etwa was den Einsatz von Spiegeln betrifft. Aber das ist nur ein Beispiel für ein Problem, das sich leicht mit Spiegelfolie lösen lässt; oder Weihrauch: je nach Raum muss an Brandschutzmelder gedacht werden.

Die beiden Bände bieten wunderbare Anregungen, die jede*r nach ihren oder seinen Möglichkeiten umsetzen muss. Es kann dabei nicht darum gehen, die Gottesdienstmodelle wie vormals das Messbuch und damit die Messe (ab) „zu lesen“. Sie müssen zum*r Gottesdienstleiter*in passen – ebenso zur Zielgruppe und zu den räumlichen Gegebenheiten. Es sind aber – wie der Buchtitel sagt – „kreative“ Modelle, die Kreativität anregen, zu Experimenten herausfordern und anleiten und die sich lohnen, sie als solche anzusehen – nicht abzufeiern. Zwei Bände, die das Leben in den Gottesdienst zu tragen und den Gottesdienst zu „verlebendigen“ vermögen. Absolut empfehlenswert.

Dr. Simeon Reininger | JVA Meppen

 

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