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Der erste Tag im Jahr mit viel Bedeutung

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Auf dem Tagesblatt des Abreißkalenders lesen wir am Neujahrstag: 1. Januar – Hochfest der Gottesmutter – Weltfriedenstag. Gemeint ist der erste Tag dieses Jahres 2022. Also nicht wie auf einem Siegertreppchen stehen, umjubelt werden und denken, diesen Wettkampf hast du gewonnen. Eher so wie der erste Arbeitstag, die ersten Schritte in einem neuen Beruf, vielleicht der erste verheißungsvolle Kuss, erste Begegnungen mit der Familie oder der Freundin.

Heute fängt etwas an, von dem wir noch nicht wissen, wie es weitergeht; schon gar nicht wie es endet. Und darum braucht es Zuversicht, Mut und Vertrauen am Anfang eines neuen Jahres. Es soll ja nicht alles einfach weitergehen wie bisher; ja, eigentlich darf es nicht so weitergehen. Erster: Dieser Tag gibt also auch den Impuls zu Überdenken und zu planen, was ich Ändern will, was wir gemeinsam anpacken wollen und wo uns unser Glaube in die Verantwortung ruft. „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“, hat Mahatma Gandhi (1869–1948) gesagt. Ja, so fühlt sich Neujahr für mich an.

Januar: Die Geschichte ist verwickelt. Er war nicht immer der erste Monat des Jahres. Lange Zeit begann das Jahr im März, auch in unseren Breiten; da war er der elfte Monat. Aber mit seiner Herleitung vom römischen Gott Janus passt er gut zum Jahresbeginn. Denn Janus steht für den Anfang und das Ende, die Türen und die Tore – und sein Festtag wurde im römischen Reich mit rauschenden Festen begangen. Kein Wunder also, dass man Janus mit zwei Gesichtern darstellt. Eines blickt nach vorne, das andere nach hinten. Und so fühlt es sich doch auch an diesem Morgen. Was für ein Jahr liegt hinter uns! Ich muss nicht alle Ereignisse noch einmal nennen, um zu erinnern, was uns in Atem hielt: Ein neuer amerikanischer Präsident macht Hoffnung, eine Flutkatastrophe bringt Vernichtung und zugleich eine Welle der Solidarität, das Auf und Ab der Pandemie mit allen Einschränkungen und schmerzlichen Erfahrungen, Olympische Spiele und kaum Zuschauer, unsere Schockstarre bei der Rückkehr der Taliban in Afghanistan… Und das neue Jahr? So sehr wir uns auch anstrengen, wir können noch nicht viel an Konturen erkennen. Die neue Regierung in unserem Land, was wird sie anpacken, verändern; wozu wird sie uns als Christen herausfordern? Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie bis Ende des Jahres. Fußballweltmeisterschaft in Katar, ein zweifelhaftes Ereignis. Und wohin werden schlimme Nachrichten unsere Blicke wenden? Und was steht Schönes an bei Ihnen? Ein Geburtstag, eine Hochzeit, die Geburt eines Kindes? Es ist Januar, Türen wurden geschlossen, Tore öffnen sich.

Hochfest der Gottesmutter: Das Evangelium am Neujahrstag legt es nahe, besonders in Erinnerung zu rufen, dass Jesus ein Jude war (vgl. Lk 2,21). „Fest der Beschneidung Jesu“ hieß dieser Tag darum auch für lange Zeit. Und es ist wichtig, immer wieder daran zu denken, wie sehr Juden und Christen verwandt sind. Wir entstammen einer einzigen Wurzel. Darum müssen gerade wir aufstehen und unsere Stimme erheben, wenn wieder frech und unverhohlen antisemitische Parolen gegrölt und Straftaten verübt werden. Darüber hinaus hat es seinen guten Sinn, einmal in der Weihnachtszeit ganz bewusst die Mutter Gottes in den Mittelpunkt zu stellen, um ihr zu danken. Als Papst Pius XI. dieses Fest 1931 einrichtete, wollte er damit an das Konzil von Ephesus im Jahr 431 erinnern, bei dem Maria in feierlicher Weise der Titel „Gottesgebärerin“ zuerkannt wurde. Natürlich ging es in den Diskussionen vor allem um Jesus: Wer ist er? Woher kommt er? Wie steht er zu Gott? Und: Was ist er für uns? Aber diese Fragen lassen sich nicht ohne einen Blick auf seine menschliche Mutter Maria beantworten. Maria, die Frau aus Nazareth, eine Jüdin, hat ihm das Leben geschenkt. Sie hat ihren Sohn begleitet. Als alle flohen, blieb sie beim Kreuz. Und sie war dabei, als die Kirche ihren Anfang nahm. Darum steht Maria bei vielen Gläubigen so hoch im Kurs. „Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin …“, so beginnt das älteste Mariengebet (aus dem dritten Jahrhundert); kein Wunder, dass es vielen von uns so kostbar ist. Maria, Mutter Gottes, wir danken dir, dass du uns Jesus geboren hast.

Weltfriedenstag: Dieses Signal verdanken wir Papst Paul VI. Als in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die Gesellschaften in Ost und West während des Kalten Krieges in eisigem Gegeneinander erstarrten, im Süden der Welt hingegen die Erde brannte und Kriege mit entsetzlicher Gewalt tobten – in Vietnam oder in Biafra im Südosten Nigerias, da rief der Papst mit einer Botschaft zum Jahresanfang 1968 einen Tag des Gebetes und des Bemühens um den Weltfrieden ins Leben. Und damit setzte er ein Signal: Frieden ist kein Zustand, schon gar keine Selbstverständlichkeit. Frieden ist ein Weg – beschwerlich und mühevoll. Immer und immer wieder braucht es den Widerstand gegen aufkeimenden Hass, gegen zerstörerische Wut und die Saat von Unwahrheit und Einschüchterung, mit denen die einen um den kulturellen Vorrang vor den anderen, um bessere Lebensbedingungen, größeren Wohlstand und um Zugang zu Bodenschätzen kämpfen. Frieden aber entsteht nicht durch konkurrierendes Gerangel. Frieden ist die Frucht der Gerechtigkeit, das wusste schon der Prophet Jesaja (vgl. Jes 32,17). Am ersten Tag des neuen Jahres lenkt der Papst die Aufmerksamkeit auf den Frieden in der Welt. Er ist auch heute bedroht. Viel zu viele Menschen haben noch nie in friedlichen Verhältnissen gelebt, sie wissen gar nicht, was Frieden ist. Und darum wollen wir uns heute als „Werkzeuge des Friedens“ zur Verfügung stellen und uns um Frieden in unseren Herzen und in unseren kleinen Lebenswelten bemühen.

Dr. Georg Bätzing

 

1 Kommentar

  1. Mauser sagt:

    Wen interessiert denn noch am 1. Januar das Kirchenfest der Gottesmutter Maria? Ich glaube niemanden. Es gibt noch ein paar Maria-Fans, ok. Bei alle Ehre um das Fest Marias, der 1. Januar ist das Neujahrsfest. Welt-Friedenstag könnte noch ein paar mehr interessieren. Aber ich frage mich, wie soll man denn vermitteln, der Maria dankbar zu sein? Bei aller Ehre um die Feste der Gottesmutter Maria, was sicher wichtig und richtig ist…. Aber die bodenständige Umsetzung in unsere heutige Welt fehlt. Die Beispiele der Weltprobleme, die Bätzing nennt, sind sehr gut. Warum vermitteln „wir“ das nicht anders als nur im traditionellen Sprachgebrauch. Wen erreicht der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz mit seiner Neujahrespredigt? Doch nur einen kleinen Kreis der „Frommen“!? Die Feste sind alle in einer anderen Zeit erwachsen. Die Frage ist, was sie uns im Heute sagen können. Ich erlebe immer mehr ein zurückziehen in alten Zeiten. Sprachlich wie inhaltlich. Die Wurzel des Christentums ist das Judentum. Doch es geht nicht um die Religion(en), sondern um die Lebenserfahrungen.

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