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An einem Ort, an dem man eigentlich nicht feiern kann

6. August 2023

Eine Reliquie des seligen französischen Dominikaners Jean Joseph Lataste ist im Juni 2023 in der hessischen Justizvollzugsanstalt (JVA) Butzbach gesegnet worden. Das kleine Stück des Ordensgewands Lataste‘s hat die Butzbacher Paramentenstickerin Susanne Bremer kunstvoll in ein Altartuch, dem sogenannten Antependium eingefasst. Die Gießener Gefängnisseelsorgerin, Alexandra Haustein, hat zudem eine Ikone mit Lataste geschrieben.

Vorderseite des Antependiums mit Reliquie und DominikanerInnen-Wappen.

Ein Stück von Latastes Ordensgewand wurde Pater Georg 2022 bei einem Besuch an dessen Grab in Montferrand geschenkt. Dieses Stück Stoff ziert jetzt das Altartuch in der Knastkapelle Butzbach. Die Reliquie von Jean Joseph Lataste ist auf den ersten Blick nur ein kleines, unscheinbares Stück weißer Stoff. Die Geschichte dahinter ist größer. 1864 wird der französische Dominikaner Jean Joseph Lataste in das Frauenzuchthaus von Cadillac (in der Nähe von Bordeaux) geschickt, um dort Einkehrtage für die gefangenen Frauen zu halten. Er verspricht sich nicht viel davon. Was soll er überführten Mörderinnen und Diebinnen schon von Gott erzählen? Er erzählt ihnen die Geschichte der Maria Magdalena – so, wie er sie kennt: Eine stadtbekannte Sünderin begegnet Jesus und wird zur Heiligen, weil sie erlebt, dass Gott selbst sie liebt – bedingungslos.

Geschichte von Maria Magdalena

Er fragt sich: Könnte das nicht auch die Geschichte der inhaftierten Frauen sein? Die Frauen, die unter der Last ihrer Schuld, dem Hass gegenüber denen, die sie dazu getrieben hatten, und den harten Bedingungen ihrer Haft zu verzweifeln drohten, sind betroffen. In der Tat: Das ist ihre Geschichte, das kann ihre Geschichte werden, wenn sie diese Liebe Gottes annehmen und zum Zentrum ihres Lebens machen. Dann kann das Gefängnis mit all seinen Härten ein Ort der Gottesbegegnung, ein Kloster werden.

Aber was geschieht nach ihrer Entlassung? Wo hätte eine Strafentlassene, gerade im 19. Jahrhundert, eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben? Wer gibt ihr Arbeit oder Wohnung, wer mag mit ihr Gemeinschaft haben? Auch Lataste weiß da keinen Rat. In einer Nacht, in der alle 400 Frauen mit ihm in der Kapelle beten, kommt er zu dem entscheidenden Schluss und damit zu seinem Plan: Was hat Magdalena eigentlich getan, nachdem sie Jesus begegnet ist und nun auch nicht mehr von Prostitution leben konnte? Sie hatte eine Schwester in Bethanien, da konnte sie immer hin zurück. Gibt es solche Schwestern auch für die strafentlassenen Frauen?

Apostel der Gefängnisse

Gemeinsam mit der couragierten Ordensfrau M. Henri-Dominique gründet er 1866 das erste Kloster der Dominikanerinnen von Bethanien: eine Gemeinschaft von Ordensschwestern, bei der niemand von außen erkennen kann, wer einmal „stadtbekannte Sünderin” gewesen ist und wer „unbescholtene Jungfrau” – und in der diese Unterscheidung auch untereinander keine Rolle spielt. Jean Joseph Lataste wird auch „Apostel der Gefängnisse“ genannt. 2012 wurde er selig gesprochen.

Die Gefangenen der JVA Butzbach hat dieser Mensch mit seinem Glauben und seiner Haltung, seiner Idee, seinem Kampf gegen viele Widerstände und seinem Mut angesprochen und fasziniert. „Lataste war so gut. Der ist eindeutig der Patron für den Knast.“ „Lataste bedeutet für mich Hoffnung, Zuversicht, Wertschätzung der eigenen Seele. Er ist Vorbild, denn er setzt in Demut die Nächstenliebe Gottes um.“ „Lataste bedeutet für mich Menschlichkeit. Er sucht den Menschen in einem Gefangenen.“ „Lataste ist eine wunderbare Brücke zwischen den Gesellschaftlichen und den Ausgestoßenen.“ So lauten vier Originalzitate von Gefangenen.

Ikone des seligen Lataste, geschrieben von Alexandra Haustein. Fotos: A. Kipp

Würde des Lebens leben

Im Leben des Jean Joseph Lataste sind tiefe Frömmigkeit und der Kampf für Gerechtigkeit tief vereint. Die Dominikanerinnen von Bethanien gibt es bis heute. Straffällig gewordene und nicht straffällig gewordene Frauen können gemeinsam ihrer Berufung der Gottsuche folgen. Eine Rehabilitation, die wegweisend ist. Die Gefangenen – damals wie heute – merken und spüren, dass es nicht um eine noch so gute Idee von „Betreutem Wohnen“ nach der Haft geht. Es geht darum, in Würde dieses Leben zu leben – in Auseinandersetzung und Achtung, in Demut, Freude und Perspektive. Denn Leben muss nicht scheitern, Leben kann gelingen, Leben braucht Hoffnung. In die Gefängniskirche kommen Menschen, um ihren Alltag zu unterbrechen, zu gedenken, zu erinnern und zu feiern. An einem Ort, an dem man eigentlich nicht feiern kann. Das verändert Menschen.

Ich bin geliebt

Lataste hat es gewagt, die Zuhörerinnen seiner geistlichen Vorträge und die Teilnehmerinnen der nächtlichen Anbetung „Liebe Schwestern“ zu nennen. Diese Anrede verstörte und würdigte sie zugleich. „Wir sind Menschen? Sogar liebenswürdige Menschen?“ So fragten sich die Gefangenen als Lataste ins Stocken und ins Zweifeln kam, da unterbrach ihn eine Frau und sagte: „Sie haben nicht nur davon geredet, dass wir geliebt werden. Sie selber lieben uns. Wir spüren so etwas.“ Dieser zentrale Satz steht nun auf der Rückseite des Antependiums.

Rund 460 Euro gingen bisher bei der katholischen Gefängnisseelsorge als Spende ein und decken einen Teil der Kosten. Neu ist auch eine Ikone neben dem Altar mit einer Darstellung Latastes, die die Gießener Gefängnisseelsorgerin Alexandra Haustein speziell für die Butzbacher JVA anfertigte. Auf die Frage, was die Reliquie den Butzbacher Gefangenen bedeutet, antwortete einer von ihnen:  „Sie ist eine echte Stütze für uns!“

P. Georg-D. Menke op | Pfarrer an der JVA Butzbach

 

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