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An Tischen „verrufener“ Leute, als Zöllner und Sünder

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Im Bild ein Tisch, um den sieben Menschen versammelt sind, Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern, sie teilen Brot und Wein. Vorn sind am Bildrand zwei Hände einer achten Person zu sehen, geöffnet zum Teilen. Eine Tischgemeinschaft in einem Raum mit Wandzeichnungen, die menschliche Figuren zeigen, und einer offenen Tür, die den Blick ins Weite freigibt. „Das Mahl der Sünder“ nannte Sieger Köder, der kraftvolle und farbgewaltige „Prediger in Bildern“, sein Gemälde, das im Studienkolleg der deutschsprachigen Theologiestudenten in Rom seinen Platz fand.

Das Motiv des Mahles ist ein biblisches: im Evangelium kommt es wiederholt vor in den Gleichnissen Jesu für die so andere Wirklichkeit des Reiches Gottes. Hier gilt weder eine Rangordnung noch eine Hierarchie, es findet keine Absonderung statt und die übliche Aufteilung in Rein und Unrein ist aufgehoben. Da kommen um den Tisch Typen zusammen, die du vorsichtshalber nie einladen würdest, wenn du gesittet Mahl halten willst, ohne dass dabei irgendwas in deiner gewohnten Lebensordnung durcheinander kommt. Und sie teilen Brot und Wein miteinander – so wie Jesus das immer wieder gemacht hat an den Tischen der Leute, die zu seiner Zeit verrufen waren als „Zöllner und Sünder“.

Welch eine illustre Gesellschaft: Menschen verschiedener Kulturen, Verletzte, Skeptiker, Vornehme und Heruntergekommene, Blinde und (vermeintlich) Sehende und noch ein Clown, vielleicht für allen Aberwitz dieser Welt. In den Worten der damaligen Zeit „Zöllner und Sünder“ – solche, die niemand am Tisch haben will?

Brot in goldene Monstranzen stecken?

Wer so eine Tischgemeinschaft mal erlebt hat, kann gar nicht anders, als verändert, ja verwandelt weiterzugehen. Ich bin mir sicher: wenn wir heute Jesus fragen würden, was er eigentlich unter der eucharistischen Wandlung versteht, dann würde er uns ganz einfach wieder und wieder dieses Gleichnis vom Mahl der Sünder erzählen. Und womöglich würden wir aufhören, in unseren Kirchen Menschen einzuteilen in Zugelassene und nicht Zugelassene, wir würden aufhören, das Brot in goldene Monstranzen zu stecken, weil wir es nur noch in die vom Leben gezeichneten Hände der Menschen legen, damit es endlich geteilt wird, wir würden überhaupt verzichten auf goldene Kleider und seltsame Hüte, die die am Mahl Beteiligten voneinander hierarchisch trennen, und wir wären wirklich überrascht, was dann passiert: Wandlung!

Jede und jeder von uns hat Erfahrungen in Tischgemeinschaften, zuerst am Tisch der Familie, dann in irgendeiner Wohngemeinschaft, in Herbergen auf Reisen, am Kiosk an der Ecke, in der Mensa der Firma, am „Katzentisch“, in der Nische der Küche und womöglich auch rund um einen Altartisch der Kirche. Ob diese Erfahrungen in Tischgemeinschaften wirklich nährend sind oder aber eher entmutigend, hängt davon ab, ob alles, frohe, ermutigende, traurige, leidvolle Erfahrungen wirklich miteinander geteilt werden. In einer wirklich verwandelnden Tischgemeinschaft, in der ich erleben kann, dass ich aufgehoben bin im tragenden Miteinander, wird sogar ein wackeliger Klapptisch zum Altar.

Raus gehen an den Rand des Wegs

Leben teilen und darin miteinander tragen, was ist – das bedeutet feiern, dass Gott selbst sich eingelassen hat in die Wirklichkeit unseres Lebens. Jesus hat dies so gesagt: das ist mein Leib und mein Blut, tut dies zu meinem Gedächtnis. Nichts gegen ein feierliches Hochamt, aber wenn Kirche ein Ort glaubwürdigen Miteinanders sein will, in dem alle aufgehoben sind ohne sich je verstellen zu müssen, und Trost, Heilung und Ermutigung leibhaftig erfahren, wo also alle miteinander verwandelt werden, kurz, ein Ort lebendiger Kommunion, dann wird es kaum mehr reichen, die Kirchentüren weit zu öffnen und zum Altar zu rufen, dann müssen wir hinausgehen und irgendwo am Rande des Weges rund um den Holztisch versammelt neu entdecken, wie aus einem Pilgermahl zwischendurch plötzlich eine heilige Messe wird. Überraschend gewandelt würden wir weiterziehen und das Wort Jesu würde in uns noch lange klingen: „Brannte nicht unser Herz, als er das Brot mit uns brach!“ – Ach, das ist in der derzeitigen Kirchenwirklichkeit leider nur ein Traum. Doch den möchte ich leben.

Christoph Kunz | Magdeburg

 

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