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Wie wichtig kleine Dinge in Dauerkrisen werden können

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Der brasilianische Befreiungstheologe, Leonardo Boff, bezeichnet die kleinen und unscheinbaren Dinge, die uns mit anderen Menschen verbinden, als „Sakramente“. Sakramente sind Zeichen einer anderen Wirklichkeit als der vordergründigen. Sie sind Zeichen von Gemeinschaft mitten in der Isolation. „Sie sprechen zu uns, und wir sind in der Lage, ihre Stimme und ihre Botschaft zu vernehmen.“ Sie sagen uns: „Come together!“

1,5 Meter Abstand, mindestens. Kein Gruß mit Handschlag mehr. Umarmungen verboten. Reden durch Plexiglaswände hindurch. Isoliert in Quarantäneräumen. Kommunikation über Monitore. Desinfektionsmittelspender allüberall… Nach langen Monaten der Corona-Pandemie haben wir gelernt: Körperliche Berührungen sind gefährlich, also vermeiden wir sie – und vermissen sie gleichzeitig schmerzlich. Wir sind es inzwischen gewohnt, uns von unseren Mitmenschen zu distanzieren. Und das nicht nur äußerlich. Denn wer permanent damit beschäftigt ist, den Anderen auszuweichen, wird über kurz oder lang ein solches Leben auf Distanz verinnerlicht haben. Ob wir es wollen, oder nicht: Die Pandemie entfremdet uns von unseren Mitmenschen, unmerklich vielleicht, aber trotzdem real.

Wichtig können kleine Dinge im Leben sein: ein Trinkbecher oder ein Bild beispielsweise. Solche unscheinbaren Gegenstände können uns an Menschen erinnern.

Gemeinschaften als Netzwerk

„Come together!“ sangen die Beatles 1969 auf ihrem Album „Abbey Road“: „Kommt zusammen!“ So einen ähnlichen Gedanken finden wir bereits in der Bibel. Ganz zu Beginn, in der Schöpfungserzählung, heißt es: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (Genesis 2, 18). Nicht zuletzt deshalb baute Jesus seine Jünger-Gemeinschaft als ein Netzwerk von kleinen Gruppen auf, in denen Menschen Woche für Woche ganz real zusammenkamen. Dort teilten sie ihre Sorgen und Hoffnungen miteinander, genauso wie ihr Essen und ihren Glauben (Apostelgeschichte 2, 42-47). Kirche nennen wir diese Gemeinschaft heute.

Kleine Dinge sind wichtig

Die große Frage heute heißt: Wie können wir in Zeiten von Social Distancing zusammenkommen und Gemeinschaft leben? Der brasilianische Theologe Leonardo Boff hat mich gelehrt, wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sein können: ein Trinkbecher oder ein Zigarettenstummel beispielsweise. Solche unscheinbaren Gegenstände können uns an Menschen erinnern, die mit uns waren und weit entfernt sind. Und an schöne oder traurige Stunden. Boff beispielsweise bewahrte zeitlebens einen abgerauchten Zigarettenstummel seines Vaters in seinem Schreibtisch auf. Von außen gesehen sind Becher und Zigarettenrest bloß banale Gegenstände, von innen aber – mit dem Herzen gesehen – sind sie Zeichen einer Liebe, die das Vergessen, die Trennung und sogar den Tod überdauert.

Sakramente zeigen andere Wirklichkeit

Auch wenn wir pandemiebedingt auf Abstand leben müssen, können uns solche kleinen Dinge vielleicht helfen, die so sehr vermisste Nähe und Gemeinschaft auf alternative Weise zu leben. Eine Halskette zum Beispiel kann ein solcher Gegenstand sein, der mich auch in meiner Isolation mit Menschen verbindet, die mir im Herzen nahe sind: mit der Großmutter, die längst verstorben ist, der Partnerin, die weit weg ist, dem Geliebten, den ich nicht berühren darf, der eigenen Tochter, die ich nur per Video sehe, mit Gott, der mir fremd geworden ist… Leonardo Boff bezeichnet diese kleinen und unscheinbaren Dinge, die uns mit anderen Menschen verbinden, als „Sakramente“. Sakramente sind Zeichen einer anderen Wirklichkeit als der vordergründigen. Sie sind Zeichen von Gemeinschaft mitten in der Isolation. „Sie sprechen zu uns, und wir sind in der Lage, ihre Stimme und ihre Botschaft zu vernehmen.“ Sie sagen uns: „Come together!“

Dr. Ulrich Engel op, Dominikaner, Berlin
Quelle: Denen, die im Elend leben – seine Liebe. Eindrücke aus dem Gefängnis, Band 5

 

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