Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934-1939 (Folge 32).
Bisher konnten im Rahmen der Aufarbeitung der Geschichte des Zuchthauses Herford in den Jahren 1934 bis 1939 über 700 Häftlinge, darunter 37 jüdische Häftlinge, ermittelt werden, die aus politischen oder anderen Gründen dort ihre Strafen verbüßen mussten. Im folgenden Fall, der den jüdischen Herford-Häftling Arthur Julius Oppenheimer betrifft, konnten überdurchschnittlich viele Dokumente ermittelt und ausgewertet werden. Auf sein Verfolgungsschicksal soll im Folgenden ausführlich eingegangen werden.

Bisher konnten nur sehr wenige Häftlingskarteikarten des Zuchthauses Herford ermittelt werden. Eine dieser Karteikarten betrifft den jüdischen Herford-Häftling Arthur Oppenheimer. Quelle: Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, Detmold: Gefangenenkartei des Zuchthauses Herford (Signatur D 22 Herford Nr. 3414)
Arthur Julius Oppenheimer, der am 15. Juni 1900 in Oberhausen als Sohn des jüdischen Kaufmanns Lehmann Oppenheimer (am 30. Dezember 1869 in Essen geboren, am 4. Dezember 1939 in Oberhausen gestorben) und dessen Ehefrau Pauline Oppenheimer, geb. Liffmann (im Jahre 1918 53-jährig gestorben) geboren wurde, wurde später ebenfalls Kaufmann. Informationen über seine folgenden Lebensjahre lassen sich einer Veröffentlichung der Gedenkhalle Oberhausen anlässlich der am 17. März 2022 erfolgten Verlegung von 28 „Stolpersteinen gegen das Vergessen” entnehmen:
„Er trat 1924 zum katholischen Glauben über und heiratete die Katholikin Anny Plassmann. Die beiden lebten zunächst in Oberhausen und zogen später gemeinsam nach Herne. Dort wurde auch der gemeinsame Sohn geboren.”
Als am 15. September 1935 die „Nürnberger Gesetze” erlassen wurden. die die Degradierung von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern zu Menschen geringeren Rechten besiegelten, waren auch Arthur Oppenheimer und seine Frau Anny betroffen. In einem Textbeitrag zum „Stolperstein gegen das Vergessen” für Arthur Julius Oppenheimer („Alles verloren”) schreibt Claudia Stein-Laschinsky unter anderem:
„Die antijüdische Stimmung belastet die Ehe. Das Bekleidungsgeschäft der Familie muss aufgegeben werden. Wohnhaus und Grundstück der Familie Oppenheimer werden zwangsverkauft. Arthur findet keine Arbeit, um seine Familie zu ernähren. Der Druck wird für Anny zu groß und die Ehe wird 1937 geschieden, wobei Arthur die Schuld an der Scheidung aufgelastet wird.”
Der Inschrift des später für ihn verlegten „Stolpersteins gegen das Vergessen” zufolge wurde Arthur Julius Oppenheimer am 18. Februar 1938 verhaftet und in das Gefängnis Oberhausen eingeliefert. Von dort aus wurde er zu einem bisher unbekannten Zeitpunkt in das Gerichtsgefängnis Bochum eingeliefert. Die 1. große Strafkammer des Landgerichts Bochum verurteilte Arthur Oppenheimer am 11. Mai 1938 wegen „fortgesetzter Rassenschande” zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren und sechs Monaten. Das Urteil, in dem Oppenheimer als „Volljude” bezeichnet wird, ist als Abschrift in den auszugsweise im Online-Archiv der Arolsen Archiv einsehbaren Personalakten von Arthur Oppenheimer vorhanden. Darin heißt es unter anderem:
„Der Angeklagte wird wegen fortgesetzter Rassenschande (Verbrechen gegen §§ 2 und 5 des Blutschutzgesetzes vom 15. September 1935) zu einer Zuchthausstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden dem Angeklagten auf die Dauer von 5 Jahren aberkannt. Die erlittene Untersuchungshaft wird auf die erkannte Strafe angerechnet.”
Die Höhe der Strafhaft und der Untersuchungshaft wird auch aus der Häftlingskarteikarte des Zuchthauses Herford ersichtlich. Dieser Karte zufolge hatte das Landgericht Bochum Oppenheimer wegen „Rassenschande” zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren und sechs Monaten (unter Anrechnung von 83 Tagen, 10 Stunden und fünf Minuten Untersuchungshaft) und zu fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Als Strafbeginn wurde nicht der 11. Mai 1938, also der Tag der Urteilsverkündung, sondern erst der 16. Mai 1938 und als geplantes Strafende der 25. August 1941 bestimmt. Auf der Häftlingskarteikarte war der Tag des Urteils allerdings fälschlicherweise mit dem 11. August 1938 angegeben worden. Vom Polizeigefängnis in Bochum aus wurde Oppenheimer zunächst zum Zuchthaus Münster überführt, was durch einen Eintrag in eine „Nachweisung über Unterbringung und Beschäftigung oder Nichtbeschäftigung (Arbeitsmangel, Arrest, Krankheiten usw.)” belegt ist.
Nach Angaben im Online-Gedenkbuch des Bundesarchivs „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945” wurde Arthur Oppenheimer am 30. Mai 1938 in das Zuchthaus Münster eingeliefert und einen Tag später dort ärztlich untersucht; unter anderem wurde sein Gewicht in eine in seinen Personalakten befindliche Gewichtstabelle eingetragen. Bei einer Größe von 184 cm wog Oppenheimer damals 68 Kilogramm. Wie seine Häftlingskarteikarte des Zuchthauses Herford dokumentiert, wurde Arthur Oppenheimer von der Strafanstalt Münster kommend am 4. Oktober 1938 in das Zuchthaus Herford eingeliefert, wo er nur etwa sieben Monate blieb. Einzelheiten über seine dortige Haft konnten bisher nicht ermittelt werden. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Umwandlung dieses Zuchthauses in ein Jugendgefängnis wurde er von dort aus am 19. Juni 1939 zum Zuchthaus Celle überführt.

Auszug aus der Hausordnung des Zuchthauses Herford von 1940.
Schon wenig später, am 26. September 1940, wurde er zusammen mit mindestens acht weiteren jüdischen Häftlingen von dort aus in das Zuchthaus Brandenburg-Görden (Havel) eingeliefert. Als Oppenheimer kurz nach seiner Einlieferung in dieses Zuchthaus dort erneut gewogen wurde, wog er nur noch 59 Kilogramm, also neun Kilogramm weniger als gut zwei Jahre vorher, als er im Zuchthaus Münster gewogen worden war. Diese Gewichtsabnahme lässt erahnen, wie es um die Verpflegung der Strafgefangenen bestellt war. Die Essensrationen der Zuchthausgefangenen waren nach den offiziellen Verpflegungssätzen vom 16. Januar 1940 nicht größer als bei den KZ-Häftlingen. In den letzten Wochen seiner Haft (vom 7. Juli 1941 bis zum 12. August 1941) im Zuchthaus Brandenburg-Görden (Havel) war er in der Radmacherei der Abteilung Kinderwagen der Brennabor-Werke als Vorarbeiter der jüdischen Strafgefangenen eingesetzt.
Dem Arbeitszeugnis der Brennabor-Werke zufolge waren seine Führung und Leistungen gut. Mit Schreiben vom 12. Juli 1941 bat die Gestapo Dortmund den Leiter des Zuchthauses und der Sicherungsanstalt in Brandenburg (Havel), den dort einsitzenden Arthur Oppenheimer nach Strafverbüßung der dortigen Ortspolizeibehörde zur Verfügung zu stellen. Oppenheimers „Transportzettel für eine Beförderung im Gefangenen-Sammelwagen auf Eisenbahnen”, der im Online-Archiv der Arolsen-Archives einsehbar ist, betrifft seine Fahrt, beginnend am 28. August 1941 um 6.43 Uhr vom Bahnhof Brandenburg (Havel) zum Bahnhof Dortmund.
Anhand dieses „Transportzettels” wird ersichtlich, warum der Transport in einem Gefangenen-Sammelwagen der Deutschen Reichsbahn mehrere Tage dauern konnte; im Fall von Arthur Oppenheimer kam der Sammeltransport zwar noch am selben Tag bereits um 8.20 Uhr am Bahnhof Magdeburg an, aber Oppenheimer und vermutlich auch weitere Häftlinge wurden erst einmal in das dortige Gefängnis eingeliefert. Erst am übernächsten Tag um 5.40 Uhr ging der Transport für Oppenheimer vom Bahnhof Magdeburg weiter zum Bahnhof Hannover, wo der Zug um 9.31 Uhr ankam. Auch dort wurde vermutlich im Gefängnis Hannover Zwischenstation gemacht, bevor es am 2. September 1941 um 7.00 Uhr vom Bahnhof Hannover weiterging Richtung Dortmund. Dort kam der Sammelzug um 12.26 Uhr an, wo Oppenheimer von einem Meister der Schutzpolizei in Empfang genommen und etwa eine halbe Stunde später, um 13.00 Uhr in das Polizeigefängnis Dortmund eingeliefert wurde.
Nach vollständiger Verbüßung seiner Zuchthausstrafe wurde Arthur Oppenheimer 1941 nicht entlassen, sondern wurde – wie es schon vorher angeordnet worden war und wie es auch aus einem Dokument des Zuchthauses Brandenburg-Görden ersichtlich ist, dem Polizeigefängnis Brandenburg (Havel) zugeführt. Einige Zeit später wurde er ins KZ Sachsenhausen deportiert, wo er die Häftlingsnummer 39724 zugeteilt bekam. Am 19. März 1942 kam er dort um; als offizielle Todesursache wurde Herzschwäche angegeben. Seit dem 17. März 2022 erinnern in Oberhausen, Havensteinstraße 52, „Stolpersteine gegen das Vergessen” an Arthur Julius Oppenheimer, an seinen Vater Lehmann Oppenheimer, an seine Stiefmutter Rachel Rosa Oppenheimer, geb. Lind, die im September 1942 ins Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) deportiert und dort ermordet wurde, und an seinen Bruder Ernst Oppenheimer, der den Holocaust überlebte und 1949 zusammen mit seiner Familie in die USA auswanderte. Ernst Oppenheimer, der 1957 seinen Namen in Ernest Osgood ändern ließ und fünf Jahre später die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, starb am 15. November 1970 in Miami.
Unter diesem Link sind nicht nur zahlreiche Dokumente des Online-Archivs der Arolsen Archives („Weitere Infos über Arthur Julius Oppenheimer”) einsehbar, sondern es ist dort auch eine kleine „Bildergalerie” mit drei Fotos von Arthur Julius Oppenheimer und seiner Familie zu sehen, ferner ein Textbeitrag von Claudia Stein-Laschinsky („Alles verloren”). Trotz der vergleichsweise zahlreichen über Arthur Julius Oppenheimer vorliegenden Informationen und Dokumente zeigt sich aber auch in diesem Fall, dass über seine Haft im Zuchthaus Herford kaum etwas bekannt bzw. veröffentlicht worden ist.
Armin Breidenbach
Quellen und Literatur
Arolsen Archives, Online-Archiv: verschiedene Dokumente (unter anderem Personalakten von Arthur Oppenheimer, online einsehbar unter https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12119618)
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, Detmold: Häftlingskarteikarte des Zuchthauses Herford für Arthur Oppenheimer
Wachsmann, Nikolaus: Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat, München 2006
Bundesarchiv | Gedenkhalle Oberhausen | Bundeszentrale für politische Bildung
Stolpersteine | KZ Sachsenhausen
Artikelserie
1. Stolpersteine erinnern an ehem. Häftlinge des Zuchthauses
2. Über das Zuchthaus Herford ist bisher nur wenig bekannt
3. Widerstand gegen das NS-Regime führte zu hohen Zuchthausstrafen
4. Einlieferung von Häftlingen in das Zuchthaus Herford
5. Zeitungen im „Dritten Reich“ über Prozesse gegen Antifaschisten
6. Über Ort und Dauer der Inhaftierung keine Informationen
7. Der Direktor des Zuchthauses Herford: Dr. Josef Wüllner
8. Kommunistische Häftlinge im Zuchthaus Herford
9. Solinger Kommunisten als Strafgefangene im Zuchthaus Herford
10. Sozialdemokratische Häftlinge im Zuchthaus Herford
11. Sozialdemokrat Fritz Steinhoff im Zuchthaus Herford
12. Jüdische Widerstandskämpfer im Zuchthaus Herford (Teil I)
13. Jüdische Widerstandskämpfer im Zuchthaus Herford (Teil II)
14. Jüdische Widerstandskämpfer im Zuchthaus Herford (Teil III)
15. Jüdische Häftlinge im ehemaligen Zuchthaus Herford (Teil I)
16. Vor 80 Jahren: Ehem. Häftlinge im KZ Sachsenhausen erschossen
17. „Gewöhnliche“ kriminelle Häftlinge im Zuchthaus Herford
18. Ausländische und staatenlose Häftlinge im Zuchthaus Herford
19. Online-Archiv erleichtert die Suche nach Häftlingen
20. Häftlinge des Zuchthauses Herford im KZ Auschwitz ermordet
21. Homosexuell liebende Menschen als Häftlinge im Zuchthaus
22. Zur Zwangssterilisation nach Düsseldorf verlegt (Teil I)
23. Zur Zwangssterilisation nach Düsseldorf verlegt (Teil II)
24. Vom Gerichtsgefängnis Hamm ins Zuchthaus Herford
25. Katholische Arbeiter leisten Widerstand im NS-Regime (Teil I)
26. Katholische Arbeiter leisten Widerstand im NS-Regime (Teil II)
27. Katholische Arbeiter leisten Widerstand im NS-Regime (Teil III)
28. Alte Bücher geben Hinweise auf die Häftlingsgesellschaft





