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Häftlingsliste nennt nicht alle italienische Gefangene in Lüttringhausen

13. Januar 2026

Angesichts der im Zeitraum von 1939 bis 1945 erfolgten Verschleppung von mehr als 13 Millionen ausländischen KZ-Häftlingen, Strafgefangenen, Kriegsgefangenen und „zivilen” Arbeitskräften nach Deutschland, stellte sich nach Kriegsende für die Alliierten die Frage nach dem Verbleib dieser Millionen Menschen. Um diesen ermitteln zu können, erließen die vier Militärregierungen im Dezember 1945 und Januar 1946 Anordnungen an die deutschen Behörden zur Unterstützung der Suchbüros in ihren jeweiligen Besatzungszonen.

Als das Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen noch ein „Königliches Gefängnis“ war. Im Zweiten Weltkrieg waren im Zuchthaus Lüttringhausen über 1.000 Ausländer inhaftiert. Fotos: Historisches Zentrum Remscheid

Diese Befehle verlangten Nachforschungen über Ausländer, die sich ab September 1939 kurzfristig oder dauerhaft, freiwillig oder erzwungen in dem jeweiligen Verwaltungsbereich aufhielten. Auch die Verwaltungen der in den jeweiligen Zonen liegenden Strafanstalten mussten aufgrund des Alliiertenbefehls Nr. 163 Auskunft über die während des Krieges dort einsitzenden ausländischen Häftlinge erteilen. Dementsprechend erstellte auch der Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen nach 1945 Listen, die nach den Nationalitäten der Inhaftierten geordnet waren und die vor einigen Jahren im Online-Archiv der Arolsen Archives veröffentlicht wurden.

Häftlinge stammten aus 20 Ländern

Die Gesamtzahl der in den Jahren 1933 bis 1945 im Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen aus politischen oder anderen Gründen einsitzenden Häftlinge ist nach wie vor unbekannt, ebenso die Gesamtzahl der damals dort inhaftierten ausländischen Häftlinge. Im Gegensatz dazu gibt es aufgrund der alliierten Anordnungen konkrete offizielle Angaben über die Gesamtzahl der ausländischen Häftlinge, die während des Zweiten Weltkriegs dort eingesperrt waren; denn nach einer am 25. Februar 1947 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten „Liste ‘1’ der ausländischen kranken Strafgefangenen des damaligen Zuchthauses Remscheid-Lüttringhausen, die in der Zeit vom 1.9.39 – 15.4.45 im hiesigen Anstaltslazarett stationär behandelt worden sind.” waren im genannten Zeitraum 1.074 Ausländer in jenem Zuchthaus inhaftiert. Diese 1.074 ausländischen Häftlinge stammten aus etwa 20 Ländern, wobei die niederländischen, polnischen, französischen und belgischen Häftlinge die größten Gruppen bildeten. Den bereits am 8. Februar 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten Listen zufolge besaßen 839 der 1.074 ausländischen Häftlinge die Staatsangehörigkeit eines dieser vier Länder.

Italenische Häftlinge

Im Folgenden soll nun exemplarisch auf die italienischen Häftlinge näher eingegangen werden, die im Zweiten Weltkrieg aus unterschiedlichen Gründen in Lüttringhausen einsaßen. Nach einer am 8. Februar 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten Liste waren während des Krieges im Zuchthaus Lüttringhausen insgesamt 21 Italiener inhaftiert, die von deutschen Gerichten verurteilt worden waren und die nach den Niederländern, Polen, Franzosen, Belgiern, Tschechoslowaken und Österreichern die siebtgrößte ausländische Häftlingsgruppe im Zuchthaus Lüttringhausen bildeten. Von den 21 Italienern waren elf zu Zuchthausstrafen in Höhe von einem Jahr bis zu fünf Jahren verurteilt worden. Auffällig ist, dass die übrigen zehn, obwohl nur zu Gefängnisstrafen (in Höhe von drei Monaten bis zu einem Jahr und zehn Monaten) verurteilt, ihre Strafe nicht ausschließlich in einem Gefängnis, sondern teilweise auch im Zuchthaus Lüttringhausen verbüßen mussten.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll überprüft werden, ob tatsächlich alle italienischen Häftlinge in der 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten Liste erfasst sind. Zweifel an der Richtigkeit der offiziellen Häftlingszahlen von 1950 sind berechtigt; denn die italienische Forscherin Marinella Fasani, Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte „Pier Amato Perretta” in Como (Italien) hatte bereits in ihrem 2020 veröffentlichten Beitrag „In Italien vergessen! Italienische Häftlinge im Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen zwischen 1942 und 1945” auf die Unvollständigkeit dieser Liste hingewiesen und dies anhand einer anderen Quelle auch belegt:

„Das Aufnahmebuch des Polizeigefängnisses Remscheid von 1944/45 zeigt deutlich, dass die Liste der italienischen Häftlinge in Remscheid-Lüttringhausen aus den Arolsen Archives nicht komplett ist. So konnten weitere und neue Namen italienischer Häftlinge gefunden werden.”

Namen „eingedeutscht“

In ihrem Beitrag geht Marinella Fasani unter anderem auf zwei Italiener näher ein, die während des Zweiten Weltkriegs zeitweise im Zuchthaus Lüttringhausen inhaftiert waren und im März 1945 von dort zum Polizeigefängnis Remscheid überführt wurden: Rocco Mafara und Adamo Partemir. Beide sind in dem Aufnahmebuch des Polizeigefängnisses Remscheid aufgeführt, werden aber in der offiziellen Liste von 1950 nicht genannt. Schließlich erwähnt Marinella Fasani noch kurz einen dritten italienischen Lüttringhausen-Häftling (Antonio Peluso), der ebenfalls in der Liste von 1950 nicht aufgeführt ist. Somit waren im Jahr 2020 insgesamt 24 italienische Lüttringhausen-Häftlinge namentlich bekannt, wobei darauf hinzuweisen ist, dass die Schreibweise der Namen dieser Häftlinge in der am 8. Februar 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten Liste nicht immer korrekt ist; manchmal wurden die ausländischen Namen einfach „eingedeutscht” bzw. „vereinfacht”. So wurde etwa aus dem italienischen Namen Pietro D’Agnolo „Peter Dagnolo”, „germanisiert”, wie Marinella Fasani schreibt. Auch sind in dieser Liste Fehler bei den Haftdaten festzustellen.

Offizielle Liste nicht vollständig

Weitere 28 Italiener, die zwischen 1939 und 1945 zeitweise in Lüttringhausen eingesperrt waren, hinaus ließen sich inzwischen anhand der Häftlingskarteikarten von Gefangenen des Zuchthauses Lüttringhausen und anderer Strafanstalten, die größtenteils im Online-Archiv der Arolsen Archives einsehbar sind, ermitteln. 25 von ihnen wurden im März 1945, also kurz vor Kriegsende, nicht als Verurteilte, sondern als Untersuchungshäftlinge in das Zuchthaus Lüttringhausen eingeliefert. Insofern kann es nicht überraschen, dass sie nicht in der am 8. Februar 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten Liste erwähnt werden; denn diese Liste sollte ja nur die von deutschen Gerichten verurteilten Straftäter erfassen. Allerdings ließen sich anhand von Häftlingskarteikarten drei weitere, bereits verurteilte italienische Lüttringhausen-Häftlinge ermitteln, die nicht in der genannten Liste erfasst sind, sodass festzustellen ist, dass die offizielle Liste nicht vollständig ist. Insgesamt konnten bisher 52 Italiener ermittelt werden, die im Zeitraum vom 3. September 1939 bis zum 8. Mai 1945 im Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen inhaftiert waren. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass damals noch weitere italienische Häftlinge dort eingesperrt waren. Nach bisherigem Kenntnisstand haben alle italienischen Häftlinge die Haft im Zuchthaus Lüttringhausen überlebt; ob sie auch alle das Kriegsende überlebt haben, ist bis jetzt nicht bekannt.

Armin Breidenbach

Quellen und Literatur

Arolsen Archives, Online-Archiv: verschiedene Dokumente
Breidenbach, Armin: Bisher 25 inhaftierte Italiener ermittelt. Forschungsprojekt in Como und Bergamo beschäftigt sich mit Häftlingen im Zuchthaus Lüttringhausen, in: Remscheider General-Anzeiger vom 29.4.2020, S. 14, Online einsehbar… 
Armin Breidenbach und Jörg Becker (Hrsg.): Remscheid ’45, Remscheid 2020
Breidenbach, Armin: Das Remscheider Polizeigefängnis und seine Häftlinge 1944/45, Online einsehbar…
Stiftung evz | waterboells

Fasani, Marinella: In Italien vergessen! Italienische Häftlinge im Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen zwischen 1942 und 1945, in: Armin Breidenbach und Jörg Becker (Hrsg.): Remscheid ’45, Remscheid 2020, S. 107 – 129
Historisches Zentrum Remscheid: Gefangenenbuch (Aufnahmebuch) des Polizeigefängnisses Remscheid von 1944/45
International Tracing Service (ITS), Bad Arolsen: Schriftliche Auskunft vom April 2019
Remscheider General-Anzeiger vom 11.9.2020, S. 16

 

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