Die Bibliographie des evangelischen Gefängnisseelsorgers Peter Rassow (JVA Celle) von 1998 wurde nicht weitergeführt. Dafür lassen sich zwei Gründe geltend machen: Es war niemand da, der diese Detektivarbeit (und eine solche ist es im Bereich der Gefängnisseelsorge immer noch) leisten wollte und es gibt doch das Internet. Dieses wollte kaum etwas hergeben an Literatur zur Gefängnisseelsorge.

 

Es scheint mir bis heute nicht viel einfacher geworden zu sein. Dr. Simeon Reininger, der lange Jahre in der niedersächsischen Justizvollzugsanstalt Meppen als katholischer Seelsorger gewirkt hat, hat diese Arbeit begonnen. Er hat unglaubliches detektivisches Gespür an den Tag gelegt und manche Schrift ans Tageslicht gebracht, die unbekannt war. Ihm gebührt großer Dank für seine unermüdliche Suche in Büchern, Fußnoten und Quellenangaben. Was wir mit dieser Bibliographie vorlegen, ist eine Auswahl an Themen, die nicht abschließend sein kann. Wir haben entscheiden, uns nicht nur auf direkt mit der Gefängnisseelsorge zusammenhängende Publikationen zu fokussieren, da sich unsere Arbeit im interdisziplinären und interprofessionellen Feld bewegt. Dies galt es wahrzunehmen. Dazu kommt, dass Geistliche oder ehrenamtlich Seelsorgende aus anderen Religionen ebenfalls im Gefängnis wirken. Dies alles hat den Blick noch einmal geöffnet.

Der Kontakt mit verschiedenen theologischen Fakultäten im deutschsprachigen Raum hat gezeigt, dass es Bachelor-, Diplom- und Masterarbeiten gibt, die wahrgenommen werden sollten. Diese existieren aber oft nur als PDF Dateien. Wir haben dort, wo wir Kenntnis davon hatten, solche Arbeiten mit in die Bibliographie integriert. Eine Art Präsenzbibliothek zur Gefängnisseelsorge soll auf Seelsorge & Strafvollzug.ch aufgebaut werden und soweit möglich Titel, die nur als PDF existieren, ebenfalls leichter zugänglich zu machen.

Dr. Frank Stüfen | JVA Pöschwies, Kanton Zürich

Literatur

Die Idee, Rassows Arbeit fortzuführen, entstand eher zufällig bei der Suche nach neuen Veröffentlichungen zur Vorbereitung der jährlichen Fachtagung “Kirche im Justizvollzug“, die von der Katholischen Gefängnisseelsorge Deutschland e.V. und der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland veranstaltet wird. Eine erste große Ergänzung konnte anhand des Literaturverzeichnisses der Dissertation von Frank Stüfen, Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies (Schweiz), erfolgen. Damit konnte der Blick über die deutsche Grenze geöffnet werden. Mittelfristig soll Literatur, die sich auf Österreich oder die Schweiz bezieht, insbesondere rechtliche Fragestellungen, noch stärker einbezogen werden.

 

Ein erster Abschnitt der vorliegenden Biographie widmet sich den Themen Schuld und Strafe. Diesen müssen sich JuristInnen wie SeelsorgerInnen und stellen. Bei Urteilen und Strafzumessungen sind sie ebenso von Bedeutung wie im seelsorglichen Gespräch, insbesondere wenn Inhaftierte hierfür offen sind. Es sind zudem Themen, die ethische Fragen aufwerfen, insbesondere im Blick auf den Umgang mit den Schuldiggewordenen.

Der zweite Abschnitt widmet sich den ethischen Fragestellungen. Sie betreffen nicht allein die Justiz, sondern ebenso SeelsorgerInnen. Seit über Jahren arbeiten GefängnisseelsorgerInnen mit dem Projekt „Ethik im Justizvollzug“ zusammen. In manchen Justizvollzugsanstalten wirken Ethik-Komitees. An der Universität Würzburg ist am Lehrstuhl für Christliche Sozialethik unter Leitung der Lehrstuhlinhaberin Prof.in Michelle Becka „Ethik im Justizvollzug“ angesiedelt, mit dem versucht wird, das Anliegen wissenschaftlich zu begleiten, zu reflektieren und zu evaluieren.

Der dritte Abschnitt beinhaltet schließlich Literatur zur Gefängnisseelsorge im engeren Sinne. Dabei spielen auch rechtliche Fragen eine wichtige Rolle. In einem zunehmend säkularen und pluralen Umfeld, das sich auch in den Justizanstalten spiegelt, wo immer mehr Bedienstete wenig oder keinen Kontakt zu Kirchen und Religion haben, zudem teilweise misstrauisch bzw. kritisch gegenüber Kirche und Religion auftreten, wenig Sensibilität diesen gegenüber zeigen und wenig Bescheid wissen über das Recht der freien Religionsausübung, ist es für die Seelsorgenden umso wichtiger, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu kennen.

Ein vierter Abschnitt gibt abschließend Hinweise auf Zeitschriften zur Gefängnisseelsorge.

Neben allgemeiner Literatur zum Thema gilt ein besonderes Augenmerk den bislang noch wenigen Veröffentlichungen zu Ethikkomitees und zu den Problemkreisen Krankheit, Altern und (menschenwürdiges) Sterben im Strafvollzug unter speziell ethischen Gesichtspunkten.

Interreligiöse Seelsorge

Im Gegensatz zu Rassow wird in dieser Bibliographie auf eine Zusammenstellung wichtiger Gerichtsurteile zur Gefängnisseelsorge verzichtet. Die Hinweise auf juristische Literatur beschränkt sich auf das deutsche Recht. Die zunehmende Säkularisierung und vor allem auch Entkonfessionalisierung wirft zudem religionsrechtliche Fragen auf, die in dieser Bibliographie ausgeklammert werden. Kirchliche Seelsorge in öffentlichen Einrichtungen wie Gefängnissen ist nicht mehr unbedingt selbstverständlich und wird insbesondere von atheistischen Verbänden zunehmend in Frage gestellt bzw. es werden beispielsweise analog zu den Niederlanden Seelsorge- oder Betreuungsmöglichkeiten seitens dieser Verbände gefordert. So wollte der „Bund für Geistesfreiheit Erlangen“ schon 1997 Gefangene betreuen. Der „Humanistische Verband Deutschland Dresden“ bietet „humanistische Seelsorge“ in Gefängnissen in Dresden, Chemnitz und Waldheim an. Während hierzu bislang keine Veröffentlichungen vorliegen, können wir zur muslimischen (und interreligiösen) Seelsorge auf eine Fülle von Veröffentlichungen zurückgreifen. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sich inzwischen eine muslimische Seelsorge etabliert hat.

Online PDF-Ausgabe

Die Bibliographie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie beschränkt sich auf deutschsprachige Literatur. Fremdsprachige findet nur insofern Berücksichtigung als sie sich auf Gefängnisseelsorge im deutschsprachigen Raum bezieht. Auf die ergänzende Auswahlbibliographie zu Bezugsthemen der Gefängnisseelsorge sei hier hingewiesen. Viele der angeführten Veröffentlichungen sind online abrufbar. Sie sind entsprechend gekennzeichnet und über gängige Suchmaschinen downloadbar. In die Online-Ausgabe wurden weitere Artikel aufgenommen, die seit der Drucklegung der Print-Ausgabe gefunden wurden. Sie sind mit der Nummer des jeweils vorausgehenden Titels und einem „a“ gekennzeichnet, so dass die laufenden Nummern der Print-Ausgabe beibehalten werden konnten. Zudem sind in der vorliegenden Online-Ausgabe die vollständigen Web-Adressen wiedergegeben. Der besseren Lesbarkeit wegen wurden teilweise eine Leerstelle eingegeben, die gegebenenfalls entfernt werden muss.

© Dr. Simeon Reininger | JVA Meppen

22. November 2018
Kein ausreichend qualifiziertes Personal
Trotz aller Bemühungen: Ohne ausreichend Personal und ohne offenen Vollzug kann das Modell Gefängnis nicht funktionieren, sagt Heinz-Werner Schnittker, Vorstand des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer (SKFM) Düsseldorf e.V. „Ich konnte nur versuchen, den Schaden zu begrenzen…“ Dies ist das Fazit eines engagierten Sozialarbeiters, der sich […]