Der Inhaftierte der JVA Heidering, nennen wir ihn Karl, putzt die Dusche und hilft beim Essen verteilen und backt den besten Kuchen der Station. Ansonsten verkriecht er sich in seiner Zelle. Er faltet das ganze Jahr über Sterne mit einer Akribie, die jeden nur staunen lässt. Dafür braucht man im Gefängnis eine Bastelgenehmigung zum Besitz einer Bastelschere, eines Falzbeins und mehreren Klebestiften.

Buch „Judas, der Freund – Du, der du Judas trägst nach Hause, trage auch mich“ von Christoph Wrembek.
Zunächst hat niemanden dem Inhaftierten das zugetraut. Er fand zunächst keine Arbeit, war gefühlt ständig im Einschluss in seinem Haftraum. Begonnen hat es mit Fröbelsternen aus perfekt geschnittenen Streifen Backpapier. Anschließend hat er für die Senioren einer großen Neuköllner Kirchengemeinde Sterne gefaltet. Ein Stern besteht aus 30 Teilen, jedes Teil braucht 30 akkurate Kniffe, d.h. 30*30… und wird dann zusammengesteckt. Für die Berliner Gefängnisse hat er große Sterne für die Krippen gebastelt. Doch was in der langen Einschlusszeit zwischen Weihnachten und Neujahr tun? Als die Gefängnisseelsorgerin Christina Brath an Neujahr wieder in die Anstalt kommt, hat der Gefangene 300 Fröbelsterne aus selbst geschnittenen Buntpapierstreifen gebastelt. „Die habe ich mit den Sternsingern auf den benachbarten Flughafen mitgenommen. Die Flughafenseelsorger verteilten sie mit dem Hinweis auf die benachbarte JVA an die Mitarbeitenden und Fluggäste. Das brachte viel Freude und Staunen“, berichtet Barth. Karl bastelt jetzt schon Engel und Sterne für den nächsten Advent und das nächste Sternsingen. So kann man seine Bestimmung finden.
Von Jesus aus der Hölle geschleppt
Die christlich-orthodox geprägten inhaftierten Männer schätzen beim persönlichen Fürbittgebet die Ikonen. Weihnachten, Ostern und ein Pantokrator für den Jahreskreis stehen auf dem Altar vor den brennenden Kerzen. Wenn die kostbaren, echt geschriebenen Ikonen geküsst und berührt werden, ist das für manche ungewöhnlich. Seit kurzem gibt es in der JVA Heidering eine neue Ikone, die im Benediktinerinnenkloster Alexanderdorf, unweit von Berlin, geschrieben wurde. Jesus, der gute Hirte trägt den Judas, der sich erhängt hat. Vorbild ist ein Kapitell aus der Kathedrale in Vézelay im Burgund. Auf der einen Seite ist das Schicksal des Judas zu sehen. Er hängt am Baum, mit heraushängender Zunge. Er fühlte, dass er durch seinen Verrat Schuld am Tod Jesu ist. Schade dass er nicht die Größe Jesu ahnen konnte, die erkennt man auf der anderen Seite des Kapitells. Jesus trägt den leblosen Judas wie sein verlorenes Lieblingsschaf auf seinen Schultern.
Das Kapitel war Vorbild für diese Ikone. Für die JVA wurde sie übernehmen und weiterentwickelt. Der zerrissene Strick hängt Judas, der in sein irdisches Gewand gehüllt ist, am Hals. Unter Jesus ist das schwarze Loch, das auf bekannten traditionellen Ikonen die Hölle zeigt. Seine Fußspitze berührt die Hölle. „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil“, liest man im Psalm 23. Die Hölle ist leer. Gott gibt liebevoll jedem eine Chance. Grüne Grasbüschel weisen auf den Psalm 23 hin: „Gott lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Links und rechts sind zwei blühende Bäume des Lebens zwischen den trockenen Felsen. Jesus schaut Judas und die BetrachterInnen an. Nach der Ikonenweihe im Kloster Alexanderdorf hat sie im Gottesdienst in der JVA Heidering ein Zuhause gefunden. Die christlich-orthodoxen Gefangenen haben sie mit Weihrauch und Weihwasser begrüßt. Der orthodoxe Hymnus zur Ikonenweihe wird angestimmt und plötzlich singen die sonst im Gottesdienst eher schweigsamen Männer aus tiefer Brust mit. Sie kennen die Melodie von zuhause.
Christina Barth | JVA Heidering





