Einmal im Jahr nehme ich an einem Vipassana Retreat teil, einer Meditationswoche im Schweigen. Vipassana ist ein Wort aus buddhistischer Tradition und bedeutet Einsicht. Im täglichen Meditieren machen wir uns in dieser Woche auf den Weg, den Geist zu beruhigen, negative Tendenzen zu reduzieren und tiefere Einsicht in Gedanken und Gefühle zu gewinnen. Vipassana Meditation will Weisheit und Mitgefühl stärken, wir üben die fokussierte Aufmerksamkeit, um zu größerer Klarheit zu kommen und einer gesteigerten Fähigkeit, ethische Entscheidungen zu treffen.
Mein erstes Retreat war hauptsächlich anstrengend. Nicht das tagelange Schweigen war schwierig für mich, sondern das immer wieder neue Loslassen all der Gedanken, die meine Aufmerksamkeit sofort mitnahmen, weil sie alle so wichtig erschienen. Inzwischen habe ich gelernt, etwas gnädiger mit mir zu sein, und ich bemerke, dass das dazu führt, auch mit anderen etwas gnädiger zu sein. Die Erfahrung aus einem solchen Retreat lehrt mich, dass Weisheit und Mitgefühl nicht etwas sind, das ich mir mühsam aneignen muss. Weisheit und Mitgefühl sind schon da, sie sind wie ein Same bereits ins Herz gegeben und wollen von da aus sich entfalten.

10 Gebote des Strafvollzuges? Ein Langstrafiger in Bochum hat für sich Vollzugsregeln formuliert. Sie bilden nicht die Vollzugsrealität ab. Jedoch zeigen sie, wie er den Umgang im Vollzug subjektiv zu einer bestimmten Zeit erlebt. Foto: Alfons Zimmer, JVA Bochum.
An-Gebote
Zur Unterstützung dieses Prozesses vereinbaren wir im Retreat fünf Regeln für das Miteinander: 1. Nicht töten. Auch des Nachts die Mücke im Zimmer nicht. 2. Nicht stehlen, also nichts nehmen, was nicht gegeben wurde. 3. Keine sexuellen Aktivitäten, um Übergriffigkeit und Gewalt zu vermeiden. Dazu gehört auch die Vermeidung von Körperkontakt. 4. Nicht lügen. Die Dinge ansehen, wie sie sind. Das nicht Sprechen mit dem naheliegende Bewerten und Beurteilen unterstützt dies. 5. Keine Rauschmittel konsumieren, um die Klarheit des Geistes zu unterstützen.
Diese fünf Regeln aus buddhistischer Ethik übersetzen alte Gebote menschlichen Miteinanders, wie wir sie aus den 10 Geboten der Thora kennen, in alltägliches Verhalten. Nicht zu töten, nicht zu stehlen und nicht zu lügen sind dann wie eine Wegweisung in der eigenen Lebensführung. In gewisser Weise werden die Gebote noch radikalisiert, indem sie auf ihre Verwurzelung im Alltag zurückgeführt werden. So dienen sie der Selbstreflexion und sind nicht zu gebrauchen, um andere abzukanzeln. In dieser Radikalisierung der Gebote, die zugleich eine Intensivierung ist, bekomme ich die Herausforderung zu spüren, die in ihnen ist: immer neu bin ich aufgerufen, achtsam unterwegs zu sein und Entscheidungen weniger aus Impulsen als aus der Weisheit des Mitgefühls zu treffen.
Sensibilisierung
Genauso ist Jesus mit dem alten Gesetz der Thora umgegangen. In der Bergpredigt heißt es, dass das Morden schon im Verachten des Anderen und der Ehebruch bereits in sexueller Begierde beginnt. „Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben“, sagte Jesus, „sondern um zu erfüllen“. Wie in buddhistischer Tradition benutzte Jesus das Gesetz nicht dazu, andere zu verurteilen, sondern um aufmerksam zu machen. Eine so mit allzu menschlicher Erfahrung erfüllte Gesetzesauslegung lässt aber auch erkennen, wie wir alle an ihrer Verwirklichung immer wieder scheitern. Vielleicht werde ich nicht zum Mörder einer anderen Person, wie oft aber vernichte ich in Unachtsamkeit andere Lebewesen? Vielleicht lüge ich nicht direkt, wie oft aber beteilige ich mich am Gerede, ohne zu wissen, ob es wirklich wahr ist? Es geht um Sensibilisierung für die Verbundenheit aller Lebewesen und die Erinnerung an die heilende Kraft des Mitgefühls – wissend um alles Scheitern darin. Wir brauchen dieses Mitgefühl gerade angesichts des eigenen Versagens. So hat das Gesetz keinen Selbstzweck, es offenbart vielmehr unser Angewiesensein auf Barmherzigkeit und Versöhnung. Ob die buddhistischen Regeln oder die Bergpredigt Jesu, es sind Worte, die uns aufrufen, innezuhalten und den Geist zu reinigen, um aus dem sich Abkämpfen am Bösen in der Welt zur Erkenntnis der Verbundenheit aller zu kommen in Weisheit und Mitgefühl.
Christoph Kunz | Matthäus 5, 17-37





