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Es ist mehr mit uns anzufangen, als wir ahnen können

3. Januar 2026

Vor sechs Millionen Jahren begann eine Art der Schimpansen aufrecht zu gehen. Aus diesen Affen entwickelte sich die menschliche Art. Mit dem aufrechten Gang veränderte sich der Körperbau erheblich, später begann auch das Gehirn zu wachsen, vor allem in den letzten zwei Millionen Jahren. Besonders die innere Struktur des Gehirns entwickelte sich und befähigte den Menschen zu herausragenden Leistungen.

Wir nennen diese dem Affen entstammte Linie den Homo Sapiens, also den weisen Menschen, und zählen uns selbstverständlich dazu. Was aber veranstalten wir mit unserem so wunderbar gewordenen Gehirn? Wir führen Krieg, immer wieder, im Großen wie im Kleinen – sogar gegen uns selbst. Und wir erfinden immer neue Begründungen, mit denen wir uns glauben machen, es müsse so sein. Dabei hat jeder Krieg stets nur einen Anlass: die Gier. Wir wollen immer mehr, obwohl wir am Ende alles lassen müssen.

Zwei Gestalten aus der Werkstatt der Bildhauerin Marion Jochner, wie sie in wacher Erwartung dasitzen.

Es muss sich lohnen, Mensch zu sein

Ist also die Weisheit das Spezifikum des Homo Sapiens, oder doch eher seine kreative Fähigkeit sich selbst zu betrügen? Bei dem Wahnsinn von Zerstörung, die wir auf dieser Erde mit unserer Gier anrichten, scheint es eine außergewöhnliche Kraft zu brauchen, umzulenken in eine andere, heilsame Richtung. Müssen wir Übermenschen sein, um einfach nur menschlich miteinander zu leben? Nein, sagt die Weihnachtsbotschaft. „Es muss sich lohnen, Mensch zu sein, wenn Gott an sich selbst nicht genug hatte, sondern dazu auch noch einer dieser Menschen werden wollte, wenn ihm das nicht zu gefährlich oder zu wenig war“, schrieb der Theologe Karl Rahner. Es braucht keinen Übermenschen, wenn Gott selbst Mensch wurde.

Göttliche Liebeserklärung

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es: „Das Wort wurde Fleisch und hat unter uns gezeltet“. Das Wort, griechisch „logos“, ist biblisch nicht nur ein dahin geredetes Wort, flüchtig eingeworfen, es ist auch nicht ein starres Wort, eingemeißelt und festgesetzt, es ist vielmehr eine im Aussprechen geschehende Wirklichkeit, Wort und Tat gehen in eins. Denn es ist das Wort Gottes, es gilt bedingungslos und durchwirkt alles. Der Inhalt dieses Wortes ist Gottes erstaunliche Zusage: „Ich liebe dich, du Welt! Ich liebe dich, du Mensch!“ Anders lässt sich nicht erklären, warum dieses Wort Gottes Fleisch wurde, warum es also aus der Fülle göttlicher Schöpferkraft in maßloser göttlicher Liebe hineingesagt ist in die Bedingtheit der Welt und die Enge des Menschseins, in die Verderbtheit, das Scheitern, die Vergeblichkeit, die Enttäuschung, in all das, was menschliches Leben ausmacht. Und es kann nicht mehr zurückgenommen werden, es gilt und wirkt.

Es beginnt im Herzen

Es zeltet unter uns, heißt es im Evangelium. Die göttliche Liebeserklärung hat ihr Zelt aufgeschlagen auf dem Pilgerweg unseres Lebens und wartet darauf, entdeckt zu werden. Sie erscheint nicht triumphierend in einem Palast, ist nicht zu finden in unseren Machtansprüchen und gewaltigen Reden. Sie wirkt leise und ist leicht zu überhören, sie wohnt in all den notdürftigen Behausungen, ausgesetzt unserer Unsicherheit und Besorgnis. Und immer will sie gefunden und Wirklichkeit werden. Weil in dieser göttlichen Liebeserklärung Wort und Tat eins sind, wirkt sie sofort, wo immer sie angenommen ist. Sie ist wie eine Quelle, die sprudelt zu unendlichem Leben. Einmal ins Fließen geraten kannst du sie nicht mehr aufhalten. Denn Gott selbst wurde Mensch. Wenn also alles Menschliche durchwirkt ist von dieser göttlichen Zusage „Ich liebe dich, du Mensch!“, braucht es keine Übermenschen, es braucht Menschen, die den Mut haben, trotz alledem menschlich einander und sich selbst zu begegnen. Geliebt wissen wir uns aufgehoben, auch – und besonders – wenn der Weg durch die dunklen Niederungen menschlichen Lebens führt. Das alles aber beginnt im Herzen, da, wo wir die Resonanz zu spüren bekommen von Freude und Leid. „Gott selbst hat es mit diesem Herzen versucht und uns gesagt, dass es geht, denn es ist mehr mit uns anzufangen, als wir ahnen!“ (Karl Rahner). Das neue Jahr in dieser Welt, die so ist, wie sie ist, mit dieser liebevollen Zusage zu beginnen, bedeutet, sie zu verändern. Spürbar zuerst ganz nah im eigenen Herzen und von da aus zum Nächsten und weiter in die Welt.

Christoph Kunz | Johannes 1, 1-18

 

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