„Was lange währt wird endlich gut“, so könnte man sagen, wenn es um das neue Kreuz in der Kirche der Justizvollzugsanstalt Essen geht. Am Anfang stand die Überzeugung, dass das Wandkreuz in der Kirche zu traurig, depressiv und wenig frohmachend wäre. Damit waren sich alle Seelsorgenden der JVA Essen einig. So schaute man sich nach einem anderen Kreuz um.
Weniger einig war man sich aber dann bei der Ideensuche. Alle möglichen Vorschläge landeten auf dem Tisch. Klassische Modelle mit einem Christkönig bis hin zu modernen abstrakten Lichtkonstruktionen standen im Raum und wurden wieder verworfen. Als zufällig der Katholische Pastor aus Rüttenscheid, der bereits vor vielen Jahren eine Christusikone für die Anstalt gefertigt hat, bei einem Conveniat von der Suche erfuhr, machte er den Vorschlag einer Kreuzikone, die er uns erstellen würde. Nachdem er einen Entwurf gemacht und ein Modell angefertigt hatte, war das Kreuz gefunden: „Das ist das, wonach wir gesucht haben“, sagten die Gefängnisseelsorger Luka und Schütz.
Im Laufe von drei Jahren schrieb Pastor Scherges die Ikone für die Anstaltskirche. Der JVA war es möglich, die Materialkosten zu übernehmen und eine notwendige künstlerische Begleitung zu finanzieren. Dass es so lange dauern sollte sollte, war den Wassereinbrüchen geschuldet und neue Fenster mussten in der Kirche installiert und die Wand grundlegend saniert werden. „Erwartungsgemäß kostete das viel Zeit und auch Nerven“, sagt Klaus Schütz, der katholische Seelsorger. Nachdem die Vorarbeiten erledigt worden waren, konnte das neue Kreuz an der Wand montiert und Anfang März in einem ökumenischen Gottesdienst unter Beteiligung des Gefangenenchores feierlich eingesegnet werden. Pastor Scherges, der Schreiber der Ikone, nahm am Gottesdienst teil und erläuterte in der Predigt den Anwesenden die Bedeutung der Ikone und die zu sehenden Details.
Ikonen schauen die Menschen an
„Ikonen haben immer einen bestimmten Blickwinkel. Denn sie nehmen uns in den Blick, sie schauen uns an. An der Christusikone, die in ihrer Kapelle hängt wird das besonders deutlich. Er schaut uns an. Aus der Verklärung, aus der Ewigkeit, aus der Gemeinschaft heraus, die er mit Gott hat. Im Grunde vermitteln Ikonen uns durch die Menschen, die schon bei Gott sind, dass Gott uns anschaut. Nur er ist nicht darstellbar. Und insofern schauen uns auf den Ikonen die Menschen an, die jetzt bei Gott in der Ewigkeit sind und schon im Leben in besonderer Weise mit Gott in Berührung gekommen sind und mit ihm verbunden waren. Deshalb sind immer beide Augen zu sehen. Es gibt keine Ansicht im Profil, von der Seite. Normalerweise. Vielleicht hat es schon jemand gesehen, dass bei der Kreuzesikone links am Rand einer doch im Profil zu sehen ist. Der Verräter und der Versucher werden auf Ikonen im Profil gezeigt, sie schauen uns nicht an. Und hier finden wir am Rand den Verräter Judas. Und an dieser Kreuzikone wird deutlich, warum das so ist.
Denn Jesu will Verbindung aufnehmen. Und das auf vielfältige Weise. Oben im Hintergrund sehen wir noch den Abendmahlstisch mit Brot und Wein. Jesus gibt sich aus Liebe hin. Will eine Verbindung die bleibt. Das ist mein Leib. Das ist mein Blut. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Bleibt mit mir in Verbindung. In der Verbindung der Liebe. Und dass die Liebe keine Grenzen kennt, zeigt er dadurch, dass er, der Meister seinen Jüngern die Füße wäscht. Ein Dienst, den damals die Sklaven gemacht haben. Jesus macht das freiwillig. Um den Jüngern, um uns Ansehen zu schenken. Er ist sich nicht zu schade, sich klein zu machen, um zu zeigen, wie wichtig wir ihm sind. Wie sehr er uns liebt. Diese Verbindung, diese Liebe kennt keine Grenzen mehr.

Die Reaktion, die Petrus zeigt, scheint zu sagen, „Du spinnst wohl!“ Wenn wir genauer hinschauen, zeigt er aber auf seine Füße und seinen Kopf. Er sagt zu Jesus: „Dann nicht nur die Füße, sondern auch das Haupt.“ Aber die andere Aussage hat vielleicht ein bisschen Berechtigung, weil er ja sagt: ´Niemals sollst du mir die Füße waschen!´ Er kann nicht verstehen, dass Jesus das machen will. Aber wir sehen: Jesus macht das mit Hingabe. Aus Hingabe. Und da sind wir beim Kreuz. Es ist ja kein klassisches Kreuz. Mit dem toten Körper Jesu. Aber die ganze Hingabe ist schon dabei. Sein Leib und sein Blut, die er hingibt in den Gestalten von Brot und Wein. Seine Liebe, die über alle Grenzen hinweggeht, wie in der Fußwaschung deutlich wird. Und unten trifft er sogar auf den Tod in seiner Hingabe. Der Schädel, der unten abgebildet ist, stellt Adam dar, durch den der Tod in die Welt kam. Er kommt in Berührung mit Jesu Blut, mit Jesu Liebe, der sich hingibt und so wird sogar der Tod überwunden. Diese Liebe, diese Hingabe ist stärker als der Tod. Jesus blickt uns also an. Schenkt uns Ansehen. Blickt uns in seiner Liebe an. Und die Jünger werden nach der Fußwaschung aufgefordert diese Liebe ebenso zu leben und weiterzugeben. ´Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.´
Sie blicken uns alle an. Und damit kommen wir zu Judas, der uns nicht ansieht. Jesus hat ihm die Füße gewaschen, er hat mit ihm ebenso Mahl gehalten, wie mit den anderen. Wir sehen in den Jüngern ganz unterschiedliche Typen, die ganz unterschiedlich damit umgehen. Jeder nach seiner Persönlichkeit. Jesus hat ihnen allen seine Liebe gezeigt, seine Hingabe gezeigt. Gottes Liebe, Gottes Hingabe Er schaut liebend an. Aber Judas hat sich abgewendet, wollte oder konnte diese Liebe nicht annehmen und weitergeben. Nicht Jesus hat sich abgewendet, nicht Gott hat sich abgewendet, sondern er. Das Angebot der Liebe Gottes gilt für alle. Wir dürfen uns seinem liebenden Blick zuwenden. Die Ikonen blicken uns an. Wollen uns etwas von der Hinwendung Gottes zu uns erfahrbar machen. Sie laden uns ein anzunehmen, dass Gott uns Ansehen schenkt und sie laden uns ein, genauso gegenüber anderen zu handeln.“
Oliver Scherges
„Nach getanem Werk gilt unser Dank nun allen, die an diesem Projekt beteiligt waren. Besonders zu erwähnen sind Pastor Scherges, der Schreiber der Ikone, der dies möglich machte, die Anstaltsleitung und Haushaltsabteilung, die den finanziellen Spielraum eröffneten und dem Werkdienst, der sich um den baulichen Aspekt gekümmert hat“, danken die Seelsorgenden bei der Einführung. Im Segensgebet hieß es: „Segne dieses Zeichen des bitteren Leidens, das er für uns ertragen hat. Uns ist es aber zugleich ein Zeichen des Sieges über Sünde und Tod, Zeichen seiner Liebe und Hingabe zu uns Menschen“. Alle, die dieses Kreuz sehen, werden an diese Liebe zu jedem Einzelnen erinnert egal, was ihre Geschichten sind, dass sie Hoffnung schöpfen aus dieser Liebe und sich mühen, etwas davon weiter zu geben.
Klaus Schütz | JVA Essen





