Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934–1939 (Folge 34).
Bereits in Folge 28 der Artikelserie über „Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934–1939” wurde über interessante Dokumente aus der Zeit des „Dritten Reiches” berichtet, die im Archiv der heutigen JVA Herford eher zufällig gefunden wurden. Es handelte sich dabei zum Beispiel um mehrere Jahrgänge des „Ein- und Auszahlungsbuchs über Gefangenengelder”, die unter anderem zahlreiche Namen von Häftlingen des Zellengefängnisses, des Zuchthauses und auch des späteren Jugendgefängnisses Herford enthalten. Diese Dokumente werden mittlerweile von Fachleuten als so wichtig eingestuft, dass sie vom Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Detmold, übernommen werden sollen.
In den letzten Monaten konnten im Archiv der JVA Herford weitere aufschlussreiche Zeitdokumente ermittelt und teilweise auch ausgewertet werden, die die Geschichte dieser Strafanstalt in den 1930er Jahren betreffen. Durch diese „Ein- und Auszahlungsbücher über Gefangenengelder” ist es in vielen Fällen überhaupt erst möglich, in Verbindung mit anderen Quellen zu bestimmen, ob der betreffende Häftling im Zuchthaus Herford inhaftiert war. Denn in sehr vielen Fällen fehlt in der entsprechenden Fachliteratur der Hinweis auf die Haft in diesem Zuchthaus. Auf diese Tatsache wurde bereits in den Folgen 2 und 6 der vorliegenden Internetserie hingewiesen. Darüber hinaus ist es in vielen Fällen fraglich, ob über den betreffenden Häftling überhaupt schon mal etwas veröffentlicht wurde. Ob beispielsweise in Veröffentlichungen jemals auf die beiden Häftlinge des Zuchthauses Herford, Otto Bänsch und Fritz Engnath, hingewiesen wurde, ist unbekannt.
Häftlinge aus Herne
Bänsch, Otto (Nr. 121/35)
Engnath, Fritz (Nr. 102/35)
Dymel, Alfred (Nr. 442/36)
19. Oktober 1937
Otto Bänsch 1,50 Reichsmark,
Fritz Engnath 1,29 Reichsmark
Alfred Dymel 8,96 Reichsmark
Etwas Geld verdienen in Haft
So gesehen, stellen die „Ein- und Auszahlungsbücher über Gefangenengelder” für die Geschichtsforschung eine wichtige, nicht zu unterschätzende Quelle dar. Dies gilt umso mehr, da für viele Häftlinge des „Dritten Reiches” längst nicht mehr alle Unterlagen (wie zum Beispiel Häftlingskarteikarten zu einzelnen Strafanstalten) vorliegen; manches ist durch Kriegseinwirkungen verloren gegangen oder wurde nach dem Kriegsende 1945 von „Andenkensammlern” einkassiert, um privaten Sammlungen zugeführt oder eventuell viele Jahre später über Militariahändler verkauft zu werden.
Wenn diese „Ein- und Auszahlungsbücher über Gefangenengelder” auch keine Angaben zu den Straftaten und den verhängten Strafen erhalten, so ist doch häufig hinter dem Namen des Häftlings die entsprechende Nummer der Zugangsliste eingetragen worden, die ermöglicht, zumindest das Jahr der Einlieferung in das Zuchthaus Herford zu erkennen; Beispiele hierfür sind Eintragungen für politische Häftlinge, die aus Herne stammten. Diesen drei Häftlingen, die in den Ein- und Auszahlungsbüchern des Zuchthauses Herford unter anderem unter dem Datum 19. Oktober 1937 erwähnt werden, wurden an diesem Tag Beträge ausgezahlt.
Derartige Auszahlungen wiederholten sich in unregelmäßigen Abständen, wie die Ein- und Auszahlungsbücher belegen; so erhielt beispielsweise Alfred Dymel am 23. Oktober 1937 erneut einen Geldbetrag ausgezahlt, dieses Mal 1,10 Reichsmark. Die Inhaftierten – nicht nur des Zuchthauses Herford – konnten sich damals mit täglich zehn Stunden Tütenkleben etwas Geld verdienen; die Hälfte dieses Geldes durften sie für Einkäufe verwenden und konnten sich somit ihren ansonsten recht kargen Speisezettel ein bisschen aufbessern. Auf die drei genannten Häftlinge, die in den Ein- und Auszahlungsbüchern des Zuchthauses Herford unter anderem unter dem Datum 19. Oktober 1937 erwähnt werden, soll im Folgenden näher eingegangen werden. Zwei von ihnen, Otto Bänsch und Fritz Engnath, die im selben Massenprozess verurteilt wurden, werden in einer von der DGB-Geschichtswerkstatt Herne erstellten Liste erwähnt.
Otto Bänsch
Der Schlosser Otto Bänsch, der am 25. Januar 1901 in Breslau geboren wurde und später nach Herne gezogen war, war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 im Widerstand gegen dieses Regime aktiv. Nachdem er deswegen festgenommen worden war, wurde er am 9. November 1934 in das berüchtigte Polizeigefängnis Dortmund („Steinwache”) eingeliefert. 13 Tage später wurde er von dort in das Untersuchungsgefängnis Dortmund überführt, wo er bis zum 19. März 1935 blieb, um dann in die Haftanstalt Werl eingeliefert zu werden. Am 11. Mai 1935 wurde Bänsch in einem Massenprozess, in dem die meisten Angeklagten aus Herne stammten (Aktenzeichen: 5 O.Js. 69/34), vor dem Oberlandesgericht Hamm zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Von der Haftanstalt Werl aus wurde er in das Zuchthaus Herford überstellt, wo er vom 19. Mai 1935 bis zum 20. Oktober 1937 seine Strafe verbüßen musste. Die Strafzeit von Otto Bänsch sollte zwar ursprünglich bis zum 11. November 1937 dauern, dennoch wurde er bereits am 20. Oktober 1937 aus der Haft entlassen. Obwohl er wegen seiner Zuchthausstrafe von den Nationalsozialisten zunächst als „wehrunwürdig” eingestuft worden war, wurde er am 30. Januar 1943 (nach den Kämpfen von Stalingrad) zum Bewährungsbataillon 999 eingezogen, dem er bis zum 8. Mai 1945 Einsatz angehörte. Otto Bänsch starb am 16. September 1980 in Herne.

Ausschließungsschein für Alfred Dymel, ausgestellt ein halbes Jahr nach seiner Entlassung aus der Haft. Quelle: Privatarchiv Rolf Dymel
Fritz Engnath
Auch der Gärtner Fritz Engnath, der am 22. Juli 1905 in Tankow, Kreis Friedeberg/Neumark (Pommern) geboren wurde, gehörte nach 1933 in Herne einer Widerstandsgruppe an. Wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime wurde er am 20. Oktober 1934 in das Polizeigefängnis Dortmund und einen Monat später in das Untersuchungsgefängnis Dortmund eingeliefert, wo er bis März 1935 blieb, um dann zur Haftanstalt Werl überführt zu werden. Am 11. Mai 1935 wurde Fritz Engnath im selben Massenprozess wie Otto Bänsch zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Von der Haftanstalt Werl aus wurde Engnath in das Zuchthaus Herford überstellt, wo er vom 13. Mai 1935 bis zum 21. Oktober 1937 seine Strafe verbüßen musste. Das geplante Strafende von Fritz Engnath war ursprünglich auf den 11. Mai 1939 festgelegt worden, dennoch wurde auch er – ähnlich wie Otto Bänsch – vorzeitig aus der Haft entlassen. Fritz Engnath starb am 5. Mai 1984 in Herne.
Alfred Dymel
Über den sozialdemokratischen Widerstandskämpfer Alfred Dymel liegt eine biographische Skizze vor, die sein Sohn, Rolf Dymel, verfasst hat und auf die im Folgenden Bezug genommen wird. Der Schlosser Alfred Dymel, geboren am 3. März 1911 in Herne, gehörte dort nach 1933 zu einer kleinen Gruppe junger Sozialdemokraten, die Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Rolf Dymel über deren Widerstandstätigkeit:
„Der Schwerpunkt der Gruppe lag aber wie bei den meisten widerständigen Sozialdemokraten auf dem Informationsaustausch und der Beschaffung und Weiterreichung von Informationsschriften des SOPADE-Exilvorstandes. Über ein Netz von Kurieren, Schmugglern und Materialanlaufstellen gelangen illegale Zeitschriften und getarnte Schriften ins Ruhrrevier – auch nach Herne. […]
Diese Aktivitäten blieben leider der Gestapo nicht verborgen. 1935 war bereits ein großes von der Brotfabrik ‚Germania’ in Duisburg organisiertes Verteilernetz, das Lesekreise vom Niederrhein bis ins Ruhrrevier mit illegalen Schriften versorgte, aufgeflogen. Nachdem ein Spitzel der Gestapo Franz Kastner als Kurier preisgab, setzte im Februar 1936 eine großen Verhaftungswelle ein: In Emmerich, Recklinghausen, Gelsenkirchen, Gladbeck, Marl, Castrop-Rauxel, Bochum, Essen, Köln, Stadtlohn, Gronau, Oer-Erkenschwick im Siegkreis und in Herne wurden mindestens 59 Personen verhaftet. Zu den Inhaftierten gehörten neben Alfred Dymel die Mitglieder seiner Gruppe sowie weitere Herner Sozialdemokraten.”
Bereits im Oktober 1936 wurden Alfred Dymel und 26 weitere Mitgefangene vor Gericht gestellt und von den Richtern des IV. Strafsenats des Oberlandesgerichts Hamm im Verfahren mit dem Aktenzeichen 5 O.Js. 127/36 wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt. Alfred Dymel wurde zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren und sechs Monaten und zu drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Einen Teil dieser Strafe musste Alfred Dymel im Zuchthaus Herford verbüßen, wie sein Sohn Rolf später berichtet:
„Die nächste Station seiner Haftzeit war das Zuchthaus Herford, wo er 19 Monate isoliert in Einzelhaft verbringen musste und bei Strafarbeiten gesundheitsschädlichen Dämpfen ausgesetzt war. Danach wurde er in das Strafgefangenenlager Oberems bei Gütersloh verlegt. Hier zog er sich bei schweren körperlichen Arbeiten eine Fußverletzung zu, die ihm zeitlebens Probleme bereitete.”

Entlassungsschein des Strafgefangenenlagers Oberems bei Gütersloh für Alfred Dymel. Auf der Rückseite ist eingetragen, dass Dymel bei der Entlassung 5,04 Reichsmark an eigenem Geld und 38,19 Reichsmark „Arbeitsbelohnung”, also insgesamt 43,23 Reichsmark, ausgezahlt bekommen hat. Quelle: Privatarchiv
Nach Angaben von Rolf Dymel mussten auch folgende Herner Bürger, die im Prozess gegen Alfred Dymel und andere verurteilt worden waren, im Zuchthaus Herford ihre Strafen verbüßen: Robert Brauner, Alfred Kürbitz, Paul Völkel, Josef Wallbraun, Christian Winter und Karl Wolmeyer. Obwohl das geplante Strafende für Alfred Dymel auf den 17. August 1940 festgelegt worden war, wurde er bereits ein Vierteljahr früher, am 17. Mai 1940, aus der Haft im Strafgefangenenlager Oberems bei Gütersloh entlassen, wie auch sein Entlassungsschein belegt. Obwohl auch er wegen seiner Zuchthausstrafe von den Nationalsozialisten zunächst als „wehrunwürdig” eingestuft worden war, wurde er im Verlaufe des Krieges zum Bewährungsbataillon 999 eingezogen. Rolf Dymel berichtet:
„Nach der Ausbildung im Lager Heuberg (Baden-Württemberg) folgten Einsätze in Griechenland und auf der Krim. Dort erkrankte er an Malaria und musste wegen hoher Fieberanfälle mehrfach in Militärkrankenhäuser, zuerst im August 1943 in ein Lazarett bei Kallithea in Griechenland und zuletzt nach dem Rücktransport Mitte 1944 in das Reservelazarett auf dem Truppenübungsplatz Baumholder (Rheinland-Pfalz). Nachdem ab September 1944, vermutlich nach einer Geheimverfügung von Himmler, keine weiteren Rekrutierungen für die 999-Bataillone mehr durchgeführt und diese zum Teil abgebaut wurden, folgte für Alfred die nächste Schreckensfahrt: Am 27. September 1944 aus dem Lager Baumholder entlassen, ging es für ihn zusammen mit vielen anderen 999-Soldaten per Güterzug direkt ins Konzentrationslager Buchenwald.”
Aufgrund einer glücklichen Fügung gelang ihm und weiteren 999ern bereits im Oktober 1944 die Flucht aus diesem KZ. Er kehrte nach Herne zurück und musste dort in den letzten Kriegswochen untertauchen. Alfred Dymel, der nach dem Krieg wieder Mitglied der SPD wurde, starb 1979.
Armin Breidenbach
Quellen und Literatur
Arolsen Archives, Online-Archiv: Verschiedene Dokumente
Bartsch, Norbert: Schriftliche Mitteilung vom 6.2.2026
Bedenkliche Elemente. Zur Geschichte von Hafthaus und Polizeigefängnis in Herne, hrsg. von der DGB-Geschichtswerkstatt Herne, Herne 2021, S. 34, Online einsehbar…
Bilz, Brigitte und Bilz, Fritz: Diesen Menschen hat man mir totgeschlagen. Briefe aus Gestapohaft und KZ, Köln 1999
DGB-Geschichtswerkstatt Herne: Gesamtliste „Personenregister_Allgemeine_Liste_20230228-DGBGeschWerkst Herne”
Dymel, Rolf: Alfred Dymel (1911 – 1979) – Von den Nazis verfolgter Sozialdemokrat in Herne, in: Herne von damals bis heute. Digitales Geschichtsbuch für Herne und Wanne-Eickel, Online einsehbar…
Dymel, Rolf: Schriftliche Auskunft vom 15.3.2026
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, Detmold: Schriftliche Auskunft vom 16.3.2026
Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Münster: Schriftliche Auskunft vom 6.3.2026
Stadtarchiv Herne: Schriftliche Mitteilung vom 16.2.2026
Thematischer Überblick zur gesamten Artikelserie





